|
SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Deutschland >> Allgemein >> Friedrich Gottschalck |
|
|
Der Hexentanz auf dem Brocken. Eine Sammlung von deutschen Volksmährchen möchte wohl am schicklichsten mit einem solchen eröffnet werden, das ein in ganz Deutschland allgemein bekanntes ist, und daher den Namen eines Volksmährchens der Deutschen im vollen Umfange des Wortes verdient. Es sind deren einige da, wovon ich für dieses erste Bändchen das vom Hexentanze auf dem Brocken wähle.
Auf dem Harzgebirge giebt es einen hohen, hohen Berg, der über alle
Berge, wohl funfzig Meilen in der Runde, weit hinwegsieht. Er heißt:
der Brocken. Wenn man aber von den Zaubereien und Hexenthaten, die auf
und an ihm vorgehen und vorgegangen sind, spricht, so heißt er auch
wohl der Blocksberg. Auf dem Scheitel dieses kahlen, unfruchtbaren Berges
- der mit hunderttausend Millionen Felsstücken übersäet
ist - hat der Teufel jährlich, in der Nacht vom letzten April auf
den ersten Mai, der so genannten Walpurgisnacht, mit seinen Bundesgenossen,
den Hexen und Zauberern der ganzen Erde, eine glänzende Zusammenkunft.
So wie die Mitternachtsstunde vorüber ist, kommen von allen Seiten
diese Wesen auf Ofengabeln, Besen, Mistforken, gehörnten Ziegenböcken
und sonstigen Unthieren, durch die Luft herbeigeritten, und der Teufel
holt mehrere selbst dazu ab. Ist alles beisammen, so wird um ein hoch
loderndes Feuer getanzt, gejauchzt, mit Feuerbränden die Luft durchschwenkt
und bis zur Ermattung herum geras't. Von Begeisterung ergriffen, tritt
alsdann der Teufel auf die "Teufelskanzel", lästert auf
Gott, seine Lehre und die lieben Engelein, und zum Beschluß giebt
er, als Wirth, ein Mahl, wo nichts als Würste gegessen werden, die
man auf dem "Hexenaltar" zubereitet. Die Hexe, die zuletzt
ankommt, muß, wegen Vernachlässigung der herkömmlichen
Etiquette, eines grausamen Todes sterben. Sie wird nämlich, nach
der letzten glühenden Umarmung des Regenten der Unterwelt, in Stücken
zerrissen, und ihr auf dem Hexenaltar zerhacktes Fleisch, den andern zum
warnenden Beispiel, als eine der Hauptschüsseln des Schmauses vorgesetzt.
Mit anbrechender Morgenröthe zerstäubt die ganze saubere Sippschaft
nach allen Windgegenden hin. * * * Der Schlüssel zu diesem Mährchen ist
wohl ziemlich klar in der Geschichte Karls des Großen zu finden.
Als Karl mit eben so viel Bekehrungs- als Eroberungsgeiste die kriegerische
Schaubühne in Deutschland zuerst betrat, waren die Deutschen, namentlich
die Sachsen, noch freie Völker voll Kraft und Muth, die sich durchaus
nicht einer fremden Herrschaft sklavisch unterwerfen wollten. Als eifrige
Götzendiener lag ihnen aber die Religion ihrer Väter nicht weniger,
als ihre Freiheit am Herzen. Karl bot alle seine Kräfte auf, sie
zu überwinden. Indessen wollte er nicht bloß dieß, er
wollte sie auch zum Christenthum bekehren. Dadurch wurde er aber in einen
Krieg mit den Sachsen verwickelt, der über drei und dreißig
Jahre dauerte. Oft wurden die letztern geschlagen, aber nach jedem Siege
Karls, und nach jedem Friedensschlusse, griffen sie immer wieder zu den
Waffen, und nach jeder scheinbaren Annahme des Christenthums kehrten sie
zum Götzendienste zurück. Dieß erbitterte Karln zuletzt
so sehr, daß er, nach damaligen schrecklichen Toleranzbegriffen,
Gewalt brauchte, viele, die sich nicht wollten taufen lassen, niederhauen
ließ, und gebot, daß diejenigen, welche nach der Annahme des
Christenthums fortfahren würden, als Heiden zu leben, und den Götzen
zu dienen, mit dem Tode bestraft werden sollten. |