Heno der Donnerer

Ein schönes junges Mädchen, das im Dorf Gäugwä am Niagarafall wohnte, sollte sich nach dem hartnäckigen Willen seiner Eltern mit einem häßlichen, bejahrten Mann verheiraten, der schon wenigstens seine siebzig Winter gesehen hatte. Aber das Alter hätte am Ende noch am wenigsten ausgemacht, wenn er nicht ein allzu unliebsamer und griesgrämiger Geselle gewesen wäre und nicht außerdem schon fünf Weiber in seinem Wigwam beherbergt hätte. Ein solches Bündnis war natürlich der braunen Jungfrau auf den Tod verhaßt, und da sie keinen anderen Ausweg wußte, diesem Unglück zu entgehen, so nahm sie sich vor, Selbstmord zu begehen.

Darauf setzte sie sich in ein Kanu und ließ sich damit den Niagarafall hinunterstürzen. Doch Heno der Donnerer, der schon seit Jahrtausenden seine Wohnung unter jenem Fall aufgeschlagen hatte, hatte das Schifflein kommen sehen und schnell mit zweien seiner Gehilfen ein großes Tuch aufgespannt, so daß er die junge Selbstmörderin glücklich auffing. Einem dieser Gehilfen gefiel sie so gut, daß er sie bald danach heiratete.

Einige Jahre vorher waren die Bewohner von Gäugwä von einer verheerenden Seuche heimgesucht worden. Heno, der sich für das Wohlergehen jener Leute, besonders aber für das des jungen Fräuleins sehr zu interessieren schien, hatte diesem einst mitgeteilt, daß unter seinem Dorf im Erdboden eine mächtige Schlange wohne, die sich nur an den Körpern toter Menschen sättige, weshalb sie das Wasser des Niagaraflusses und aller Bäche rundum vergiftet habe. Das Mädchen sollte deshalb seinen Stamm bereden, jenes Dorf zu verlassen und nach Buffalo Creek zu ziehen, was es auch zu tun versprach.

Dann gab Heno der Jungfrau auch noch allerlei nützliche Lehren, wie sie ihr künftiges Kind zu erziehen habe; denn beide hatten schon seit längerer Zeit auf sehr vertrautem Fuß gelebt.

Die Leute folgten dem Rat Henos und zogen aus.

Als dies die alte Schlange merkte, machte sie sich ebenfalls reisefertig, um ihnen nachzukriechen. Aber da ließ Heno schnell ein schreckliches Donnerwetter auf sie los und verwundete sie so mit seinen Blitzen, daß sie nach wenigen Minuten verschied. Ihr großer Körper floß nun den Niagarastrom hinab und blieb in der Nähe des Falls an einem Felsen hängen, wodurch der Fluß gedämmt wurde und seinen Lauf ändern mußte. Durch diesen Zufall bildete sich der sogenannte Hufeisen-(Horse-shoe-)Fall.

Das Kind, das besagte Jungfrau nach kurzer Zeit gebar, besaß die große Gabe, den Blitz hervorrufen und leiten zu können. Sein Vater gab daher ständig acht, daß es nicht in menschliche Gesellschaft kam.

Doch einst, als er ausgegangen war, hatte sich der Kleine ebenfalls entfernt und mit einem anderen Knaben Ball gespielt. Dabei waren aber beide uneinig geworden; der Blitzknabe hatte von seiner Gabe Gebrauch gemacht und seinen Gespielen erschlagen lassen. Darüber wurde der alte Heno so ärgerlich, daß er ihm den schwersten Posten im Donnerreich gab, an dem er nun festgebannt bis in alle Ewigkeit schwitzen muß.

Quelle: Karl Knortz, Märchen und Sagen der Indianer Nordamerikas, Jena 1871, Nr 50