|
SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Deutschland >> Allgemein >> Friedrich Gottschalck |
|
|
Der Schwan im Frauenberge. Bei Sondershausen, im Fürstenthume Schwarzburg, liegt gegen Abend
ein hoher Berg, der Frauenberg genannt. Hier stand in den Zeiten des grauesten
Alterthums das Bild der Göttin Jecha, in welchem die Thüringer
ihre Diana verehrten. Sie wallfahrteten fleißig zu ihr auf den Gipfel
des Berges, den damals dunkle heilige Haine bedeckten, und opferten reichliche
Gaben an Wildpret und Geflügel. Am häufigsten geschah dieß
zur Zeit des heutigen Osterfestes, wo der lieben Frau, so nannte man sie,
unbeschreiblich viele Opfer dargebracht wurden. Mit Bonifaz Erscheinen
verschwand aber ihr Bild und an die Stelle trat die Mutter Maria, der
Bonifaz auf dem Berge einen Tempel erbauen ließ. Auch zu diesem
wallfahrtet man, auch ihr brachte man reichliche Opfer. * * * Die Entstehung dieser lieblichen Dichtung,
die mir von einem Freunde solcher Volksmythen in Sondershausen mitgetheilt
ist, soll, seiner Meinung nach, folgende seyn: Als die Jechaburg, welche
neben den Tempel der Maria nach Bonifaz Zeiten erbaut ward, im Jahre 933
durch die Hunnen belagert und erobert wurde, hatten die Mönche des
Klosters während der Belagerung viele kostbare Schätze auf dem
Berge verscharrt. Um nun zu verhindern, daß auf der zerstörten
Stätte nicht nach Schätzen, die hier befindlich seyn könnten,
gegraben und ihr Verscharrtes gefunden werden möchte, brachten sie
das Mährchen vom silberweißen Schwan unter's Volk, und sagten;
es sey sehr gefährlich, auf dem Berge starke Erschütterungen
vorzunehmen, zu hacken, oder zu graben; denn man könne leicht die
dünne Oberfläche des Berges durchhauen, der Schwan werde durch
das Eindringen des Tageslichts erschrecken, den Ring fallen lassen, und
dann gehe die Welt unter. Das gutmüthige Volk glaubte es, nicht erwägend,
daß ja die Burg ohne solche Erschütterungen weder erbaut, noch
zerstört werden konnte. |