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Die Fährerwiese

An der Mainüberfahrt bei Miltenberg befand sich auf dem jenseitigen Ufer eine Wiese, die den Fährern des Städtleins gehörte. Das Grundstück lag jedoch in der Gemarkung von Großheubach, und deshalb erhoben die Heubacher darauf Anspruch, obgleich sie wussten, dass das Besitzrecht im Kirchenbuche der Stadt schriftlich niedergelegt war. Sie wandten sich insgeheim an den Miltenberger Kirchenpfleger, und das war ein hagerer, geiziger Mann, der um einige Golddukaten das Blatt herausschnitt, auf dem die Wiese als Eigentum der Fährer verbrieft stand. So vermochten diese ihr Recht nicht mehr zu beweisen, verloren den Prozeß, und sie mussten die Wiese den Großheubachern überlassen.

Das Verbrechen des Kirchenpflegers kam niemals an den Tag; er starb im Ansehen der Leute als rechtlicher Mann und wurde als solcher begraben. Allein bald nach seinem Tod wanderte auf der Fährerwiese eine lange Gestalt um, von der sich die Miltenberger zuraunten, dass sie dem Kirchenpfleger gliche, und dass er wohl eine Schuld abzubüßen habe. Manches Mal rief der geisternde Mann "Hol, hol!" ins Städtchen hinüber.

In einer Nacht erscholl nun der Ruf wieder, und da fuhr ein Schiffer zum Heubacher Ufer, weil er glaubte, drüben warte ein Einwohner von Miltenberg.

Der lange Kerl steigt ein, redet keine Silbe, grüßt nicht, und der Fährmann sagt auch nichts, weil er den Langen nicht anzusprechen wagt. Jetzt sind sie am Miltenberger Ufer. Der Fremde steigt aus und bricht endlich das Schweigen, indem er barschen Tones fragt: "Was kostet's?" "Nichts!" antwortete der Fährmann. "Das hat dir Gott in den Sinn gegeben", entgegnete der andere, warf eine Münze auf den Schelch und ging von dannen. Wie der Schiffer das Geldstück bei Lichte besah, war's ein alter Weißpfennig. Und er verwahrte ihn zur Erinnerung an den seltsamen Fahrgast in der Kommodenschublade. Die Münze ging auf Kinder und Kindeskinder über und auch die Erzählung von jener nächtlichen Überfahrt.

Quelle: Spessart-Sagen, Valentin Pfeifer, Aschaffenburg 1948, S. 140f