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FRAU HOLLE von Margarete Lassi
Dies ist eine wahre Geschichte - oder ein Märchen, wie man will.
Denn welche Geschichten könnten wohl wahrer sein, als Märchen?
Warum bloss im allgemeinen Sprachgebrauch nicht ganz ehrlich gemeinte
Flunkereien oft als Märchen bezeichnet werden? Ich weiss es nicht.
Ich weiss nur: Es gibt so viele Wahrheiten, wie es Menschen auf der Erde
gibt, denn jeder von ihnen hat seine eigene. Zu den liebsten Beschäftigungen
der Menschen gehört es, einander ihre Wahrheiten gegenseitig um die
Ohren zu hauen, dass es kracht. Überzeugen nennen sie das. Dabei
kann man grob gesagt, drei Gruppen unterscheiden: die Einen missionieren,
sie verbreiten die Wahrheit die Gottes . Die Anderen dienen auch einer
Religion, die heisst Wissenschaft. Die Dritten aber führen Kriege,
weil sie alle Anderen von einer Wahrheit überzeugen wollen, die Friede
heisst. Ihr könnt euch aussuchen, welche davon die Schlimmste ist.
Am Rande einer grossen Stadt, welche, ist nicht so wichtig, da die Städte
einander immer mehr und mehr gleichen, zumindest die der reichen Länder,
lebt eine Familie. Vater, Mutter, zwei Kinder. Die typische Durchschnittsfamilie
also. Obwohl, ganz so durchschnittlich ist sie nicht. Es handelt sich
nämlich um eine noch "unzerbrochene" Familie, das heisst,
der Vater ist der richtige Vater beider Kinder, keine Trennung, keine
Scheidung, keine ernsthaften Krisen, jedenfalls bis ihnen das zugestossen
ist, wovon dieses Märchen erzählt. Das ist selten geworden heutzutage
und sogar ein wenig verdächtig. Früher nämlich, in der
Entstehungszeit der meisten Märchen, da zerbrachen Familien zwar
auch häufig, doch das hatte andere Gründe. Habt Ihr Euch schon
einmal gefragt, warum in so vielen Märchen Stiefmütter vorkommen?
Ja? Hier ist meine Antwort, eine unter mehreren möglichen, Ihr wisst
schon, die Geschichte mit den vielen Wahrheiten! Also, die Sache ist die,
dass die Kunst der Geburtshilfe damals sehr im Argen lag. Die Weisen Frauen
waren, wenn sie nicht verbrannt worden waren, doch sehr in Misskredit
geraten, alles Weibliche galt sowieso als äusserst verdächtig
und minderwertig. Also waren die armen Gebärenden auf die Kunst der
Herren Ärzte angewiesen. Die waren in Geburtshilfe wesentlich weniger
gut unterrichtet als ihre diskreditierten Vorgängerinnen. Ausserdem
verrichteten sie ihr Handwerk unter Decken und anderen Sichtbehinderungen,
der Ehrbarkeit wegen, versteht sich. Diese Zustände führten
dazu, dass es sehr viele Witwer in jüngeren Jahren gab. Besagte Familie also, die unserer Geschichte, lebte und lebt auch heute
noch, in einem Häuschen mit ordentlich gepflegtem Garten und Garage
in einem der besseren Bezirke, aber nicht in einem der besten, wohlgemerkt.
Sie gehörten der Mittelschicht an, und das Wort "mittel"
passte auf alles, was sie betraf. Der Vater war im mittleren Management
seiner Firma tätig, er verdiente mittelmässig, das Haus war
mittelgross, ebenso er selbst und seine Frau, die Mutter seiner mittelmässig
begabten Kinder. Das heisst, so mittelmässig begabt waren sie eigentlich
nicht, nur lagen ihre eigentlichen Begabungen nicht dort, wo ihre Eltern
sie suchten. Das traf vor allem auf das jüngere der beiden Mädchen
zu, Maria mit Namen, Mariechen gerufen. Die Ältere, Anna, entsprach
schon eher den Erwartungen ihrer Eltern, oder genauer gesagt, denen ihrer
Mutter. Der Vater der Beiden stellte nicht so spezielle Anforderungen
an seine Töchter. Sie sollten in der Schule gut mitkommen, sich in
den Rahmen der Familie und deren Umfeld gut einfügen, gesund sein,
keine Drogen nehmen und einen akzeptablen Freundeskreis haben. Was zusammengefasst
also bedeutet, sie sollten keine Schwierigkeiten machen, damit er sich
ohne Störung seiner Karriere widmen konnte, die sich in einer diffizielen
Phase ihrer Entwicklung befand und seiner allergrössten Aufmerksamkeit
bedurfte. Er war, wie gesagt, in mittleren Jahren und noch nicht an die
Spitze des Unternehmens gelangt. Dort wollte er aber sein, wenn er die
Jahre der Reife erreicht hatte. Dann, so hoffte er, würde auch sein
Leben und das seiner Lieben aus der Mittelmässigkeit hinauswachsen
in den strahlenden Glanz, der den Gipfel der Gesellschaft bestrahlt. Seine
Frau, Helene, war damals ebenfalls gerade mit einem heiklen Abschnitt
ihres Lebens befasst. In ihrer Jugend war sie eine begabte und auch erfolgreiche
Schwimmerin gewesen. Zahlreiche Pokale in allen Grössen, überall
im Haus verteilt, berichteten von diesem Abschnitt ihrer persönlichen
Biographie und sollten besonders ihren Mann immer daran erinnern, was
sie für ihn aufgegeben hatte. Als sie nämlich Gregor geheiratet
hatte und bald darauf von ihrer ältesten Tochter entbunden worden
war, stagnierte ihre Karriere, um nach der Geburt von Mariechen ganz zum
Erliegen zu kommen. Helene widmete sich fortan ihrem Mann und den beiden
Töchtern, freiwillig, wie sie jedem bereitwillig versicherte, der
sie daraufhin ansprach oder auch nicht. Im Innersten hoffte sie, dass
Gregor sie wegen ihres grossen Opfers, das sie am Altar ihrer Liebe dargebracht
hatte, auf Händen tragen würde. Anfangs tat er das auch. Aber
wer erträgt schon auf Dauer den Gedanken, dem Anderen für etwas
ewige Dankbarkeit zu schulden, das er so dezidiert eigentlich nie verlangt
hatte. Immerhin musste sie ja von Anfang an gewusst haben, was sie erwartete,
wenn sie heitatete. Sie hätte sich ja auch anders entscheiden können,
na eben! Nun war sie auch schon über die Jahre der prallen Jugendlichkeit
hinaus und musste sich eingestehen, dass sie selbst sich wohl kaum mehr
auf irgendeinem Gebiet profilieren würde. So ereilte die zwei kleinen
Mädchen ein Geschick, das sie mit so manchen Anderen teilten. Sie
sollten das erfüllen, was ihrer Mutter versagt geblieben war. Helene
widmete sich mit Hingabe der sportlichen Karriere ihrer Töchter.
Sie fuhr Anna, die Ältere, bereitwillig in frühester Morgenstunde
zum Training, das noch vor dem Unterrichtsbeginn angesetzt war und am
Nachmittag wieder. Später dann, als Anna das Sportgymnasium besuchte,
hätte der Tagesablauf Helenes etwas weniger anstrengend sein können,
denn das Training war in den Unterricht integriert. Irgendwann schien Mariechen das auch endlich begriffen zu haben. Sie absolvierte widerspruchslos ihr Trainingspensum und gelangte bald in das Spitzenfeld ihrer Altersgruppe. Sie begann, mit ihrer grossen Schwester zu konkurrieren, die ihr als ständiges Vorbild vorgehalten wurde, wie dem Esel die Karotte. Naturgemäss war diese ihr immer um einen Schritt voraus. Durchschaute Mariechen nicht das Hase und Igel -Spiel ihrer ehrgeizigen Mutter? War sie es niemals leid, oder nahm sie die einzige Möglichkeit wahr, deren Anerkennung zu erringen? Wir wissen es nicht. Und Gregor schien es nicht zu interessieren. Sie funktionierte und bereitete keine Schwierigkeiten, also musste doch alles in Ordnung mit ihr sein, oder nicht? Niemand schien es zu bemerken, dass ihr kleines Gesicht freudlos und verbissen wurde. Früher einmal hatte sie es geliebt, fröhlich singend an einer ihrer bunt - phantasievollen Zeichnungen zu malen oder auf der Schaukel vor dem Haus kühne Höhenflüge zu erleben, bis in den Himmel, wie sie sagte. Sie hatte viel gelacht, geplaudert und sehr viel gelesen damals, in den längstverwehten Tagen ihrer frühen Kindheit, damals, als Training und Leistung noch nicht die Götter ihres kindlichen Reiches gewesen waren. Endlich war auch sie dann in den Olymp ihrer grossen Schwester aufgenommen worden, und nun besuchte sie bereits die fünfte Klasse des Sportgymnasiums. Es bedarf keiner weiteren Erwähnung, dass sie dort als eine der ganz grossen Hoffnungen des Schwimmsportes galt. Ihre bevorzugte Sparte war der Delphinstil. So wie jeden Morgen um halb sechs krähte ihr alter Kinderwecker, ein elektronischer Hahn. Sein blechernes und durchdringendes Organ war im ganzen Haus zu hören und bedeutete, bis spätestens halb sieben mit Morgentoilette und Frühstück fertig zu sein, Frühstück nach genau ausgearbeitetem Ernährungsplan für aufbauendes Training. Papa biss genussvoll in eine frische Semmel mit Honig, die beiden hoffnungsvollen Töchter kauten etwas weniger genussvoll an ihrem eiweissangereicherten Müsli, bissen in Vollkornbrot mit Kräutertopfen, gesund, jawohl, vorschriftsmässig, jawohl! Mama teilte schon aus Prinzip die Diät ihrer Töchter, sie wollte sie nicht demoralisieren, und ausserdem, die schlanke Linie! Danach, Küsschen, Küsschen für den Papi, Trainings - und Schulutensilien geschnappt - oh Gott, heute war Matheschularbeit - und bei der Seitner (so hiess die Matheprofessorin) konnte man nicht schummeln! Vorher stand aber noch Morgentraining auf dem Programm, täglich von sieben bis halb neun. "Mariechen, wo bleibst du denn, kannst du nicht am Abend deine Sachen fertig packen! Der Anna muss ich das nie sagen, warum kannst du dir kein Beispiel an ihr nehmen!" Aus, fertig, diesen Tag hasste sie schon, bevor er richtig begonnen hatte. Nun konnte sie auch noch ihr Skriptum nicht finden, und heute stand doch ihr Deutschreferat auf dem Programm! Und um fünf die anstrengende Vorausscheidung für die Jugend
- Europameisterschaften, uff! Manchmal hätte sich Mariechen gerne
ausgeklinkt aus dem täglichen Programm. Oftmals träumte sie
mit offenen Augen vor sich hin: ein lichter Wald, sie auf einem weissen
Pferd, das sich mit einem Mal in die Lüfte erhebt, weit über
die Wolken....unter sich lassend die Schule, den Leistungsdruck, die hochgesteckten
Erwartungen der Mutter....."Maria, komm doch mal an die Tafel und
leite die Formel hier ab!" Die Stimme der Realität liess dann
ihr weisses Pferd abstürzen wie einen Stein. Dann hörte sie
zu allem Überfluss noch häufig: "Du solltest dir das einmal
von deiner Schwester erklären lassen! Wenn du nur in Mathematik annähernd
so gut wärst, wie beim Schwimmen!" Heiliger Strohsack, wäre
nur dieser Tag schon vorbei!
Die Schwimmhalle war erfüllt von den Stimmen der jungen Sportlerinnen, vom vertrauten Geruch nach desinfizierenden Chemikalien und von vibrierender Spannung, verursacht durch die wichtigen Qualifikationsdurchgänge, die heute beginnen sollten. Nach ein paar Aufwärmlängen nahmen die Teilnehmerinnen Aufstellung auf den Podesten an der Schmalseite des Beckens. Es wurde fast schlagartig still. "Ich schaffe es, ich bin ganz ruhig und gelassen, ich weiss, dass ich siegen kann, ich fühle mich stark und werde mit jeder Runde stärker!" Automatisch schon liefen die mentalen Affirmationen durch ihre Gedanken, sie waren zum integrierenden Bestandteil ihres sportlichen Alltags und unentbehrlich für sie geworden. Maria wusste, ihre Kolleginnen neben ihr, nun Konkurrentinnen, die es zu besiegen galt, taten in diesem Augenblick genau das Gleiche. So waren sie alle sowohl getrennt durch ihre Konkurrenz, als auch verbunden durch gleiches Tun und den absoluten Willen zu siegen. Das Signal zu Bereitmachen ertönte, acht junge Körper strafften
sich bis zum Äussersten, um sich beim nächsten Signal abzustossen,
zum stomlinienförmigen Fisch zu werden, die Gewässer dieses
sterilen Meeres zu ihrem eigentlichen Element zu machen und als erste
anzukommen am Ziel der Wünsche, welches auch gleichzeitig der Ausgangspunkt
dieser rasanten Reise war. Nun war kein Platz mehr für Gedanken.
Die trainierten Körper folgten ihrer Bestimmung. Ein Blitz aus gleissendem Licht erhellte die Innenseite ihrer Augenlider, ihre Bewegungen schienen sich mit einem Mal zur Zeitlupe zu verlangsamen, und dann stand alles still, das Wasser, die Zeit, ihr Atem. Alle hatten die Podeste erreicht. Eine nach der Anderen hatte mit den Händen die glatte Wand der verkachelten Würfel angeschlagen. Einer blieb leer. Marias. Ungläubiges Erstaunen zuerst, dann Panik; es musste etwas passiert sein! Alles tauchte und suchte aufgeregt. Irgendwo da unten musste sie sein. Es galt, keine Zeit zu verlieren. Maria sank und sank. Wie tief das Trainingsbecken war, unglaublich! Warm und weich umfing und trug das kristallklare Wasser ihren Körper. Sie überliess sich dem sanften Abwärtsgleiten mit entspannten Gliedern. Hier konnte und musste sie nichts tun, absolut nichts. Ihr war, als spräche das Wasser zu ihr und forderte sie auf, es zu geniessen, sich hinzugeben an das liebevolle Umfangenwerden durch das vertraute Element, das sich so ganz und gar neuartig verhielt. Das Tiefersinken schien kein Ende zu nehmen. Maria schwebte durch eine Art Schacht oder einen unendlich tiefen Brunnen. Er musste wohl bis zum Mittelpunkt der Erde reichen, so tief, so furchtbar tief ging er hinein in den Leib der Erde. Seltsam, eigentlich hätte sie erwartet, dass es so tief im Erdinneren dunkel sein müsse, aber es war hell, anders als das gewohnte weisse Licht der Deckenleuchten in ihrer Schule, auch nicht wie ein strahlender Sonnentag, sondern irgendwie warm und lebendig. Lebendes Licht, nie hatte sie gewusst, dass es so etwas gab! Inzwischen hatte man Marias Körper gefunden und schnellstens an die Oberfläche geholt. Blass und kalt lag sie auf dem gekachelten Boden. Die Trainerin hielt ihr Ohr an den Mund Marias und horchte nach ihrem Atem. Da war nichts. Kein Hauch. Auch der Herzschlag hatte ausgesetzt, sie fand nichts, was dem gleichmässigen Takt, der Leben bedeutet, ähnelte. Maria fragte sich, warum sie noch nicht erstickt war. So lange konnte man die Luft niemals anhalten, auch nicht, wenn man im Tauchen geübt war wie sie. Ausserdem, es fehlten die vertrauten Anzeichen von Atemnot, die einen zwangen, schleunigst wieder aufzutauchen. Und absolut kein Druck auf den Ohren! Nur müde wurde sie langsam, angenehm schläfrig. Bevor es nun endlich doch dunkel wurde vor ihren Augen, leuchtete noch einmal ein Gedanke wie ein Blitz in ihr auf, zuckte vorüber, verglühte und erlosch: "Ob ich wohl sterbe, ob sich so das Sterben anfühlt?" "Sie ist klinisch tot!" stellte die Eiserne Jungfrau mit mühsam
verhaltener Panik in der Stimme fest. Gleich darauf leitete sie alles
in die Wege, was ihre Ausbildung für diesen Fall vorsah: Herzmassage,
Mund zu Mundbeatmung, Rettung verständigen, Eltern anrufen. Sie war
ein Vollprofi und tat, was zu tun war, ohne Verzögerung. Dennoch
war nun das eingetroffen, was nie hätte eintreffen dürfen und
wovor sie sich in einem verborgenen Winkel ihres Herzens immer gefürchtet
hatte. Sie handelte wie in einem schrecklichen Alptraum. Maria schlug die Augen auf. Langsam tauchten schemenhaft aus dem verschwommenen Halbdunkel um sie her vertraute Gegenstände auf. Da war eine Ladenkommode, schon etwas fleckig und zerkratzt, darauf sass ein offensichtlich sehr geliebter Teddybär. Sein Fell war an einigen Stellen reichlich zerschlissen. Ein Vorhang bauschte sich im Wind. Das Muster schien ihr irgendwie vertraut: Rundliche Kühe spazierten gemächlich grasend über eine hellgrüne Wiese mit Apfelbäumen, Blumen und pickenden Hühnern. Und sie? Sie lag in einem Bett, ja, es war ein Kinderbett, und sie erkannte mit einem Mal., wo sie war. Sie lag in ihrem Zimmer, in ihrem alten Kinderzimmer, das sie mit ihrer Schwester Anna geteilt hatte, als sie noch klein war! Aber war sie nicht eigentlich......älter.....wie alt? sechzehn oder? Wie war das möglich, was war denn nur geschehen mit ihr? Da war doch dieser Schwimmbewerb gewesen, sie hatte geführt und dann.....dann war sie in einer Art Brunnen immer tiefer gesunken. Dies musste ein verrückter Traum sein, oder hatte sie das Andere, ihr Leben als Leistungssportlerin, nur geträumt und erwachte jetzt in ihrem wirklichen Leben? Alles war so verwirrend! Die leise Melodie eines Wiegenliedes drang durch ihre angestrengten Gedanken und bekräftigte sie in der Gewissheit, dass dies hier die Wirklichkeit sein musste. Die Melodie kam von ihrer alten Spieluhr: "Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein...." Schlagartig war es wieder da, das Geborgensein ohne Forderungen, ohne etwas dafür leisten zu sollen, einfach und warm, nur Aufgehoben sein ohne Wenn und Aber. Jetzt plötzlich wurden die verschwommenen Umrisse klar, die Formen plastisch, die Eindrücke authentisch. Sie war hier, und hier war ihre Wirklichkeit. Mariechen drückte ihre geliebte Puppe Mimi fest an sich und schob wie selbverständlich ihren linken Daumen in den Mund. Diese Bewegung war ihr so vertraut wie das Atmen. Mama schalt sie oft deswegen. Sie sagte immer: "ein grosses Mädchen lutscht nicht mehr am Daumen!" Aber Mama war nicht im Zimmer und konnte ihre kleine Angewohnheit nicht sehen. Als die Melodie der Spieluhr verklang, war sie bereits eingeschlafen. Mariechen erwachte mit der Melodie des Schlafliedes in den Ohren. Ihr war, als sei sie eben erst eingeschlafen. Es war der tiefe, erholsame Schlaf des Kleinkindes gewesen, eine der wunderbaren Segnungen dieses Lebensabschnittes. Auf dem Nachttisch stand ihr neuer Wecker. Er hatte die Form eines Hahnes und konnte wirklich krähen. Sie war sehr stolz auf ihn, weil er ihren neuen Status bekräftigte, der sie auswies als eine, die schon die Uhr lesen konnte. Wie Anna, wie ihre tüchtige, grosse Schwester! Wo war Anna? Mariechen konnte weder ihre Schwester sehen, noch deren Bett. Aber wieso denn, Anna wohnte doch bei ihr im Zimmer! Wieder beschlich Mariechen ein unbestimmtes Gefühl der Unwirklichkeit. Woher stammte diese Erinnerung denn? Vielleicht auch aus ihrem Traumleben? Die Türe öffnete sich, herein kam Mama. Ja, natürlich, es war Zeit zum Aufstehen! Sie beugte sich über das Bett ihrer kleinen Tochter und lächelte liebevoll. Helene beugte sich über ihre Tochter, die in einem Intensivbett
lag, angeschlossen an Schläuche und Messinstrumente. Über einen
Oszillator flimmerte die Lebenslinie ihres Kindes, immer in Zacken, auf
und ab. "Lieber Gott, mach, dass dieses Auf und Ab nicht aufhört,
dass dieses Gebirge nicht mit einem Mal eingeebnet wird, zur Wüste,
zum Tod!" Wann hatte sie zum letzten Mal gebetet? Schon seit Ewigkeiten
nicht. Der Arzt hatte ihr geraten, mit Maria zu sprechen, viel zu sprechen. Vielleicht erreichte ein Wort, ein Gefühl, vom richtigenWort ausgelöst, ihr Bewusstsein an seinem Aufenthaltsort, wo immer das auch sein mochte! Mit ungeübter Zärtlichkeit strich Helene ihrer Tochter über die Stirn. Sie erzählte ihr von den längst vergangenen Tagen ihrer Kleinmädchenzeit, von dem Wecker in Form eines Hahnes, auf den sie so stolz gewesen war, vom Teich mit den Schwänen, wo sie das erste Mal Bekanntschaft mit dem kühlen Nass gemacht hatte, lange bevor Wasser zu ihrer täglichen Pflicht geworden war. Marie hatte das Wasser geliebt damals. Helene musste lächeln bei der Erinnerung an das kleine, pummelige Kind, das sich trotzig geweigert hatte, aus dem Teich zu kommen, obwohl seine Lippen bereits einen erheblichen Blauton angenommen hatten. Es hatte seine Plastikente fest an sich gedrückt, das kleine Gesicht zu einer widerstrebenden Grimasse verzogen und heftig mit seinen rundlichen Beinchen im seichten Wasser gestrampft, dass es spritzte: "Nein, nein, Miechen will nicht, Miechen will noch wimmen!" Davon erzählte Helene ihrer Tochter. Sie erzählte es aber gleichzeitig auch sich selbst und erlebte alle die Szenen wieder. Auch die Gefühle, die sie damals bewegt hatten, kamen zurück, stiegen aus den Tiefen des Vergessens auf, wo sie lange brachgelegen hatten und liessen ihr Gesicht wieder weich und jung werden. Dafür allerdings hatte sie jetzt keine Augen. Mariechen streckte lachend die Arme nach ihrer Mutter aus, die sie
gleich darauf aus ihrem Bettchen hob und liebevoll wiegte. Alles war weich
an ihr und roch so unbeschreiblich süss, wie Honigsemmel, eine der
Lieblingsspeisen Mariechens. "Na, was wollen wir beide denn heute
unternehmen, willst du schaukeln oder zum Teich mit den Schwänen
gehen, oder beides?" fragte Mama. Mariechen konnte sich nicht erinnern,
ihre Mutter jemals so rund, so glatt und weich, so unbeschwert erlebt
zu haben. Weg waren die scharfen Linien, die sich von den Nasenflügeln
bis zu den Mundwinkeln zogen und ihrem hübschen Gesicht einen grämlichen
Zug verliehen. "Ja, Mama, ich möchte gerne zum Teich und baden
auch und Schwäne füttern und....." schon standen sie an
seinem Ufer. Ohne Übergang, ohne Vorbereitungen, ohne den geringsten
Verzug. Das war seltsam. Das gab es nicht, konnte es nicht geben, das
wusste Mariechen. Irgend etwas stimmte hier nicht, war nicht richtig,
nicht wirklich. Unsicher blickte Mariechen ihre Mutter an, "Was hast
du, mein Liebes, ist etwas nicht in Ordnung," fragte diese, als sie
den zweifelnden Ausdruck in den Augen des Kindes sah. "Was ist das
hier, wo wir sind, es ist so komisch?" "Was ist denn komisch,
was meinst du?" Es dauerte nicht lange, da bevölkerte sich das Ufer des kleinen
Teiches. Es waren lauter Kinder, die da kamen. Da gab es grosse und kleine,
dunkle und helle, saubere und schmutzige, zerlumpte und auch adrette Kinder.
Mariechen bemerkte, dass vielen etwas fehlte. Dort, wo eigentlich etwas
sein hätte müssen, gähnte ein dunkles Loch, und bei den
meisten sass das dunkle Loch in der Brust, dort wo das Herz seinen Platz
hatte. Ungläubig sah Mariechen einmal die Kinder an, dann wieder
ihre Mutter. Sie sah, wie diese die Arme ausbreitete, als wolle sie alle
auf einmal mit einer einzigen, umfassenden Geste umarmen. Die Kinder drängten
sich an sie, jedes durfte zu ihr und wurde von ihr liebevoll in die Arme
genommen. Die mit dem grössten Loch wurden am meisten geherzt. Empört
wollte sie rufen: "He, das ist meine Mutter, die gehört mir,
geht doch zu eurer eigenen!" Mama schien ihre Gedanken erraten zu
haben und wandte sich ihr mit ernster Miene zu. Plötzlich wandelte
ihr Gesicht sich zu dem einer älteren Frau, um dann wieder, ganz
unvermittelt, erneut die vertrauten Züge ihrer Mutter anzunehmen.
Nun war es aber genug mit allem Mummenschanz! Von einem Moment zum anderen
spürte Maria sich wieder zum sechzehnjährigen Mädchen werden,
mit dem vertrauten Körper und der Vernunft dieses Alters. "Erinnerst du dich an dein altes Märchenbuch? Am liebsten hast du die Geschichte von der Frau Holle gehört, die habe ich dir immer wieder vorlesen müssen. Dann hast du mich immer gefragt: "Mama, die Goldmarie, das bin ich, gelt?" Wir haben dich ja auch manchmal scherzhaft so genannt, weil du damals so goldblond warst. Später sind deine Haare dann dunkler geworden, so wie jetzt. Dann warst du aber auch eine Goldmarie, wegen deiner vielen Pokale." Helenes Stimme wurde brüchig vor Kummer, als sie eindringlich flehte: "Komm zurück, meine Goldmarie, ich bitte dich! Wir lieben dich auch ohne Siege, selbst wenn du behindert bleiben solltest!" Diese Vorstellung allerdings war sehr schwer zu ertragen, und Helene musste sich erst langsam herantasten an den Gedanken, von nun an vielleicht eine behinderte Tochter zu haben. "Ich hätte nie gedacht, dass es dich wirklich gibt! Und dass du auch wirklich genau so aussiehst, wie im Märchen!" Und mit neuerlicher Verunsicherung in der Stimme, "oder ist das jetzt auch wieder so ein Trick...?" Das hier hatte einen doppelten Boden, das hatte Maria bereits vorher geahnt. Jetzt aber war es zur Gewissheit geworden. "Nun wollen wir doch einmal die Kinder hier fragen, was sie denken," schmunzelte Frau Holle und forderte gleich darauf die Kinder auf, dem neuen Mädchen zu sagen, wer sie sei. Als vielstimmige Antwort ertönte es aus unzähligen Kehlen: "Du bist meine Mutter!" "Wieso sagen alle, dass du 'seine' Mutter bist, warum sagen sie nicht 'unsere' Mutter?" Frau Holle antwortete nicht gleich, sondern forderte Maria auf: "Ich merke schon, das wird ein ausführlicheres Gespräch. Wir wollen die Kinder einstweilen beschäftigen, warte!" Sie wandte sich an eines der Grösseren mit der Bitte, den Apfelbaum zu schütteln. Er war vorher noch nicht dagestanden, das wusste Maria mit Bestimmtheit. Seine Äpfel wären bereits reif, und sie sollten sie danach einsammeln, in einen grossen Korb, der auch ganz plötzlich unter dem Baum stand. "So,"erklärte sie zufrieden, "damit werden sie eine Weile zu tun haben." Und den Kindern rief sie freundlich nach: "Esst davon, bis euch der Bauch weh tut, es gibt genug für alle!" "Weisst du noch, Kleines, wie du bei jedem rotbäckigen Apfel,
den ich dir gab, wissen wolltest, ob er auch vom Apfelbaum der Frau Holle
sei? Und wenn ich verneinte, dann hast du ihn eben nicht gegessen!"
Helene musste lächeln, obwohl ihr das Herz schwer war. Es wurde jetzt
langsam wieder Zeit, heimzugehen. Anna war zwar schon achzehn und stand
knapp vor der Matura, aber sie brauchte auch noch ein wenig Aufmerksamkeit
von ihrer Mutter. Ausserdem Gregor! Auch er bangte um Maria, musste aber
in der Firma trotzdem seinen Mann stehen. Mit einer Weichheit, die sie
lange nicht gefühlt hatte, dachte sie an ihren Mann. Ja, sie musste,
wollte jetzt nach Hause, und sie würden in eine neue Gemeinsamkeit
finden müssen, so oder so, nichts konnte bleiben, wie es war. Helene
küsste Marias Gesicht zum Abschied, das kleingeworden und blass auf
dem Kissen lag. "So, jetzt wollen wir einmal Klartext reden," mit entschlossener Miene machte Frau Holle es sich im Gras am Ufer des Teiches bequem und forderte Maria auf, sich neben sie zu setzen. " Also, warum jedes Kind mich seine Mutter nennt, dürfte doch wohl klar sein. Nämlich, weil ich die Mutter eines Jeden bin, so einfach ist das. Du hast mich doch auch in der Gestalt deiner leiblichen Mutter erlebt, nicht wahr?" So war es gewesen, zumindest am Anfang. Später war Maria dann etwas unsicher geworden, und das Aussehen von Frau Holle hatte sich in der schon beschriebenen Weise verändert. Die alte Frau fuhr fort: "Es gibt auch einen Grund dafür, dass du dich in der Umwelt deiner frühen Kindheit wiedergefunden hast. Es ist der: du hast dir diese Szenerie selbst geschaffen, weil du dir oftmals unbewusst gewünscht hast, noch einmal dorthin zurückkehren zu können." Das ging aber denn doch zu weit! Maria hatte doch nichts gemacht, ihr war vielmehr etwas geschehen! Empört wollte sie das auch erwidern, doch Holle fiel ihr ins Wort: " Ich weiss schon, das klingt ganz unglaublich für dich. Aber, es ist so. Ein Teil von dir hat das gemacht. Du bist dir seiner meistens nicht bewusst. Aber, sag selbst: Hättest du dir eine andere Umwelt ausgesucht, für deine Ankunft hier, wenn du es vorher geplant hättest, ich meine, bewusst geplant?" Maria musste diese Frage verneinen. Ganz genau dort hätte sie sich wiederfinden wollen. "Na siehst du. Und wer anders als deine Mutter hätte dir alles das geben können, das du so sehr vermisst hast?" Wieder sagte Holle die Wahrheit. Ja, Maria spürte, auch wenn ihr das alles reichlich märchenhaft vorkam, so war es doch wahr. Erinnert Ihr Euch der kurzen Abhandlung über die Wahrheit am Anfang unserer Geschichte? Natürlich tut Ihr das. Und sicher habt Ihr wie ich, auch schon erlebt, dass man es einfach weiss und sich seiner Sache sicher ist, wenn man auf eine der grundlegenden Wahrheiten stösst. Man kann niemanden davon überzeugen und es auch nicht beweisen. Nichtsdestotrotz weiss man mit unumstösslicher Gewissheit: das ist w a h r! So ging es auch der Heldin unserer Geschichte. Ihr fragt mich, warum ich das weiss? Eben, weil ich ein Märchenerzähler bin, und im Märchen geht es immer um Wahrheit, deswegen! Maria fragte: "Warum siehst du eigentlich so aus, wie in meinem
Märchenbuch? Habe ich dir diese Gestalt auch selbst gegeben?"
"Jetzt hast du's begriffen, glaube ich," seufzte die alte Frau
erleichtert. "Wie siehst du aber dann wirklich aus, ich meine..."
"Lächelnd fiel ihr Frau Holle ins Wort: "Ich weiss schon,
was du meinst. Wie meine wahre Gestalt ist, nicht wahr? Du wirst schockiert
sein, wenn ich dir das sage. Aber, eigentlich gibt es mich nicht wirklich."
Grosses Erstaunen bei Maria. Ungläubig starrte sie auf die Erscheinung
der Alten: "Aber, ich sehe dich doch, und du hast mich umarmt und
alles das!" "Es ist nicht leicht, dir das verständlich
zu machen, dass es etwas gibt und doch nicht gibt." Frau Holle suchte
merklich nach Worten. " Die Meisten verstehen das nicht. Schau, die
Menschen haben immer schon, seit urdenklichen Zeiten, den unsichtbaren
Kräften eine Gestalt gegeben, ihre Gestalt. Sie sahen die Natur als
Mutter. Das ist sie ja auch. Sie bringt euch alle hervor, nährt euch,
hegt und erhält euch. Wenn ihr sterbt, das heisst, wenn euer Körper
stirbt, zerfällt er in seine Bestandteile, dieselben, aus denen die
Erde besteht. Ihr kehrt heim zur Mutter Erde, in ihren Leib; und sie gebiert
euch erneut wieder. Deshalb siedelten die Menschen mein Reich in ihrer
Vorstellung tief in der Erde an. Denn ich bin für die Menschen die
Verkörperung der Mutter. Ich trage das Gesicht einer jeden Mutter,
und das jeder Mutter spiegelt das Meine, verstehst du. In meiner Gestalt
als Frau Holle bin ich für sie der Winter, da alles in meinem Leib
schläft, also der Tod. "Ja, du bist es, Du bist die Mutter allen Lebens", ehrfürchtig
ergriff Maria die Hand Frau Holles und küsste sie. "Das bin
ich," antwortete diese schlicht, "Und du bist gesegnet, meine
Tochter, weil du mich erkannt hast, mit dem Herzen erkannt, denn nur das
zählt." " Mutter, in meinem ganzen Leben will ich nur mehr
das Eine, ich will Dir dienen, hier oder anderswo. Sonst habe ich keinen
Wunsch mehr!" Maria sprach diese Worte mit dem Ernst eines Bekenntnisses
aus, und sie wusste mit unumstösslicher Sicherheit, dass dieses Bekenntnis
in allen Welten gehört wurde und in allen Realitäten Geltung
haben würde. Maria schien die Welt trotzdem immer noch schrecklich genug, mit allen ihren Kriegen und Nöten. War Frau Holle vielleicht ein wenig überfordert? Sie nahm sich vor, sie bei Gelegenheit danach zu fragen, vergass aber dann wieder darauf. Später dann, die Zurückgebliebenen sassen beim Abendessen,
keiner hatte viel Appetit, doch jeder zwang sich, ein paar Bissen hinunterzuwürgen.
Die Stille zwischen ihnen war schwer von ungesprochenen Worten. Anna zog
sich bald zurück. Helene küsste sie zärtlich, ohne zu fragen:
"Hast du alles für morgen" und ähnliche sachliche
Floskeln. Statt dessen sagte sie: Schlaf gut, Kleines, und sei nicht verzweifelt.
Es wird alles gut werden, du wirst sehen, auf die eine oder andere Weise."
Die warmen Worte lösten Annas zurückgehaltenen Schmerz, und
sie weinte heftig in den Armen ihrer Mutter. Da brachen auch die Dämme
in Gregors Innerstem. Er stöhnte gequält auf, um gleich darauf
in ein trockenes Schluchzen auszubrechen. Gleich darauf umarmten ihn Helene
und Anna, und so, einander haltend, fühlten sie trotz allen Schmerzes,
wie ihre Zusammengehörigkeit sie wie ein festes Band umschloss. In
dieser Nacht schliefen Gregor und Helene nach langer Zeit wieder so miteinander,
wie es früher einmal oft gewesen war. Die Hingabe an den Anderen,
die Herz und Geschlecht zu einer einzigen feurig - flüssigen Lava
aus Verlangen zusammenschmolz, da war es wieder, trotz ihres schlechten
Gewissens. Ihre Tochter lag im Koma, und sie hatte nichts Besseres zu
tun, als sich mit ihrem Mann in den Laken zu wälzen wie eine....ja
was denn eigentlich? Wie eine Frau, die das Leben feierte, wo der Tod
an die Pforte klopfte, das war's. Gregor war irgendwie unangenehm berührt von der plötzlichen Selbsterkenntnis seiner Frau. Ihre Problematik berührte sich mit seiner, und das hiess, dass er sein Leben wohl oder übel auch überdenken würde müssen, jedenfalls war ihrer aller gewohnter Alltag aus dem Gleis, sehr aus dem Gleis. Nichts würde so bleiben wie es einmal war, das wusste und befürchtete er. Er war nun einmal einer jener Menschen, die, wenn sie sich einmal im im gewohnten Einerlei häuslich eingerichtet hatten, Veränderungen mieden, auch wenn diese neue Lebenschancen verheissen mochten. Helene hatte Marias Haarbürste und ihre Gesichtscreme mitgebracht, auch einen Rest des Maiglöckchenparfüms, dass sie vor vielen Jahren immer benutzt hatte. Heute bevorzugte sie dezentere Düfte. Mariechen pflegte ihr Näschen dann immer in Helenes Halsgrube zu stecken und ganz intensiv an der Haut ihrer Mutter zu schnüffeln. Sie hatte den Geruch so sehr geliebt! Helene hatte einmal gelesen, dass der Geruchssinn die am tiefsten verankerte Empfindung des Menschen sei. Vielleicht geschah das Wunder, und der vertraute Duft würde ihre Tochter an ihrem Ort im Irgendwo erreichen. Sie hatte beschlossen, nichts unversucht zu lassen. Vorsichtig begann sie, das honigblonde Haar Marias zu bürsten, dabei sang sie ein Lied, dessen Text ihr schon fast entfallen war: "Aber heidschi, bumbeidschi, schlaf langa, dei Muata die is ja ausganga...." Früher einmal hatte sie dieses Lied jeden Abend für ihre Töchter singen müssen, wenn sie sie zu Bett brachte.
"Das sind schon ganz arme Geschöpfe, sie brauchen sehr viel Zartgefühl, weisst du," liess sich Frau Holle vernehmen. Sie räusperte sich, als wisse sie nicht genau, wie sie mit dem, was sie zu sagen hatte, beginnen sollte. "Du bist ja noch sehr jung,....nun ja, es wird dir sicher nicht verborgen geblieben sein,...wie soll ich es sagen,....nun, dass in der Welt der Menschen nicht alles so ist, wie es sein soll. Kinder bekommen oft nicht die Zuwendung, die sie brauchen. Manche von ihnen aber kriegen eine besondere Art von Zuwendung, eine, die sie am allerwenigsten brauchen können.....Also, was soll die Herumrederei.....du bist ja auch kein kleines Kind mehr." Maria dämmerte es langsam. Sie las Zeitung und sah auch fern. Sie lebte ja schliesslich nicht hinter dem Mond. "Meinst du, das alles sind missbrauchte Kinder?" fragte sie entsetzt, "so viele!" Erleichtert seufzte Frau Holle: "Ja, du hast schnell begriffen, Gott sei Dank! Es war mir nämlich ein bisschen peinlich. Trotzdem muss ich es etwas genauer eingrenzen: dies hier waren nur die sexuell missbrauchten Kinder. Es gibt auch noch genug anderen Missbrauch, z.B. Kinder, die zum Soldatsein, Töten und Kämpfen gezwungen werden. Man tötet ihr Gemüt zuerst, indem man sie demütigt, sexuell missbraucht oder bei Folterungen zusehen lässt. Später werden sie selbst dazu gezwungen, die ärgsten Greueltaten an Nahestehenden zu begehen. Daraus führt dann in diesem Leben kein Weg mehr für sie zurück. Immer mehr solcher armer Seelenkrüppel steigen in letzter Zeit bei mir an Land. Dann gibt es die kleinen, dienstbaren Mädchen, Asiatinnen meist. Sie werden von ihren bettelarmen Familien in die grossen Städte verkauft, um dort reichen Touristen ihre Männlichkeit zu bestätigen, damit diese, zurückgekehrt in ihren eigenen armseligen Alltag, vor den anderen männlichen Zombies damit prahlen können. Dann wären da noch die Strassenkinder, überall in den grossen Stadtwüsten zu finden, Abfall und Ausschuss vom ersten Atemzug an, den sie der schmutzigen Luft um sie herum abringen. Damit aber noch nicht genug. Da sind noch die Kinder, die zu Sklavenarbeit gezwungen und ausgebeutet werden, und die Kinder, deren Lebensraum durch ständige Kämpfe, Bürger-und sonstige Kriege verwüstet sind. Die meisten von ihnen kommen zu mir, weil sie ganz einfach verhungern, oder durch den ständigen Hunger so geschwächt sind, dass sie jeder Krankheit erliegen. Ich sage dir, da gibt es Greuel in allen Abstufungen. Ich kann dir gar nicht alles aufzählen. Man glaubt es ja gar nicht, was Kindern alles angetan wird, bei euch da oben! Zuletzt sind da noch die Kinder, die den Lebenstraum ihrer Eltern erfüllen müssen, so wie du. Erschrocken wandte Marie sich der alten Frau zu. "Du meinst also, dass ich auch missbraucht worden bin?" "Ja," antwortete diese, "in gewisser Weise schon, wenn du auch nicht so tief verwundet worden bist, wie diese Kleinen." Sie deutete in Richtung der Kinder, die Maria gerade gewaschen hatte. "Sind sie alle an ihrem Missbrauch gestorben, weil sie hierher zu dir gekommen sind?" "Manche schon, das sind die grausamsten und unappetitlichsten Fälle, darüber kann nicht einmal ich in angemessener Weise sprechen. Manche aber haben ihre Verletzung ihr Leben lang mitgeschleppt und sich niemandem anvertrauen können. Sie sind nach ihrem Tod hierher gekommen, um ihr Kindheits - Ich in meineHände zu legen. In einigen ist auch nur ein Teil ihrer selbst gestorben, ein ganz wichtiger Teil, der nämlich, der fühlt und liebt und auch Liebe empfangen kann. Sie haben ihn zu mir gesandt, während sie da 'oben'," sie deutete mit einer unbestimmten Geste in die Luft, "recht und schlecht weiter existieren, so wie du übrigens auch." "Ich bin gar nicht richtig tot, meinst du das? Von mir soll auch nur ein Teil hier sein? Wieso habe ich dann einen Körper, kann fühlen, hören und das alles?" "Das ist eben so, das wirst du irgendwann verstehen. Aber höre, das ist nämlich ganz wichtig, und du musst dir das gut merken! Diese Kinder nun, sie schämen sich und fühlen sich beschmutzt und schuldig. Nicht genug damit, dass ihnen diese Abscheulichkeiten angetan worden sind, nein, die armen Geschöpfe glauben auch noch, selbst irgend eine Art Schuld daran zu tragen! Stell dir nur diesen schreienden Wahnsinn vor! Deshalb auch die ganze Waschprozedur. In Wirklichkeit kann der Leib, mit dem sie sich hier aufhalten, natürlich niemals beschmutzt werden. Aber die Gedanken formen die Wirklichkeit, immer und in jedem Fall, deshalb die schmutzigen Flecken auf den kleinen, armen Körpern." Eindringlich sah Frau Holle Maria in die Augen, wie, um sich zu versichern, dass diese auch alles genau verstanden hatte. "Ich glaube, ich verstehe", sagte Maria versonnen, "wir helfen damit ihrer Vorstellung von sich selbst ein wenig auf die Beine, nicht wahr?" "Kluges Mädchen!" Der zufriedene Ton in Holles Stimme war nicht zu überhören. Die Zeit verging. Es ist mir bewusst, dass ich damit einen Begriff
verwende, der dort keine Bedeutung hat, oder jedenfalls eine andere als
hier, aber, sosehr ich auch in meinem Wortschatz krame, ich finde keinen
anderen. Also, 'die Zeit verging' ist ein Synonym für: Maria hatte
das Gefühl, schon unendlich lange in Frau Holles Reich zu sein. Seltsam
war hier auch, dass es keinerlei Jahreszeiten zu geben schien. Auch die
Sonne war niemals zu sehen gewesen, obwohl ein helles, warmes Licht die
ewig sommerliche Landschaft erhellte. Die Tage Marias waren erfüllt
von der Pflege der vielen Kinder, und täglich kamen neue. Sie stiegen
aus dem kleinen Teich an Land und wurden meistens von 'ihrer' Mutter empfangen.
Viele aber gingen später anderswo hin, an einen neuen Ort der Andersweltgeographie,
der ihnen nunmehr besser entsprach, wenn sich das Loch in ihrer Brust
geschlossen hatte und die dunklen Flecken ihrer Seele endlich abgewaschen
waren. Ihre Gestalt veränderte sich dann zu dem, was sie im Reich
der Mütter geworden waren, zum Erwachsenen. Das waren die Einen.
Trotzdem, manchmal überkam sie immer drängender das Gefühl, sich an irgend etwas erinnern zu müssen, so wie damals, beim Säubern der Kinder. Da war dieser Liedfetzen, er wollte ihr nicht aus dem Kopf gehen. Manchmal ertappte sie sich dabei, wie sie, ohne sich dessen bewusst zu sein, immer wieder Dasselbe vor sich hinsang. Manchmal traf sie ein nachdenklich forschender Blick Frau Holles. "Einen Fünfer für ihre Gedanken", dachte Maria dann manchmal. Auch, wenn sie, wie jeden Tag, der Alten beim Reinigen der Kinder half, wenn sie die kleinen Körper mit der Lotion salbte, glaubte sie immer wieder, deren Duft von irgendwoher zu kennen. Immer dringlicher wurde das Gefühl: jetzt gleich, nur ein wenig fehlte noch, dann müsste ihr das Geheimnis offenbar werden! Sie musste Frau Holle fragen, vielleicht wusste sie, was das zu bedeuten hatte. Doch diese, darauf angesprochen, war ihr auch keine Hilfe. Sie hüllte sich in geheimnisvolles Schweigen und sagte höchstens: "Diese Aufgabe musst du alleine lösen, " oder "diesen Weg musst du selbst finden." "Sehr aufschlussreich, danke," pflegte Maria dann spitz zu erwidern. Das brachte sie auch nicht weiter. Helene wirkte von Tag zu Tag mehr erschöpft. Gregor und Anna hätten
sie gerne mehr unterstützt. Sie versuchten beide, Helene davon zu
überzeugen, sich öfter einmal von ihnen am Krankenbett ablösen
zu lassen. Immerhin lag Maria schon wochenlang im Koma. Helenes Reserven
waren fast erschöpft, und wer weiss, wie lange diese Situation noch
dauern würde! Jedoch, die Mutter wies alle diesbezüglichen Angebote
zurück. Als Helene ins Krankenzimmer trat, in dem immer noch eine zarte Nuance
des Maiglöckchenparfums die medizinischen Gerüche überlagerte,
meinte sie, noch einen anderen Duft wahrzunehmen, so irgendwie säuerlich-süss,
wie nach frischen Äpfeln. Und noch etwas Anderes,.......frischgebackenes
Brot!.....Konnte das möglich sein? Gleich darauf kam sie zur Überzeugung,
dass sie wohl so übermüdet sein müsse, dass sogar ihr Geruchssinn
ihr dumme Streiche spielte. Nichtsdestotrotz war der Duft immer noch da.
"Schwester, was riecht denn da so, irgendwie nach Äpfeln und
Brot, merken Sie das auch?" fragte sie die eben eingetretene Pflegerin.
Ein mitfühlender Blick der Schwester war die Antwort. Die arme Haut,
das alles hatte sie wohl schon sehr mitgenommen! Der Geruch nach Äpfeln und Brot wurde stärker. Helene versuchte die Augen zu öffnen, um die Quelle des Geruches zu ergründen, doch ihre Augenlider waren schwer wie Blei. Sie hatte die Empfindung, wunderbar warm und weich dahinzutreiben, gewiegt von einem lebendigen Ozean, während eine sanfte Frauenstimme ein Lied aus fernen Tagen sang. Ihr war so wohl, wie in den Armen ihrer Mutter, einst vor Ewigkeiten. Hier wollte sie bleiben und ausruhen von ihrer Mühsal, ihrem Wollen und Streben. Hier war es gut sein. Nachdem Maria ihre täglichen Pflichten erfüllt hatte, ging sie gerne noch am Teich spazieren. Seerosen wuchsen hier, und Binsen säumten das flache Ufer. Wieder sang sie das Lied, von dem ihr nicht einfallen wollte, woher sie es kannte. Fast wäre sie über etwas gestolpert, etwas, was nicht hier sein sollte, ein Mensch, ein erwachsener Mensch, eine Frau! Ihr Körper war offenbar von dem leichten Wellengang ans Ufer gespült worden und lag halb im Wasser. Sie hatte die Augen geschlossen und schien zu schlafen. Maria erkannte das Gesicht. "Maaammaaa!" Ihr Schrei hallte durch Frau Holles Reich wie der Ton einer riesigen Glocke und liess seine Bewohner erstaunt aufhorchen. "Wie konnte ich nur so lange vergessen, wohin ich gehöre!" Mit einem Schlag war alles wieder da, ihr Leben da 'oben', zog an
ihrem inneren Auge vorbei wie ein Film in Zeitraffertempo. Im selben Augenblick hörte Maria ein lautes, blechernes "Kickerikiiiiiii" und wieder "Kickerikiiiiii" und noch ein letztes Mal"Kickerikiiiii". Nanu, es war wohl Zeit, aufzustehen! Als sie die Augen aufschlug, fand sie sich nicht zurecht. Wo war sie denn jetzt schon wieder! Ihre Mutter war im Sitzen eingeschlafen und lag vornübergebeugt auf dem Bett. Sonst war niemand im Raum. Der Wecker hatte auch ihre Mutter aus dem Schlaf geschreckt. Ihr erster Blick fiel in die weit geöffneten Augen ihrer Tochter, aber ihr Blick schien aus weiter Ferne zurückzukehren. Endlich begriff sie: "Mariechen, meine Goldmarie, sie ist wieder da!" Das Krankenzimmer füllte sich auf diesen Schrei hin mit Personal. Schwestern, Ärzte und Pfleger eilten herbei, Geschäftigkeit brach aus. Das alles berührte Helene nicht. Es lief an ihr ab wie Regen an einer Scheibe. Ihr Kind war zurückgekehrt aus dem Land, von dem die Mutter einen kurzen, flüchtigen Eindruck erhaschen hatte können. Er hatte genügt, um zu ermessen, was ihrer Tochter geschehen war. Es gab zwischen ihnen nichts zu fragen, nichts zu erzählen, beide wussten, was sie wussten.
Suchtet Ihr heute nach den Eltern Marias, fändet Ihr sie immer noch
in dem kleinen Häuschen am Stadtrand. Es fiele Euch sofort auf, ohne
dass Ihr lange danach zu suchen brauchtet. Der kleine Garten ist nämlich
jetzt etwas weniger gepflegt, hier und da darf sich schon einmal ein wenig
sogenanntes Unkraut hervorwagen, und der Rasen ist ein bisschen weniger
akkurat geschnitten. Sie nehmen es jetzt damit nicht mehr so ganz genau.
Ganz allgemein gesagt, gibt es heute bei ihnen von fast allem ein bisschen
weniger: weniger Leistung, weniger Karriere, weniger Stress, aber dafür
Gregor hat die dünne Luft am obersten Ende der Karriereleiter nicht zu schnuppern bekommen, weil...siehe oben. Helene hat eine Selbsthilfe-Gruppe für Angehörige komatöser Patienten gegründet und findet darin Befriedigung, anderen in ihrer Situation zu helfen. Die brave Anna hat Sportmedizin studiert und arbeitet an einer Spezialklinik. Inzwischen hat sie ihre Eltern zu glücklichen Grosseltern gemacht. Unsere Goldmarie, ja, einige Zeit brauchte sie schon zur Rehabilitation, so ein Gehirnschlag ist ja kein Schnupfen. Dann aber....Sie holte alles auf, und nach ihrer Matura studierte sie Medizin. Sie wurde Kinderärztin und ist jetzt gerade dabei, eine Ausbildung in Psychotherapie zu machen. Denn ihr eigentliches Gebiet, dem sie sich mit allen Gaben widmet, die Frau Holle ihr geschenkt hat, ist die Seele, sind die Seelen der unschuldigen Kinder, die so wie sie selbst auch, eine zweite Chance im Leben bekommen sollen. Ja, und damit meine Geschichte auch ein richtiges Märchen wird,
endet sie so, wie alle Märchen enden: Und wenn sie nicht gestorben
sind, dann leben sie noch heute. Quelle: E-Mail Zusendung
von Merlin
und Morgane Märchenerzähler, Märchenzauber
- Die Mistel, aus dem Waldviertel, 5.
Jänner 2003. |