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Der feurige Tatzelwurm auf dem Wirtshausschild

Anläßlich der Eröffnung des Alpengasthofs "Zum feurigen Tatzelwurm" hat für seinen Erbauer, Simmerl Schweinsteiger, der badische Hofmaler August Vischer ein Bild dieses sagenhaften Untiers gemalt, das dann über den Fenstern des Erdgeschoßes angebracht und im Beisein einer großen Zahl berühmter und gelehrter Herren mit ihren Damen enthüllt wurde. Einer von ihnen war bis von Zürich angereist. Darüber schreibt Ludwig Steub 1864 in seinen "Wanderungen durchs bayerische Gebirge", daß bei dieser "alpenhaften Feier... Volksmänner, Abgeordnete und die Väter verschiedener Gemeinden, Gelehrte und Dichter, Architekten, Chemiker und Buchdrucker . . . Geschichts-, Natur- und andere Forscher, ja selbst ganz einfache Schriftsteller" dabei waren, als man "das Plaid" von dem Bild abnahm, um es den ungeduldig Wartenden endlich zu zeigen. Und dann hat "ein Herr Allfeld mit seiner wohlklingenden und mächtigen Baßstimme" das nachfolgende Gedicht vorgetragen, wobei alle Anwesenden in den Refrain mit einstimmten. Dieses Gedicht aber hatte kein Geringerer als der schwäbische Dichter Viktor von Scheffel eigens für seinen Freund Schweinsteiger und dessen Wirtshaus geschrieben. (Er ist der Schöpfer des "Ekkehard" und des "Trompeter von Säckingen".)

Als noch ein Bergsee klar und groß
In dieser Täler Tiefen floß,
Hab ich allhier in großer Pracht Gelebt,
geliebt und auch gedracht
Als Tatzelwurm.

Vom Pendling bis zum Wendelstein
War Fels und Luft und Wasser mein.
Ich flog und ging und lag gerollt,
Und statt auf Heu schlief ich auf Gold
Als Tatzelwurm.

Hornhäutig war mein Schuppenleib
Und Feuerspei'n mein Zeitvertreib.
Und was da kroch den Berg herauf,
Das blies ich um und fraß es auf
Als Tatzelwurm.

Doch als ich mich so weit vergaß
Und Sennerinnen roh auffraß,
Da kam die Sündflut grausenhaft
Und tilgte meine Bergwirtschaft
"Zum Tatzelwurm".

Jetzt zier' ich nur gemalt im Bild
Des Schweinsteigers neues Wirthausschild.
Die Senn'rin hört man jauchzend schrei'n
Und keine furcht' das Feuerspei'n
Des Tatzelwurms.

Und kommt so ein gelahrtes Haus,
So höhnt's und spricht: "Mit dem ist's aus!
Der war ein vorsintflutlich Vieh.
Doch weise Männer sah'n noch nie
den Tatzelwurm."

Kleingläub'ge Zweifler! Kehrt nur ein,
Und setzt auf Bier Tiroler Wein .. .!
Ob ihr dann bis nach Kufstein fleucht,
Ihr spürt, daß ich euch angekeucht
Als Tatzelwurm.

Und ernsthaft spricht der Klausenwirt: 1)
"Schwernot! Woher sind die dahergeirrt?
Das Fußwerk schwankt... Im Kopf ist Sturm …
Die sehen all' den Tatzelwurm!
Den Tatzelwurm!"


1) Gemeint ist das Wirtshaus "Zur Klause" an der Straße von Kiefersfelden nach Kufstein bei der Hechtseeauffahrt.

Quelle: Einmayr Max, Inntaler Sagen, Sagen und Geschichten aus dem Inntal zwischen Kaisergebirge und Wasserburg, Oberaudorf 1988, S. 119