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Graf Ulrich und Wendelgard

Zu Buchhorn am Ufer des Bodensees, da wo jetzt Friedrichshafen liegt, wohnte zur Zeit, als Burkhard Herzog in Schwaben war, Graf Ulrich V. (Udalrich), ein Nachkomme Karls des Großen und Herr im Linzgau. Er war vermählt mit der schönen Wendelgard, einer Gräfin von Eberstein, Enkelin Heinrichs des Voglers, der nachgehends Kaiser wurde. Da geschah es, daß die Ungarn Deutschland verheerten und auch Oberschwaben, wo Graf Ulrich begütert war, heimsuchten. Er zog deshalb mit vielen Edlen dem Feind entgegen, wurde aber gefangengenommen und nach Ungarn geführt. Da er nicht heimkehrte und seine Frau glauben mußte, daß er in der Schlacht gefallen sei, begab sie sich nach St. Gallen und ließ sich, weil sie nicht wieder heiraten mochte, in ein Nonnenkloster aufnehmen. Dies geschah im Jahr 916, als sich eben auch die heilige Wiborada in ein Kloster eingeschlossen hatte. Dort nun diente Wendelgard mit Fasten und Beten ihrem Gott, ging aber alle Jahr nach Buchhorn, um dort das Gedächtnis ihres verlorenen Mannes in feierlicher Trauer zu begehen und die Armen zu beschenken.

Als sie im Jahr 919 in gleicher Absicht mit Bewilligung des Bischofs nach Buchhorn gegangen war und sehr viele Arme sich herbeidrängten, um ein Almosen zu empfangen, so kam darunter in ganz zerlumpten Kleidern auch einer, der nicht bloß das Almosen von ihr empfing, sondern auch ihre Hand heftig drückte und sie wider ihren Willen umarmte und küßte. Die Umstehenden, welche dies nicht leiden konnten, wollten ihr helfen und den frechen Bettler züchtigen; der aber rief: "O laßt mich gehen! Ich habe genug Schläge und Elend in der Gefangenschaft ausgestanden! Ich bin Ulrich, euer Graf, welchen Gott aus sonderlicher Gnade von einem grausamen Volk errettet und euch wiedergeschenkt hat!" Alsbald wurde er auch erkannt und von seiner treuen Gemahlin und allen andern bewillkommt und mit großer Freude aufgenommen. Wendelgard ließ sich vom Bischof Salomo von Konstanz ihres Gelübdes, daß sie einsam leben wollte, entbinden, legte ihr Nonnenkleid ab und hielt zum zweiten Mal Hochzeit mit ihrem lieben Gemahl, welcher dann zum Zeichen seiner Dankbarkeit einige Güter im Rheintal dem Kloster zu St. Gallen verehrte. Bald darauf wurde Wendelgard gesegneten Leibes, starb aber kurz vor ihrer Niederkunft. Das Kind indes wurde sogleich aus dem Leib der toten Mutter herausgeschnitten und gerettet. Es war ein schöner, zarter Knabe, den man dem heiligen Gallus weihte und im Kloster zu St. Gallen sorgfältig erzog, wo er später auch Abt geworden ist. Er hieß Burkhard und erhielt von den Klosterbrüdern den Zunamen: der Angeborene (ingenitus), weil die Mutter gelobt hatte, wenn sie einen Sohn gebäre, ihn dem Kloster zu weihen.

Quelle: Ernst Meier, Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben. Erster und zweiter Theil. Stuttgart 1852, Nr. 373, S. 339 - 341