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Der Bauernschreck

An der Stelle, wo vor der Mainkanalisierung die Aschaff einmündete, erhob sich vor mehr als tausend Jahren ein Schloss, worin ein Graf hauste, der seinen Untertanen alles Übel antat. Er ritt mit den bewaffneten Mannen, die ihn stets begleiteten, über die Felder der Bauern und kümmerte sich nicht um den angerichteten Schaden, sondern ließ sogar noch absichtlich die mühsam gepflanzten Früchte zerstampfen und vernichten.

Einmal hatte es ein Bauer gewagt, einige Reiter vom blühenden Roggenfeld zu weisen; da ward er in den Turm gesperrt und musste bei kargem Brot langsam verhungern.

Nachdem der Graf alt geworden war und nicht mehr ausreiten konnte, fuhr er im Wagen durch die Flur, wobei er ebenso wenig die gebahnten Wege benutzte wie zuvor. Bald gab es in der Umgebung kaum mehr als zerstampftes Gras, denn das junge Getreide wurde von den darüberrollenden Wagen und den Hufschlägen der Pferde großenteils vernichtet.

Eines Tages nun fuhr der Herr durch die Dorfstraße, wo gerade drei Knaben arglos ihr fröhliches Spiel trieben. Was tat der herzlose Mann? Er fuhr hohnlachend über die Kinder hinweg, ohne auf die Angstschreie der entsetzten Eltern zu achten und jagte gleichgültig weiter. Auf einmal zuckt ein Blitz vom Himmel gleich einer feurigen Geißel und schlägt den Bösewicht samt Wagen und Pferden in die Erde hinein, die sich öffnet und wieder schließt.

Von jetzt an besserte sich das Los der Bauern, denn die künftigen Schlossherren hüteten sich vor allzu großer Strenge, zudem der verfluchte Burggraf alle neun Jahre wie zu eindringlicher Mahnung aus der Erde stieg und zur Mitternachtsstunde um sein ehemaliges Besitztum fuhr. Dabei berührte er jedoch niemals die Äcker jener Bauern, die er in seiner Lebzeit geschädigt hatte.

Quelle: Spessart-Sagen, Valentin Pfeifer, Aschaffenburg 1948, S. 40