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Die Geschichte eines Riesen

Als die Erde aus dem Wasser emporgetaucht war, entstanden allerlei Kreaturen, Pflanzen, Tiere, Menschen und auch einige Riesen darauf, welch letztere sich besonders am Kanawage-Fluß oder St.-Lorenz-Strom ansiedelten.

Auch ein ganz fremdes Volk kam auf großen Schiffen an, konnte aber nicht landen, da sich plötzlich ein schrecklicher Sturm erhob, der alle ihre Fahrzeuge zerschmetterte. Die Leute wären sicherlich alle ertrunken, wenn sie nicht schnell einige vorbeifliegende Falken herausgezogen und auf einen nahen Berg geschleppt hätten. Dort erholten sie sich wieder, bauten ein kleines Fort und trieben Ackerbau und Viehzucht. Doch die umwohnenden Riesen, die alles raubten und plünderten, was nur einigermaßen von Wert war, fingen auch mit ihnen Krieg an, nahmen sie alle gefangen und töteten sie."

Diese Riesen richteten überhaupt unter der Menschheit das gräßlichste Unheil an. So wohnte z. B. zu jener Zeit ein alter Häuptling in der Nähe des genannten Flusses, der hatte sechs Söhne und eine wunderschöne Tochter, welch letztere eines Tages, während sich ihre Brüder auf der Jagd befanden, von einem dieser Riesen, der sein Augenmerk schon lange auf sie gerichtet hatte, geraubt und fortgeführt wurde.

Als sie ihre Brüder bei ihrer Rückkehr nicht mehr fanden, beschloß der älteste sie zu suchen. Nach drei Tagesreisen stand er vor dem Haus des Riesen und sah seine Schwester herumgehen und dürres Holz sammeln. Doch als er auf sie zuging, lief sie schnell in die Hütte zurück, und es schien ihm, als ob es ihr recht gut gefalle und sie nicht den geringsten Wunsch hege, wieder in ihre alte Heimat zurückgebracht zu werden. Der Jäger ging ihr nach und wurde auch von seinem Schwager recht freundschaftlich empfangen. Beide steckten sich ihre Pfeifen an und unterhielten sich recht gemütlich.

Am Abend wurde dem jungen Mann ein weiches Lager angewiesen, und da er recht müde war, so schlief er auch bald ein, und der Riese hatte dann leichtes Spiel, ihm mit seiner Keule den Kopf zu zerschmettern. Darauf begrub er ihn und sagte seiner Frau, sie solle ja auf ihre anderen Brüder achtgeben und ihn wissen lassen, wenn sich wieder einer nahe.

Kurz danach erschien auch wirklich der jüngste, der als der stärkste und wildeste galt, trefflich bewaffnet vor der Tür und fragte stürmisch nach seinem Bruder. Der Riese erzählte ihm, daß er Frieden mit ihm geschlossen habe und er zur Zeit auf der Jagd sei. Darauf setzte sich Dontonkä, wie er hieß, nieder, ließ sich von seiner Schwester etwas zu essen bringen, und da es inzwischen Abend wurde und er sich schläfrig fühlte, so legte er sich auf eine Büffelhaut und schlief ein. Vorher band er sich jedoch über jedes Auge ein Stück faules Holz, das in der Dunkelheit so leuchtete, daß der Riese glaubte, sein Schwager habe die Augen auf und wache.

Am folgenden Morgen entspann sich nun ein schrecklicher Kampf zwischen beiden, und Dontonkä zerschmetterte den Riesen in tausend Fetzen und verbrannte sein ganzes Haus. Seine Seele flog darauf in den Himmel und wurde zu einem großen Stern. Auch die Frau starb kurz danach, und ihr Geist verwandelte sich ebenfalls in einen Stern.

Quelle: Karl Knortz, Märchen und Sagen der Indianer Nordamerikas, Jena 1871, Nr 84