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DIE TRÄNEN DER MONDGÖTTIN In jener Zeit vor allen Zeiten, in einer Welt, jenseits der heute bekannten,
bevor sich alles zutrug, was die Geschichtsschreiber jemals aufgeschrieben
haben, geschah es, dass sich der König des Winters sich seiner Einsamkeit
bewusst wurde. Die Welt befand sich zu dieser Zeit in einer etwas anderen
Position, und der Himmel darüber war ein anderer. Der König
des Winters herrschte damals über ein vergleichsweise kleines Reich
hoch im Norden. Es war ein stilles Land, erstarrt in Kälte unter
dem zauberischen Wehen der Polarlichtschleier. Der Tag war nur ein kurzer,
gleissender Schimmer über dem Horizont, dem Ende der Welt. Die Nacht
aber regierte in Wahrheit über dieses Königreich, seine wahre
Herrscherin war die kalt leuchtende Mondscheibe, sein Hofstaat die funkelnden
Sterne. Gerne hätte der einsame König die Menschen, die er unterwegs traf, nach der Wohnung der Mondgöttin gefragt. So viele verschiedene Menschen gab es da! Braune, Gelbe, Schwarze, Fell - und Seidengekleidete, Jagende, Früchteessende, Fischer.....Aber alle nahmen schnellstens reissaus vor ihm, denn er brachte Kälte mit sich, Eis und Schneesturm hüllten ihn ein wie ein wehendes Gewand. Traurig und müde schleppte er sich immer weiter. Nur die Hoffnung, seine nächtliche Geliebte doch noch zu finden, hielt ihn aufrecht. Zuletzt war sie wieder, wie schon so oft, zu Kräften gekommen, voll und rund stand sie am Himmel, und dennoch wirkte sie irgendwie traurig. Der König des Winters streckte seine Arme nach ihr aus und rief sehnsuchtsvoll: "Oh, meine Geliebte, warum kann ich dir niemals näherkommen? Halte doch inne in deiner Wanderung, lass dich endlich, endlich umarmen!" Keine Antwort. Aber, was war das? Träumte er? Aus den Augen der Mondgöttin fielen Tränen, schimmernd wie Perlen fielen sie auf den hartgefrorenen Boden, und wo sie hinfielen, schmolz das Eis und die Erde erblühte. Dann ertönte leise, zarte Musik. In ihr war alles, was Leben bedeutet: das Rieseln von Schmelzwasser, das Prasseln des Regens, das Murmeln der Quellen, das Tosen der Brandung und das Rauschen des Blutes in den Adern. In die Musik hinein erklangen Worte, leise und dennoch machtvoll, die Mondgöttin sprach: "Kehr' um, König des Winters, kehr' heim in dein Reich. Du behauptest, mich zu lieben und bringst doch meinen Geschöpfen den Tod. Mein sind die Wasser des Lebens, sie gehorchen meinem Gesetz, dem Gesetz des Wachsens und Schwindens, dem Gesetz der Gezeiten. Ich tanze den immerwährenden Tanz des Lebens, und ich kann keinem gehören, wäre er auch ein mächtiger König wie du. Aber, ich will dir eine meiner Töchter geben, um deine Einsamkeit zu lindern. Aber, nun kehre heim und gib meinen Geschöpfen das Leben wieder. Sammle meine Tränen auf und lasse sie auf deinem Weg zurück in den Norden zur Erde fallen." Der König liess verzagt die Arme sinken und sah sich um. Tatsächlich,
es stimmte! Überall, wohin er auch gegangen war, war seinen Fussspuren
der Winter gefolgt. Was hatte er da nur angerichtet? Schnell sammelte
er alle Tränen der Mondgöttin ein, die er nur finden konnte
und wandte seine Schritte wieder nach Norden, seiner Heimat zu. Dabei
vergass er nicht darauf, überall die Mondtränen auszusäen.
Bald erklangen überall wieder die Lieder der Bäche und Flüsse,
und die Wasser der Tiefe rauschten auf. Das Leben kehrte wieder. Alles
fing wieder von vorne an, bald darauf wurde die Landwirtschaft wurde erfunden,
die Technik machte unerhörte Fortschritte, doch das ist eine andere
Geschichte. Der Weg war sehr, sehr weit, aber eines Tages kehrte der König
des Winters in sein Reich, hoch im Norden zurück, wo er schon erwartet
wurde........von einer wunderschönen, jungen Frau. Ihr Haar fiel
ihr silberblond über die zarten Schultern, ihre Haut war weiss, ihre
Lippen blühendrot und noch dazu weich und warm. Das stellte der König
gleich darauf fest, als sie ihn zärtlich umarmte und küsste.
Dem verblüfften König wurde ganz unschneeköniglich warm
ums Herz. Die Tochter der Mondgöttin wurde zur Königin des Nordens,
an der Seite ihres Königs. Seither heisst es von einem, der sich
freut, wie er: er freut sich wie ein Schneekönig. Die Schwiegermutter
aber, die Mondgöttin wachte freundlich hier wie überall über
die Wasser des Lebens, und das tut sie noch heute. Quelle: Email Zusendung
von Merlin
und Morgane Märchenerzähler, Märchenzauber
- Die Mistel, aus dem Waldviertel, |