SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Deutschland >> Bayern >> Spessart Sagen

   
 

Die Äbtissin im Schmerlenbacher Walde

Im Kloster Schmerlenbach war einmal eine Äbtissin, eine geizige und hartherzige Frau. Statt die Hungrigen zu speisen, ließ sie die Bettler mit Hunden von der Pforte jagen, und sie verweigerte auch den Armen, dass sie im Klosterwalde dürres Holz lasen. Der Förster sollte die Leute einfangen und nach Schmerlenbach bringen, wo sie in den tiefsten Keller gesperrt wurden und wegen der paar dürren Reiser hungern und frieren mussten.

Mehrere Jahre ging dies so zu, bis schließlich der Mainzer Kurfürst vom schmählichen Treiben der Äbtissin erfuhr und eines Tages unvermutet im Kloster Schmerlenbach eintraf. Er besah alle Räume und verlangte auch in den Keller geführt zu werden. Da zögerte die Äbtissin und wusste hiergegen allerlei einzuwenden. Doch es half ihr nichts, und sie musste auf fürstlichen Befehl den Keller öffnen. Dort drinnen hockten nun die armen Menschen auf dem feuchten Boden, frierend und halb verhungert.

Der erzürnte Kurfürst gab den Gefangenen augenblicklich die Freiheit und ließ sie auf Kosten der Äbtissin reichlich mit Essen und Trinken bewirten.

Als der fürstliche Herr fort war, geriet die geizige Alte in solche Wut, dass sie wetterte und schimpfte und in ihrem maßlosen Zorne tot umfiel.

Die Armen weinten ihr keine Träne nach. Jetzt durften sie wieder im Walde Holz lesen, so viel sie wollten. Aber sie erschraken nicht wenig, als sie beim Reisersammeln plötzlich die Äbtissin zwischen den Bäumen geistern sahen. Und sonderbar: wo sie sich zeigte, fanden die armen Leute
immer eine Menge dürre Holzstecken. Es schien, als ob die Äbtissin nach ihrem Tode gutmachen wolle, was sie im Leben gegen die Armen gefehlt hatte.

Quelle: Spessart-Sagen, Valentin Pfeifer, Aschaffenburg 1948, S. 39f