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Der Löwenkampf.

Einst lebte zu Rastedt, im Oldenburgischen, Graf Huno von Oldenburg, ein alter, braver Mann. An den Welthändeln nahm er keinen Antheil mehr, aber sein Sohn, Friedrich, war seine ganze Freude, und mit seiner Gemahlin Guella führte er ein einförmiges, gottseliges Leben.

Da schrieb einmal der Kaiser Heinrich einen Reichstag nach Goslar aus. Alle Fürsten, Grafen und Herren des Reichs wurden dazu eingeladen, und auch Graf Huno. Aber der gute alte Mann blieb daheim. Er liebte die Ruhe, und ließ sich nicht gern in seinen gewöhnten Andachtsübungen stören.

»Was soll ich da? ich gehe doch bald heim zu meinen Vätern. Mögen sie immer ohne mich abthun, wozu ich ohnehin nicht mehr tauge!« und ließ sich entschuldigen.

Aber da gab's um den Kaiser herum Liebediener, Zungendrescher, Ohrenbläser. Die sagten: Huno ist ein Aufrührer, er widersetzt sich dem kaiserlichen Befehl, das darf man nicht leiden.

Da ließ Heinrich eine neue Ladung an ihn ergehen: daß er kommen solle und kommen müsse. Auch solle er einen starken Kämpfer mitbringen, der mit des Kaisers Kämpfern nach Frieser Art stritte.

»Nun, so will ich reisen,« sprach der alte Huno, »Gott wird mir ja beistehen.«

In Begleitung seines Sohnes Friedrich reiste er nach Goslar. Dieser junge rüstige Mann wurde hier aufgefordert, des Vaters Unschuld durch einen Kampf mit einem Löwen zu beweisen; denn der Löwe war des Kaisers Kämpfer.

Der tief gebeugte Vater flehte zu Gott, daß er ihm, wie einst dem Abraham, seinen Sohn erhalten möge; und dann that er ein Gelübde, im Fall sein Friedrich siegen werde, zu Ehren der heiligen Jungfrau Maria ein Kloster zu stiften.

Friedrich ging muthvoll zum harten Kampfe. Sinnreich hatte er aber eine ausgestopfte männliche Figur mit sich genommen; die hielt er dem Löwen vor, und während das getäuschte Thier diese ergriff und zerriß, durchstieß ihn Friedrich, und verließ als Sieger die Schranken.

Mit offenen Armen empfing ihn der Kaiser, umgürtete ihn mit einem Kriegsgürtel, tauchte zwei seiner Finger in das warme Blut des hinsterbenden Löwen, und machte damit zwei Striche auf des Grafen Schild. »Das,« sprach er, »sey zum ewigen Andenken deiner That das Wappen deines Geschlechts, zwei rothe Balken im gelben Schilde!«

Nun beschenkte er ihn noch mit einem Ringe und mit verschiedenen bei der Stadt Soest gelegenen Reichsgütern. Auch befreite er seine Grafschaft, welche bisher vom Reiche zu Lehn gegangen war, auf ewig von aller Lehnspflicht.

Der alte Huno, seines Gelübdes eingedenk, stiftete das Kloster Rastedt. Den Degen, womit Friedrich den Löwen erlegte, hat man noch viele Jahrhunderte nachher in der Rüstkammer zu Oldenburg sehen können.

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Sicher haben die Rastedter Mönche dieß Mährchen erfunden, um, nach der Gewohnheit jener Zeit, ihrem Kloster einen wunderbaren Ursprung zu geben, und sich dadurch zugleich ihrem Schutzvoigt, dem Grafen von Oldenburg, zu empfehlen. Entscheidungen durch Zweitkämpfe waren freilich zu der Zeit nicht ungewöhnlich; aber die Angeklagten kämpften mit ebenbürtigen Anklägern, und nicht mit Löwen. Auch erwähnen die alten Nachrichten von den zu Goslar gehaltenen Reichstagen gar nichts von einem solchen Zweikampfe. - Aus Hammelmann's Oldenburgscher Chronik.

Quelle: Friedrich Gottschalck, Die Sagen und Volksmährchen der Deutschen, Halle 1814