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Der Schneider, der Riese und der graue Stein auf dem Wildbarren

Am südöstlichen Hang des Wildbarrens liegt in etwa 700 m Höhe ein Granitblock, ein "Findling", den einst der Inngletscher aus der Schweiz hierher transportiert hat, wo die Berge ringsum aus Kalkstein aufgebaut sind. Die größte Kantenlänge des sehr unregelmäßigen Prismatoids beträgt 3,20 m, der Rauminhalt etwa 8,3 cbm und das Gewicht annähernd 25 Tonnen.

Vor vielen hundert Jahren hauste in einer geräumigen Höhle auf dem Wildbarren ein gewaltiger Riese. Darin diente ihm ein gewaltiger grauer Felsblock als Tisch. Andere kleine Felsbrocken benützte er als Stühle. Unermeßliche Reichtümer an Gold, Silber und Edelsteinen und Bergkristallen bedeckten den Boden der Höhle und waren an den Wänden derselben aufgestapelt. Zwischen fein gearbeiteten Bechern, Tellern und Schmuckstücken funkelte es nur so von Edelsteinen in den leuchtendsten Farben. Der Riese selber, Besitzer dieser Kostbarkeiten, hatte aber nichts anzuziehen. Nackt hockte er in seinem Felsenloch oder er streifte durch die Wälder auf Nahrungssuche oder er lag trag im warmen Sonnenschein vor seiner düsteren Behausung. Obgleich nur ganz selten Menschen in seiner Nähe vorbeikamen, ärgerte er sich über seine Nacktheit, und er versteckte sich scheu vor den menschlichen Bewohnern der Berge und Täler. Aber, woher sollte er schon Hemd und Hose nehmen?

Da begab es sich eines Tages, daß ein Schneider auf Stöhr ging, auf die Almen und einsamen Berghöfe, wo man für ihn schon Näh- und Flickarbeit und auch manches neu anzufertigende Kleidungsstück bereit hielt. Die Bergpfade waren von den Gewittergüssen der letzten Tage schon kaum mehr als solche zu erkennen. Darum hatte der Schneider sich ein wenig verlaufen und er stand unversehens vor dem Eingang der Riesenunterkunft. Der Höhlenbewohner hatte aber den einsamen Wanderer schon von weitem daherkommen gesehen und er schaute nun so vorsichtig beim Höhlenausgang hinaus, daß nur sein Kopf von draußen zu sehen war, um den unfreiwilligen Besucher nicht von vornherein zu verscheuchen. Denn an dessen Aufmachung und Gepäck hatte er erkannt, daß das ein wandernder Schneider sein mußte. Jeden anderen hätte er mit Gebrüll verjagt.

Mit der leisesten Stimme, deren er fähig war, redete er den erschrockenen Schneider an, freundlich und beruhigend, und er bat ihn, in seine Höhle einzutreten. Neugierig, wie nun einmal Stöhrschneider waren, die viel herumkamen, folgte dieser der Einladung und erfuhr bald vom Kummer des Riesen. Der Schneider bestärkte ihn noch in seinem Verlangen, als er sagte: "Du scheinst zwar unwahrscheinlich reich zu sein, bist aber trotzdem ein armer Tropf, denn du hast ja nicht einmal etwas anzuziehen!".

Da rückte der Riese mit seinem Anliegen heraus, der Schneider solle ihm Kleider anfertigen, daß er sich nicht vor den Menschen schämen und verstecken müsse. Es solle sein Schaden schon nicht sein, wenn er sich dieser Mühe unterziehe.

Inzwischen hatte sich der Schneider ausgiebig in der Höhle umgesehen, und was er da sah, das ließ nicht nur seine Augen, sondern auch sein Verlangen immer größer werden. In seinem Köpfchen entstand bereits ein hinterlistiger Plan. Zunächst machte er dem Riesen klar, wie schwierig es für einen Schneider wäre, für so einen Riesenkerl einen Anzug zu nähen, und welche Vorbereitungen dazu vonnöten wären und eine wie lange Zeit solche Arbeit erfordere. Der Riese sah das alles ein, war aber von seinem Wunsche natürlich nicht abzubringen, so er nun schon mal einen Schneider hier hatte.

Nun schlug der Schneider vor, daß er erst mal an seinem überdimensionalen Kunden Maß nehmen müsse. Dann wolle er ins Dorf hinab gehen, um die nötige Menge Stoff und Nähzeug zu beschaffen, und dann wolle er damit wiederkommen und all seine Kunst aufwenden, um einen hübsch angezogenen Burschen aus dem struppigen, haarigen Kerl zu machen. Dem Riesen war das recht.

Neben seinem großen steinernen Tisch setzte sich der Riese auf den Boden und der Schneider kletterte an ihm herum und er nahm Maß an dem ungewöhnlichen Auftraggeber. So kitzelig das auch für den Riesen war, wenn das kleine Schneiderlein sich durch seine wolligen Brusthaare durchwühlte, als wäre es ein Dickicht, oder wenn er wie eine Ameise auf seinen mächtigen Schultern herumkroch, er ließ es gerne über sich ergehen.

Endlich war der Schneider schwitzend mit seiner Tätigkeit zu Ende gekommen. Er versprach, am anderen Morgen wieder heraufzukommen, wenn er sich unten im Tal vorher mit allem Nötigen versorgt hätte. Dann würde er gleich mit der eigentlichen Schneiderarbeit anfangen. Der Riese war's zufrieden und ließ den Schneider ziehen.

Auf seinem Weg ins Tal spornten den Schneider der Neid auf den Riesen mit seinem ungeheueren Reichtum und die Habsucht an, sodaß er in der Hälfte der Zeit, die er bergauf gebraucht hatte, den Weg ins Dorf hinab hinter sich brachte. Dort besorgte er sich einen großen Sack, stopfte ihn voll mit dem stärksten Zwirn, den es gab, und richtete sich auch einen Ballen Tuch in leuchtend buntem Farbmuster zurecht. In aller Morgenfrühe wollte er sich diesen unter den Arm klemmen, während er den Sack auf dem Rücken schleppen würde, wenn er morgen zu dem Riesen zurückkehren würde. Müde, aber zufrieden mit sich selbst legte er sich schlafen.

Schon beim ersten Hahnenschrei sprang der Schneider am nächsten Morgen vom Strohsack, belud sich mit den bereitgestellten Sachen und stapfte den Wildbarren hinauf. In seiner Gier nach den Reichtümern des Riesen verspürte er die Last kaum und war bald am Ziel. Der Riese freute sich, als er schon so früh am Tag des Schneiders ansichtig wurde. Wie tags zuvor setzte er sich in der Höhle neben dem Steintisch auf die Erde und ließ geduldig den Handwerksmann an ihm herumhantieren. Der Schneider hatte ihm nämlich Stoff um die Schultern gehängt und der Einfachheit halber gleich am Körper des Riesen zugeschnitten und begann nun, die einzelnen Teile am Riesen so zusammenzunähen, wie sie aneinander paßten. Bei dem unerhörten Umfang des Riesen dauerte das aber Stunde um Stunde. Und weil der Riese ja vom Schneider schon so früh geweckt worden war, schlief er bald, an den steinernen Tisch gelehnt, ein. Ein lautes Schnarchen versicherte dem Schneiderlein, daß der Riese nun sehr fest schlief. Da nähte er ihn mit dem fast unzerreißbaren Zwirn an den Baumwurzeln fest, die um den steinernen Tisch herumgewachsen waren. Immer schneller setzte er Stich um Stich und zog den Zwirn um den Körper des Riesen immer wieder. Endlich glaubte der Schneider, er habe es geschafft und der Riese könne sich so schnell nicht befreien, wenn er wach würde. Jetzt leerte er den mitgebrachten Sack gänzlich aus und stopfte ihn voll mit goldenem und silbernem Geschmeide und was er nur fassen und zusammenraffen konnte. In der Eile machte er aber soviel Lärm dabei, daß der Schläfer allmählich erwachte. Gerade, als der Schneider vollbeladen aus der Höhle hinaussetzte, war der Bestohlene ganz munter geworden und erkannte sofort, daß das gierige Menschlein ihn berauben wollte. Er wollte aufspringen und mit Riesenschritten dem Dieb nachrennen, wurde aber dabei jählings von den hundertfachen Zwirnsfäden festgehalten. In seiner ungeheueren Wut nahm der Riese all seine Kraft zusammen, spannte immer wieder seine Muskeln, und knax! knax! knax! zersprangen die Fesseln. Im Nu rappelte sich der Hüne auf. Er konnte den Davonjagenden gerade noch sehen, bevor er in dem Bergwald da unten verschwinden würde. Er packte seinen Steintisch, sprang damit aus der Höhle und mit unwahrscheinlichem Schwung schleuderte er den grauen Stein dem Fliehenden nach. Der Felsblock zermalmte den diebischen Schneider und begrub ihn unter sich.

Längst ist der Riese ausgewandert und seine Höhle ist verfallen. Die Leiche des Schneiders ist vermodert. Der Riese ist weiter hineingezogen ins Hochgebirge und höher hinauf geflohen vor den Menschlein, denen er ähnlich sein wollte. Sie werden ihn an seinen weiteren Zufluchtsorten auch eingeholt haben mit ihrer Zivilisation. Vielleicht haben sie ihn auch damit zugrundegerichtet. Der "Graue Stein" aber liegt noch heute auf dem Wildbarren.

Quelle: Einmayr Max, Inntaler Sagen, Sagen und Geschichten aus dem Inntal zwischen Kaisergebirge und Wasserburg, Oberaudorf 1988, S. 64