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204. St. Ratperonius.

In und um Kislegg und Rötsee, sowie in Immenried weiß das Volk vieles und Schönes zu erzählen von St. Räbis (Ratperonius). Vor vielen hundert Jahren sei die Gegend von großen Wäldern und Sümpfen bedeckt gewesen. Wilde, rohe Menschen, meist Räuber, hätten da gewohnt. Da sei dermaleinst ein gar frommer Einsiedler von Augsburg hergekommen, um die Gegend zu bekehren. Der hl. Ulrich habe ihn hergesandt. Das Volk nennt ihn nur den hl. Räbis. St. Räbis ließ sich da nieder, wo jetzt Rötsee steht, und baute hier eine Zelle. Hatte von den Räubern alles mögliche Übel auszustehen; so oft er fort war, kamen sie und rissen ihm seine Wohnung nieder. Einstmalen kam Bischof Ulrich von Augsburg auf einer Reise nach Kosten (Konstanz) hier durch und übernachtete in St. Räbis' Zelle. St. Räbis kniete nieder und bat mit aufgehobenen Händen Gott inständig, er möge ihm doch in dieser Nacht Räuber und Ungeheuer von seiner Hütte entfernt halten, was maßen er einen so hohen heiligen Mann beherberge. Und siehe! Als sie morgens hinausschauten, war rings um die Zelle ein See, den Gott auf St. Räbis Gebet hatte entstehen lassen. Dieser See existierte noch bis in unsere Zeit herein; jetzt trocknet er allmählich aus.

Erst noch kürzlich zeigte man einen großen Stein rechts am Fahrwege von Rempertshofen nach Immenried im sog. Windhag, auf dem eine Fußspur eingedrückt war. Auf diesem Steine soll St. Räbis ausgeruht haben, als er von Augsburg her gegen Rötsee kam, und davon rührt die Fußspur. Wenn Kinder vorbeigingen - auch alte taten es gerne -, so setzten sie den Fuß in die Höhlung, weil der Glaube damit verbunden war, man könne dann nicht müde werden. Auch in dem Kirchlein von Rötsee lag im Gange ein Stein mit einer ähnlichen Fußspur. Wer seinen Fuß da hineinlegte, genas, er mochte was immer für Fußleiden haben. Jetzt ist der Stein in die Wand eingemauert und leicht kenntlich.

Quelle: Allgäuer Sagen, Aus K. A. Reisers "Sagen, Gebräuche und Sprichwörter des Allgäus" ausgewählt von Hulda Eggart, Kempten und München 1914, Nr. 204, S. 208 - 209.
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Franziska Meister, März 2005.