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Vom goldträchtigen Kranzhorn

Früher kamen venezianische Händler in unsere Gegend, die mit Schmuckwaren, mit Gold und Silber handelten und sehr gewiegte Kaufleute waren. Man nannte sie einfach "Venediger".

Vor langer Zeit wurde in der Gegend zwischen Windshausen und Nußdorf ein Venediger gesehen, der sich auf den Weg aufs Kranzhorn machte. Weit oben am Berg kam er an eine Quelle. Unter diese setzte er einen Topf, aber nicht so, daß das Quellwasser direkt in das Gefäß hineinfließen konnte, sondern er stellte es ein wenig abseits. Dann suchte er Tannen- und Fichtendaxen und legte diese Zweige so, daß das Wasser über sie hinweg in den Topf rinnen mußte. Darauf verließ das Venedigermanndl den Berg und die Gegend.

Übers Jahr kam der Venediger wieder und stieg hinauf aufs Kranzhorn zu seinem Topf. Der war inzwischen voll Gold geworden. Das leerte er in seinen Schnappsack und stellte dann den Hafen wieder so unter die Quelle wie vordem.

Viele Jahre hintereinander kam der Venediger aufs Kranzhorn, um seinen Schatz abzuholen. In Windshausen sahen ihn die Leute immer durchwandern. Aber wo die Goldquelle ist, hat er keinem verraten.

Einmal hat eine alte Bäuerin von Windshausen ihre Kuh aufs Kranzhorn auf die Weide getrieben. Weil es ein recht heißer Tag war, ging sie zu einer Quelle, die sie in der Nähe wußte, und erfrischte sich. Eine kleine Weile setzte sie sich in den Schatten eines Felsvorsprungs. Dabei geriet ihr ihre Kuh außer Sicht. Sie stand auf, um nach dem Tier zu sehen, aber mittlerweile war dieses über Stock und Stein entschwunden.

Also mußte die Alte suchen gehen. Dabei kam sie an einer engen Felsspalte vorüber, in die sie zufällig hineinschaute. Sie meinte, dort im Fin-stern etwas blinken zu sehen. Deshalb ging sie näher hin und sah da einen irdenen Topf stehen, in den langsam, aber stetig vom Fels herab Gold tropfte. Sogleich langte sie danach und wollte es an sich nehmen. Doch in dem Augenblick, da sie das Geschirr berührte, begann ringsum ein mächtiges Getöse, und es schien, als zitterte der ganze Berg. Voller Schreck rannte sie Hals über Kopf davon und war froh, als sie gleich darauf ihre Kuh friedlich grasend wieder fand.

Die Venediger mochten schon recht haben, wenn sie sagten: "Wenn ihr den Wert des Kranzhorns kennen würdet, so würdet ihr vor ihm den Hut ziehen." Das beweisen auch folgende Geschichten:


Zwei Kreuze stehen auf dem Doppelgipfel des Kranzhorns auf zwei benachbarten Felsspitzen. Das eine steht auf der bayerischen, das andere auf der Tiroler Seite des Berges. Darum heißt dieser Berg in Tirol nicht Kranzhorn, sondern Grenzhorn. Trotzdem wußten im vorigen Jahrhundert alte Leute noch davon zu berichten, daß man an manchen Abenden sehen kann, daß der hornförmige Gipfel von einer goldenen Kette oder einem goldenen Kranz umgeben war, weil tief im Berginneren der Bergfürst wohnt.

Einmal sah eine Almerin neben dem bayerischen Gipfelkreuz eine Grube, die aussah wie ein offenes Grab. Nähertretend gewahrte sie, daß mehrere Stufen in die Tiefe hinabführten. Weil sie eine beherzte Person war, stieg sie hinunter und entdeckte am Boden der Grube einen Bund Birkenreisig. Als sie diesen beiseiteschob, kam eine Menge kohlschwarzer Steine zum Vorschein. Diese kamen ihr so absonderlich vor, daß sie so viele davon mitnahm, wie sie in ihren Rock- und Jackentaschen unterbringen konnte. Daheim wollte sie den seltsamen Fund vorzeigen.

Zu Hause angekommen, ging sie sogleich in ihre Kammer. Dort wollte sie die Steine erst einmal vor sich ausbreiten. Sie griff in ihre Taschen, aber was sie daraus hervorholte, das waren keine schwarzen Steine mehr, sondern lauter Goldbrocken.

Unter dem Gipfel des Kranzhorns war früher auch eine Kapelle. Einmal kam eine Sennerin zu dieser Kapelle, und frommen Sinnes wollte sie eintreten. Doch auf der Türschwelle hockte eine greuliche Kröte. Mit einem Fuß stieß die Almerin mit Abscheu das Tier weg vom Eingang. Aber gleich hüpfte das Heppei, wie man hierzulande Kröten auch nennt, wieder an seinen Platz und glotzte das Mädchen an. Wieder wollte dieses die Kröte auf gleiche Weise verjagen. Aber da plusterte sich dieselbe auf und bekam rundum Federn wie eine Henne. Erschreckt stieg die Sennerin über dieses seltsame Wesen hinweg und machte rasch die Kapellentüre auf. Doch vor ihr huschte die gefiederte Kröte ins Kirchlein. Vor dem Altar setzte sie sich auf ihre Hinterbeine und legte die Vorderpfoten kreuzweise wie bittend oder dankend übereinander. Bis sich die Almerin von ihrer Verwunderung erholt hatte, war das Tier spurlos verschwunden. Sicher hatte solchermaßen eine arme Seele ihre Erlösung gefunden.

Quelle: Einmayr Max, Inntaler Sagen, Sagen und Geschichten aus dem Inntal zwischen Kaisergebirge und Wasserburg, Oberaudorf 1988, S. 141