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131. Drach holt einen Sterbenden.

In der Nähe des Rathauses zu Kempten hat man früher an einem Eckhause einen Drachen als Wahrzeichen an der Mauer abgebildet sehen können, der nun aber bei der Renovierung des Hauses beseitigt wurde. Über die Herkunft und Bedeutung dieses Drachen erzählte man folgendes: In dem Hause wohnte vor langen, langen Jahren ein Kaufmann, der die Leute übervorteilte und allweg betrog. Als es bei ihm aber ans Sterben ging, kam ein Drache durch die Lüfte gefahren, durchbohrte die Wand des Zimmers, in dem der Sterbende lag, und spie vor dessen Bett Feuer aus. Nach dem Hinscheiden kroch der Drache dann in das Loch der Mauer zurück und verblieb hier so lange, bis der Leichnam fortgetragen wurde. Das Loch selber konnte man hernach lange Jahre gar nicht vermauern; über Nacht wurde es immer wieder aufgerissen. Zum Andenken aber an das Ereignis ward als Wahrzeichen des Drachen Bildnis an dem Hause angebracht.

Einige erzählen aber so: Das Haus war einstmals ein Wirtshaus. Da kam ein fremder Mann eingekehrt, der ein ruchloses Leben geführt hatte und darum dem Teufel verfallen war. Da seine Zeit umgewesen, sei der Böse in Gestalt eines Drachen erschienen und habe den Gottlosen durch die geschlossenen Wände hindurch entführt und dabei das Loch zurückgelassen.

Quelle: Allgäuer Sagen, Aus K. A. Reisers "Sagen, Gebräuche und Sprichwörter des Allgäus" ausgewählt von Hulda Eggart, Kempten und München 1914, Nr. 131, S. 133 - 134.
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Franziska Meister, März 2005.