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Alzenau

Im 14. Jahrhundert siedelte nächst dem Dorfe Wilmundsheim, am linken Kahlufer, der edle Ritter von Brandenburg. Er lebte mit seinem jungen Weibe glücklich und zufrieden und beteiligte sich nicht an den verderblichen Fehden, wie sie damals auch im Freigericht üblich waren. So gelangte er mit den Jahren zu großem Wohlstand.

Aber die mächtigsten Herren des Freigerichtes waren die Edlen von Ronneburg. Sie genossen solches Ansehen, dass sie das Amt des Landrichters innehatten und diese Würde bei ihrem Geschlechte verblieb. Doch im Laufe der Zeit arteten sie aus und gerieten durch ihr zügelloses Leben in Rückgang. Sie sahen voll Neid den Aufstieg des Brandenburgers, und in einer Nacht überfielen sie ohne jeden Grund seine Burg. Der friedlich gesinnte Ritter konnte mit den wenigen Knechten keinen Widerstand leisten und musste sich bedingungslos ergeben. Er bat um freien Abzug für sein Weib. Die Ronneburger bewilligten es auch und erlaubten der Burgfrau noch mitzunehmen, was sie tragen könne. Was denkst du, wen sie mitgenommen hat? Sie lud ihren Eheherrn auf den Rücken und trug ihn aus der Burg. Die Ronneburger machten verdutzte Gesichter; denn so hatten sie es nicht gemeint. Ihr Wort zu brechen, getrauten sie sich aber doch nicht, und sie ließen die Burgfrau ziehen. Das schwache Weib brach fast vor Erschöpfung zusammen. Trotzdem schleppte sie ihren Mann über die Kahl die Anhöhe hinauf. Die Frau keuchte und stöhnte, so dass der Ritter sie bat, ohne ihn weiterzugehen, weil er lieber selbst verloren sein als sie verlieren wolle. Aber das Weib, dem der Atem zu vielen Worten fehlte, entgegnete nur: "All zu nahe!" Mit letzter Anstrengung wankte sie über die Höhe in den Eichenwald hinein, und jetzt waren beide den Blicken der Feinde entschwunden und in Sicherheit.

Im ganzen Freigericht hatte der Überfall durch die Ronneburger helle Entrüstung hervorgerufen, und auf dem Märkerding, das am 24. April 1386 unter der großen Linde bei Wilmundsheim abgehalten wurde, entsetzte man den Landrichter Johannes von Ronneburg seines Amtes und stieß ihn mit der ganzen Sippe aus der Märkerschaft aus.

Alsdann sammelte sich dieselbe zum Sturme auf die Brandenburg, in der sich die Ronneburger seit der Vertreibung des rechtmäßigen Herrn festgesetzt hatten. Die Raubritter wurden überwältigt, und die Burg ging in Flammen auf.

Wohl konnte nun der Ritter von Brandenburg zurückkehren; aber er hätte die in Trümmern liegende Burg von Grund aus neu aufbauen müssen, und so ließ er die Ruine, wie sie war, und baute an jener Stelle, wo sein Weib vor Ermattung fast umsank und ihn trotzdem weiter trug, ein neues Schloss und hieß es zur steten Erinnerung an die Liebe und Treue seines Weibes "Allzunah".

Aus dieser Bezeichnung entstand allmählich der Name "Alzenau". Die Burg Alzenau steht großenteils noch unversehrt; von der Brandenburg jedoch sieht man kaum mehr den Wallgraben.

Quelle: Spessart-Sagen, Valentin Pfeifer, Aschaffenburg 1948, S. 67ff