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Die Kundel vom Heuberg

Gegenüber dem Dörflein Fischbach steigt auf der anderen Seite des Inn ein mächtiger Bergstock empor mit senkrecht abfallenden Felswänden unter den Gipfelzacken und steilen Wiesenhängen dem Tal zu. Heuberg heißt er, weil die großen grünen Matten herrliches Gras und Heu liefern für das Vieh auf der Almweide beziehungsweise während des Winters im Stall.

Heuberg, Bayern © Barbara Holzner

Heuberg
© Barbara Holzner

Vor langer Zeit besaß ein Bauer aus Nußdorf droben auf diesem Berg eine besonders ergiebige Almweide mit saftigem, fettem Gras, wie es ringsum keine solche mehr gab. Die Kühe, die den Almsommer dort oben verbrachten, lieferten dementsprechend gute Milch in weit über dem Durchschnitt liegenden Mengen. Diese Alm bewirtschaftete eine Sennerin, die wohl das schönste Mädchen weit und breit im ganzen Inntal war. Mit dem Taufnamen hieß sie Kundel, wohl eine Abkürzung für Kunigunde. So hübsch und fesch das Mädchen war, so stolz und hartherzig war es aber auch.

Eines Tages hat die Kundel Brot gebacken, und sie war gerade dabei, aus dem neben der Almhütte stehenden Backofen die fertigen Brotlaibe herauszunehmen, als ein altes, kleines Männlein hinzukam. Gar inständig bat dieses um ein Stück von dem Brot, das da so duftend vor den beiden lag. Schon zwei Tage, meinte der seltsame Wanderer, hätte er keinen Bissen mehr zwischen den Zähnen gehabt, sein Wanderbeutel sei leer und der knurrende Magen ebenso. Die unbarmherzige Almerin aber wies den Bettelnden mit groben Worten ab. Als dieser noch mehr um nur ein kleines Stück Brot flehte, hob sie einen Stein auf, gab ihn dem Bettler und meinte, das sei Brot genug für ihn.

Der kleine Mann kehrte der mitleidlosen Kundel den Rücken und war bald auf dem Weg ins Tal ihren Blicken entschwunden. Doch nun erhob sich urplötzlich ein schreckliches Gewitter. Der Sturm fuhr heulend um den Berg, Blitze züngelten und zuckten wild herum und das Donnerrollen schien kein Ende zu nehmen. Es war, als ginge die Welt unter. Die Kundel kauerte ich unter den Backofen, während der Regen aus den geborstenen Wolken herniederrauschte.

Ganz allmählich zog das Unwetter ab, und als es wieder lichter wurde, da war Kundels Alm verschwunden. Die hartherzige Sennerin war neben dem Backofen zu Stein geworden.

So steht sie heute noch als Felsblock am Heuberg zur Warnung für alle jene, die Herzen aus Stein haben und die Hungrigen nicht speisen wollen, wie Gott es einst den Menschen anbefohlen hatte.

Quelle: Einmayr Max, Inntaler Sagen, Sagen und Geschichten aus dem Inntal zwischen Kaisergebirge und Wasserburg, Oberaudorf 1988, S. 127