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Der Doktor mit den Böcken

Auf dem Eichelsberg bei Wertheim wohnte ganz allein in einem großen Haus ein alter Doktor, der als Heilkünstler gerühmt ward, sonst aber keinen guten Ruf genoss. Man hielt ihn nämlich für einen Wettermacher und sagte ihm nach, dass er mit Gespenstern umginge.

Sobald aber jemand schwer erkrankte, wurde trotzdem immer wieder der alte Doktor gerufen. Und guckte er unverzüglich zum Fenster heraus, wenn man an seiner Hausglocke zog, so galt das als günstiges Zeichen, und der Kranke erhielt dann gewöhnlich die Gesundheit wieder. Ließ aber der wunderliche Doktor länger auf sich warten, so konnte man daraus schließen, dass es um den Kranken schlecht stand, und es war dem gewöhnlich nicht mehr zu helfen. Eigenartig war auch, dass sich der Doktor niemals zu Fuß zu den Kranken begab, sondern stets auf einem Wägelchen angefahren kam, das von zwei großen Böcken gezogen wurde.

Eines Tages schaute der Doktor von der Höhe auf den Main hinab. Da fuhr ein Nachen talein, darinnen saß eine Schar junger Mädchen, die waren seelenvergnügt und sangen lustige Lieder.

Der Doktor setzte ein Glas vor die Augen, damit er besser sah, und musterte ein Mädchen nach dem andern, bis er den Blick auf die Jüngste lenkte. Die gefiel ihm nun dermaßen, dass er im Innersten berührt ward, und er schaute dem Boote nach, solange er's zu erspähen vermochte. Er sah, dass der Scheich in der Nähe eines Schlosses hielt, das sich an dem Platze erhob, wo heute die "weiße Scheuer" steht. Und es stiegen zwölf Mädchen aus, eines schöner als das andere. Diese Mädchen lebten in schwesterlicher Eintracht auf jenem Schloss, und jeden Monat wechselten sie mit der Küchenarbeit, von der Ältesten bis zur Jüngsten, und wenn die Letzte an der Reihe war, ging auch das Jahr zu Ende.

Nachdem der Doktor die Jungfrauen gesehen hatte, entschloss er sich, um die Jüngste zu werben. Schon am nächsten Tage spannte er die Böcke an den Wagen und fuhr ins Tal zum Schloß. Er sagte den Madchen, was er vorhabe, wen er heiraten wolle und pries alles Erdenkliche, was er einer Frau bieten könne. Die überraschten Mädchen wussten nicht sollten sie über den alten spitzbärtigen Freier lachen oder ihm die Türe weisen. Schließlich meinte die Älteste:

"Lasst uns drei Tage Bedenkzeit, bis dahin werden wir die Sache überlegen und Euch dann Antwort sagen." Der Alte gab sich zufrieden, bestieg das Wägelchen und fuhr mit seinen Böcken ab.

Nach drei Tagen hielt das Bocksgespann abermals vor dem Schlosse. Der Freier wurde festlich empfangen und hinauf in den prächtigen Saal geleitet. Hier waren noch viele Wertheimer Mädchen versammelt, die zur Feier eingeladen waren. Auf dem Samtstuhle inmitten der Halle saß eine tief in Gewänder und Schleier gehüllte Gestalt. Der Freiersmann wurde ersucht, den Schleier fortzunehmen. Da hob er in seiner Freude den Schleier in die Höhe, schrak aber dann entsetzt zurück. Denn statt des Mädchens guckte ihn eine alte Katze an und miaute dazu. Der Doktor brüllte vor Wut über die ihm angetane Schmach, stürzte, Rache schwörend, aus dem Schlosse, stieg auf seinen Bockswagen und raste wie Sturm und Ungewitter nach Hause. Er suchte in dicken Büchern nach einem kräftigen Zauberspruch und kehrte des Nachts zwischen elf und zwölf ins Schloß zurück, wo es noch recht lustig herging. Bums! stieß der Doktor die Saaltüre auf, murmelte seinen Zauberspruch und schrie: "So, jetzt sollt ihr das sein, womit ihr mich verhöhnt habt." Und im selben Augenblick wurden sämtliche Mädchen in Katzen verwandelt, die mit lautem Geschrei davonrannten. Zugleich erhob sich ein Sturm, als ginge die Welt unter. Der Main schwoll an wie beim größten Hochwasser und unterhöhlte die Grundmauern des Schlosses, wonach dieses mit donnerndem Krachen einstürzte. Am anderen Tage war von dem Schloss nichts mehr zu sehen als der halbzerstörte Nebenbau, den man später zur Scheune benützte. Und diese steht noch heute als "weiße Scheuer" am alten Platze und trägt die Jahreszahl 1565. Dass das Gebäude aber vorher etwas anderes war als eine Scheune, erkennt man an den bemalten Balken der Decke und an den ausgemalten Feldern zwischen dem Gebälk. Denn solche Verzierungen gibt es sonst bei Scheunen nicht.

Den Doktor mit den Böcken kann man zeitweilig noch sehen. Die ihm zugefügte Schmach lässt ihn sogar im Grabe nicht ruhen. Jedes Jahr, am gleichen Tage, an dem ihm der Spott widerfuhr, rast er vom Bergesgipfel, wo ehemals sein Haus gestanden, die Eichenstiege hinab. Aus den Rädern seines Wagens sprühen Funken, die Böcke speien Feuer, und ihre Augen leuchten wie glühende Kohlen. Sobald er sich der "weißen Scheuer" naht, springen deren Torflügel auf, als ob sie ein Sturmwind auseinanderrisse. Der Doktor fährt hinein, eine Menge Katzen kreischen auf wie seinerzeit nach der Verwünschung, der Doktor hetzt die Katzen durch die Räume, und erst beim Hähnekrähen kehrt er auf die Höhe zurück.

Quelle: Spessart-Sagen, Valentin Pfeifer, Aschaffenburg 1948, S. 213ff