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88. Märzenburg und Märzenfräulein bei Kaufbeuren.

Geht man von Kaufbeuren auf der Oberdorf-Füssener Straße in der Richtung gegen Biesenhofen zu, so gelangt man nach etwa 20 Minuten an der einzelstehenden Pudelwirtschaft vorbei an den Fuß des nördlichen Ausläufers eines bewaldeten Höhenzuges, der von Biesenhofen herabzieht, und an dem entlang die genannte Straße und auch die München-Lindauer Eisenbahn hinführt. Der nördlichste Teil dieses Höhenzuges, zu dessen Füßen ein Bahnwärterhäuschen und ein Bauernhof liegt, fällt nach drei Seiten in ziemlich steiler bewaldeter Böschung ab und heißt im Volksmunde die Märzenburg.

Steigt man auf der Nordseite die bewaldete Böschung hinan, so gewahrt man oben angekommen, etwa 50 Schritte vor dem regelmäßig geformten höchsten Punkt, zwei grubenartige Vertiefungen. Die kleinere davon soll von den mißglückten Versuchen, hier Schätze zu graben, herrühren. Von der größeren daneben aber soll ehedem ein jetzt freilich verfallenes Loch in die Tiefe, in die unterirdischen Räume und Gewölbe der Burg geführt haben, von dem noch jetzt lebende alte Leute der Umgegend wissen, und durch das sie in ihren Kinderjahren öfters Steine hinabgeworfen hätten, die man dann lang habe kollern hören. Auf dem wohlabgerundeten kleinen Hügel soll vor alten Zeiten eine Burg gestanden haben, die Märzenburg, die später versunken sei, und an die sich die Sage vom "Märzenfräulein" knüpft.

Auf der Märzenburg stand einstens ein Schloß; darin wohnten drei Jungfrauen, von denen zwei weiß und eine schwarz waren. Sie besaßen ungeheure Reichtümer, so daß sie, als sie einmal miteinander übereinkamen zu teilen, das Geld in Metzen messen mußten. Eine von ihnen war aber blind und wurde von den beiden andern beim Teilen betrogen. So oft nämlich an sie die Reihe kam, stellten die beiden das Gefäß umgekehrt hin und häuften nur auf dem Boden desselben etwas Geld auf. Dann ließen sie die Blinde darüber hinwegstreichen und spiegelten ihr vor, weil sie blind und dessen bedürftiger sei, bekäme sie das Maß gehäuft voll, während sie sich selbst mit dem einfachen begnügten. Da bestrafte Gott augenblicklich diesen Betrug, und das Schloß versank in die Tiefe, und man hörte hernach noch nach drei Tagen den Hahn krähen. Die eine der Betrügerinnen, die schwarze, ward auf ewig verdammt und ging lange als schwarzer Pudel um, der in der Umgegend und besonders oft bei der nahen Wirtschaft unterhalb der Märzenburg sein Wesen trieb, was den Namen "Pudelwirt" veranlaßt habe, den die Wirtschaft heute noch führt. Ein Geistlicher habe später den Pudel gebannt, während viele behaupteten, er müsse die versunkenen Schätze im Innern des Berges hüten und sitze dort auf einer großmächtigen Geldtruhe, zu der er den Schlüssel im Maul habe.

Die andere der betrügerischen Schwestern, die weiße, war, weil sie bei dem Betrüge nur mitgeholfen, weniger schuldbeladen und könnte erlöst werden, wenn sie ein reiner und mutiger Jüngling bis auf den Taufstein der Martinskirche in Kaufbeuren tragen würde. Sie geht um und ist früher in der Nähe der Märzenburg oft gesehen worden. Sie hatte über die Schultern herabhängende schwarze Locken und trug meist ein weißes Gewand. So sahen sie einmal einige Männer von Kaufbeuren, die in einer mondhellen Nacht vom Oberdorfer Markt zurückkehrten. Sie bemerkten auf einmal, wie sie unterhalb der Märzenburg vor ihnen herging, ohne daß man im Schnee hätte Fußtapfen oder Spuren sehen können; beim Pudelwirt verschwand dann die schöne weiße Gestalt.

Eine Magd vom Schiffwirt hatte einmal abends spät noch auf einem nahen Acker Mist gebreitet. Da hörte sie längere Zeit von der Märzenburg her kläglich weinen, und als sie nun doch nachsehen wollte, bemerkte sie auf einmal das Märzenfräulein in schneeweißem Gewande vor sich. Die Magd erschrak darob aber so sehr, daß sie das Fräulein gar nicht anzureden wagte, sondern davonsprang.

Zu anderen Zeiten hat man sie indes gar wunderschön singen hören, besonders an hohen Festtagen. Am häufigsten vernahm man dies von der Pudelwirtschaft aus, und darum gingen früher oft die Schulkinder hinaus um den wundervollen Gesang zu hören. Sie horchten sogar manchmal zu dem Loche hinunter, das ehedem auf der Märzenburg in die Tiefe führte. Bei dieser Gelegenheit sei es auch manchmal vorgekommen, daß die Kinder Baumblätter fanden, die auf der Rückseite beschrieben waren. Das Märzenfräulein habe nämlich öfters auf Baumblätter Schriftzeichen und Wörter eingekritzelt, und ganz alte Leute hatten früher sogar noch sagen können, was darauf gestanden habe.

Auch ein ehemaliger Hirt hatte sie in seinen jungen Jahren einmal gehört und erzählte darüber folgendes: "Ich hütete die Herde im Hochsommer - es war am 24. Juni - im Trieb, einer Weide an der Märzenburg, und zündete zu Ehren des heiligen Johannes ein Feuer an. Als die Flamme hoch gen Himmel loderte, tönte herab von der Märzenburg schöner Trauergesang, welcher eine volle Viertelstunde währte. Das war der Gesang des Märzenfräuleins; er verstummte, als es in Kaufbeuren zwölf Uhr schlug."

Einmal war abends spät ein Mädle von Hirschzell noch in der Nähe der Märzenburg bei der Feldarbeit beschäftigt. Es war schon fast dunkel; da kam auf einmal von der Burg her das weißgekleidete Fräulein barfuß zu ihr her, redete sie an und fragte nach Kaufbeuren, und wieviel Geistliche dort seien. Das Mädle sagte, so und soviel. Da kehrte das Fräulein wieder um und ging zur Märzenburg hinauf. Als sie verschwunden war, hörte man von oben her wunderschönen Gesang.

Einmal ging ein junger Bursche um die Mitternachtsstunde von Kaufbeuren nach Biesenhofen heim. Als er nahe beim Pudelwirt war, hörte er hinter sich eine Frauenstimme kläglich rufen: "Geh! geh!" Der Bursche aber dachte sogleich an das Märzenfräulein, bekam Furcht und fing an zu springen. Wie er aber beim Pudelwirt vorbei war, hörte er hart hinter sich wieder die nämliche Stimme, die jetzt aber rief: "Der ist's, der ist's, der ist's!" Und wie schnell er auch in seiner Angst sprang, der Ruf schallte immer hart hinter ihm nach. Das dauerte fort, bis er nahe zum oberen Bahnwärterhäuschen gegen Biesenhofen kam. Gesehen habe der Bursche nichts, weil er sich nicht getraute umzusehen. Sicherlich aber war dies das Märzenfräulein! Er wäre vielleicht ausersehen gewesen das Fräulein zu erlösen.

Das Märzenfräulein hatten früher tatsächlich schon manche zu erlösen versucht, allein stets vergeblich, wahrscheinlich weil die Zeit ihrer Buße noch nicht abgelaufen war. Einst zu heiligen Zeiten begegnete sie einem Manne und sagte: "Du kannst mich erlösen; trage mich nach Kaufbeuren in die Martinskirche und setze mich dort auf den Taufstein! Du wirst meinen, durch tiefes Wasser waten und ertrinken zu müssen; ein Hund mit feurigem Rachen wird dich verschlingen wollen; Kaufbeuren wirst du in hellen Flammen sehen. Fürchte dich nicht! Es ist alles nur Blendwerk; nichts kann dir schaden." Der Mann stellte sich zur bestimmten Zeit ein, und der Geist huckelte auf seinen Rücken, war anfangs federleicht, wurde dann von Schritt zu Schritt schwerer und war zuletzt zentnerschwer. Auch geschah alles, was die weiße Jungfrau vorausgesagt hatte; als er aber Kaufbeuren ganz in Flammen sah, rief er: "Es brennt!" Da sprang sie herab von seinem Rücken und ging weinend und wehklagend zurück nach der Märzenburg.

Auch ein ehemaliger Knecht beim Traubenwirt, der das Fräulein oft am hellen Tag sah, nahm sich vor sie zu erlösen, und sprach sie zu diesem Zwecke einmal an. Da bestellte sie ihn auf einen bestimmten heiligen Tag, wo er nachts zwölf Uhr bei der Märzenburg erscheinen solle um sie in die Martinskirche zu tragen. Es würden ihm allerlei Erscheinungen begegnen, er solle aber nicht darauf achten; die Kirche werde er nicht verschlossen finden, und beim Taufstein werde sie absitzen; er aber werde dann den Deckel leicht abheben können, und dann solle er ihr Haupt in das Wasser tauchen, worauf sie als weiße Taube erscheinen und erlöst sein werde. Er aber erhalte all die Schätze in der Märzenburg. Der Knecht ging richtig hinaus und soll sie weit hereingebracht haben; da sei ihm aber auf einmal gewesen, als käme er immer tiefer in einen See, und so habe er zu rufen begonnen, worauf der Geist vom Rücken herabgesprungen und jammernd und klagend verschwunden sei.

Mehrere sollen sie schon bis zum Vorzeichen der Kirche gebracht haben; dann aber sei sie jedesmal so schwer geworden, daß sie nicht mehr weiterzubringen war. Der letzte, der sie habe erlösen wollen, sei ein Knecht vom Sonnenwirt in Kaufbeuren gewesen, nach andern ein Karler von Apfeltrang. In den letzten Jahrzehnten hat man von dem Fräulein indes nichts mehr gehört, und so wird ihre Zeit wohl abgelaufen sein; denn schon vor vierzig Jahren hieß es, es könne nicht mehr lange dauern, ihre Erlösung müsse schon nahe sein.

Auf der Märzenburg soll früher auch sonst allerlei Spuk vorgekommen sein; insbesondere wollten Leute öfters einen Schimmel gesehen haben, der hier geistete; ja einige meinten sogar, das Märzenfräulein selbst sei zuweilen als Schimmel erschienen. Merkwürdig war, daß der Mist von diesem Schimmel sich hernach immer in Gold verwandelte.

Einmal habe diesen Schimmel auch ein Bäcker, der im Walde bei der Märzenburg zu tun hatte, frei herumlaufen sehen, und da habe er ihn, nichts Ungerades ahnend, eingefangen und sei auf ihm eine weite Strecke hereingeritten. Erst als er hernach bemerkte, daß sich der Mist des Rosses in Gold verwandelt hatte, sei ihm ein Licht aufgegangen, daß dies kein gewöhnlicher Schimmel gewesen, und sei ihm hintennach noch Furcht und Schrecken gekommen.

Auch bei dem kleinen Weiher, der nahe zu Füßen der Märzenburg liegt und der ungemein tief, ja bodenlos sein soll, war es früher nie recht geheuer gewesen, und nicht umsonst hat man ihn den "Hexenweiher" genannt. Er sei früher stark in Verruf gewesen, so daß einst sogar ein Grundbesitzer das Eck von seinem Felde, das an den Weiher anstieß, freiwillig hergeschenkt habe, nur damit sein Besitztum nicht an den gefürchteten Weiher angrenze. Hier soll man einstmals einen gebannten Geist in einer Flasche versenkt haben. Eine Sage erzählt hierüber folgendes: "Ein Seiler, welcher vor etwa 90 Jahren in Kaufbeuren gestorben ist, war ein Wucherer, hatte daher im Tode keine Ruhe und mußte umgehen. Ein Jesuit beschwor den Geist in eine zinnerne Kanne, und ein Knecht ließ sich bereden nach der Märzenburg zu reiten und dort die Kanne zu vergraben. Als das geschehen war, fiel das Pferd tot nieder, und der Knecht starb einige Tage nachher."

Quelle: Allgäuer Sagen, Aus K. A. Reisers "Sagen, Gebräuche und Sprichwörter des Allgäus" ausgewählt von Hulda Eggart, Kempten und München 1914, Nr. 88, S. 92 - 98.
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Franziska Meister, März 2005.