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Der kleine Ziberda.

Wo war's, wo war's nicht, siebenmal sieben Königreiche weit von hier, da war ein Mensch, der hiess Ziberda. Und zwar war sein lieber Vater ein Bürstenbinder, und er war ein kleines Kind. Dann starb allhier sein lieber Vater, und er war sehr ungezogen. Er warf die Fenster ein; das eine und andere Mal zahlte wohl seine liebe Mutter für ihn, aber dann wurde er doch wohl auch mal eingesperrt.

Also gut, er betrieb das Handwerk weiter; aber sie waren sehr arm.

Da kehrte mal ein fahrender Schüler in der Stadt ein und forschte nach, wo jener Ziberda genannte Bürstenbinder wohne. Sie sagten ihm: da und da wohnt er. Er ging zu ihnen und gab sich für einen Verwandten der Frau aus. Die Frau wollte ihn nicht als Verwandten anerkennen; aber schliesslich that sie es doch. Er war dort etwa drei Tage, freundete sich mit Ziberda an und sagte zu ihm, "Wir wollen fortgehen, da und da hin." Da sagte der kleine Ziberda, "Ihr seid mir kein gutes Onkelchen," aber schliesslich ging das Kind doch mit ihm fort.

Sie gingen eine Strecke ausserhalb der Stadt; das Kind sagte, es wolle nicht weiter gehen, denn es käme sonst nicht zurück.

"Fürchte dich nicht! Wir kommen zurück."

Wieder gingen sie und gelangten zu einem grossen Stein.

"Nein, mein liebes Onkelchen, nun gehen wir aber nicht weiter; denn wir sind schon weit genug draussen."

Aber der fahrende Schüler sagte "hopp" und zog ein grosses Messer. Vor dem Messer erschrak das Kind sehr; es ging weiter. Sie gelangten an einen schrecklich grossen Berg; noch jenseits von dem Berg, auf seiner anderen Seite, da war ein Fels, in dem Fels ein Keller. Hier sagte der fahrende Schüler:

"Geh hinein in den Keller! Im hinteren Winkel ist eine rostige Lampe; die bringe heraus! Wenn dir irgend etwas zustösst, nimm diesen Ring. Wenn du ihn drehst, bin ich dir zum Beistande da."

Und dann befahl er ihm auch noch, dass er sich nicht aufhalten, sondern kommen solle. Doch darauf gab er nichts; in dem Keller waren sehr schöne Kostbarkeiten; das Kind blieb dort. Der fahrende Schüler musste von dem Keller weggehen, und der Keller schloss sich. Das Kind rang die Hände, als es hinaus wollte; es war unmöglich. Da auf einmal drehte es irgendwie den Ring an seinem Finger; siehe! da sprangen zwei Riesen heraus: "Was giebt's, lieber Herr?"

"Nichts, als dass ihr mich zu meiner lieben Mutter, nämlich zur Frau Ziberda, bringt!"

Da trugen sie ihn fort und setzten ihn bei seiner lieben Mutter nieder. Und die sagte: "Ach, wo warst du so lange?"

"Ich hatte gleich gesagt, dass der mir kein guter Onkel ist; er führte mich da und da hin."

Dann assen sie; aber es ging sehr ärmlich zu. Das Kind drehte den Ring an seinem Finger; da sprangen die beiden Riesen heraus und sprachen:

"Was giebt's, lieber Herr?"

Der arme Knabe dachte nach, was es wohl zu thun gäbe, was er antworten könnte.

"Schafft etwas zu essen!" sagte er.

Und da deckte einer sogleich auf, und der andere brachte die allerbesten Speisen. Sie beendeten das Abendessen oder Mittagessen oder was es war.

Diese Kunst trieben sie lange. Da kam es einmal dem Jüngling in den Sinn, dass es gut wäre, zu heiraten. In der Stadt wohnte ein König, der hatte eine Tochter. Er sandte seine liebe Mutter zu dem allerhöchsten König, dass sie bestelle, er möge ihm seine Tochter zur Gemahlin geben. Die arme Frau ging fort; aber sie erschrak vor den Wachen und ging nicht hinein. Der Sohn lauerte schon dort am Fenster.

"Nun, Mutter, wart Ihr beim König?"

"Gewiss war ich dort."

"Keine Spur, dass Ihr dort wart, keine Spur! Aber jetzt geht auf der Stelle!"

Was war da zu thun? Die arme Frau ging zum König.

"Erlauchter König", sagte sie, "mein Sohn würde gern Eure Tochter heiraten, wenn Ihr sie ihm geben würdet."

"Aber was denkt sich denn dein Sohn! Meine Tochter kann ich nicht einem armen Burschen geben."

Die Frau kehrte um, bestellte ihrem Sohn, was der König verfügt hatte. Gleich drehte der den Ring an seinem Finger, die beiden Riesen kamen herbei.

"Was giebt's, lieber Herr?"

"Geht, bringt mir viele Kostbarkeiten, Gerätschaften aus Demant!"

Sie brachten es, und er that es sogleich in einen Handkorb und gab ihn seiner lieben Mutter.

"Nun seid so gut und übergebt ihm das und fragt ihn, ob er mir seine Tochter giebt, und sagt, er solle morgen zu Tische zu mir kommen."

Die Frau ging; sie kam hin zur Wache, und die fragte:

"Wohin geht Ihr, liebe Mutter?"

"Zum König!"

Aber sie sagten, das ginge nicht, ehe sie sie angemeldet hätten. Sie melden sie an, und der König lässt sie ein. Dort kniet die Frau nieder.

"Hopp, steht auf!" sagt der König, "was wollt Ihr?"

"Nichts anderes, erlauchter König, als dass mein Sohn Eure Tochter zur Gemahlin haben möchte, wenn Ihr sie ihm gebt, und dass Ihr morgen Mittag zu ihm zu Tisch kommen möchtet!"

"Ich werde kommen, wenn Ihr von meinem Schloss bis zu Euerm Haus einen goldenen Damm gebaut habt und zur einen Seite und auch zur anderen Obstbäume stehen und in den Wipfeln aller Obstbäume ein paar Vöglein sitzen, die mir singen, und ausserdem soll Euer Haus ein Schloss werden."

Die Frau kam nach Hause; der Sohn forschte sie aus, was der König gesagt hatte. "Also er sagte das und das." "Na, das ist nicht schlimm!" Er drehte den Ring an seinem Finger, da kamen die beiden Riesen.

"Was giebt's, lieber Herr?"

"Ich will nämlich des Königs Tochter zur Frau haben; aber das und das muss gemacht werden; also macht es, doch so, dass es seinesgleichen nicht hat im weiten Ungarlande, und zwar sollen auf den Seiten des Dammes die Obstbäume in zwei Reihen stehen!"

"Ach, lieber Herr, dazu sind unserer zu wenig. Aber hole jenes rostige Lämpchen hervor; darin sind noch zwölf; rüttle es nur."

Da rüttelt er das Lämpchen, springen zwölf Riesen heraus und fragen: "Was giebt's, lieber Herr?" Also das und das.

Nun waren sie ihrer vierzehn und bauten solch einen Damm und solch ein Schloss, dass im weiten Ungarlande nicht ihresgleichen waren.

Nun machte sich der König fertig; aber zuerst sandte er hin und zwar Haiducken oder Husaren, dass sie nachschauten, ob das Mahl bereit sei. Und er kam zurück.

"Erlauchter König, sie haben noch nicht einmal Feuer."

Wieder schickte er einen zweiten, einen dritten aus; der sagte auch dasselbe.

Der König liess einspannen und machte sich auf den Weg auf dem goldenen Damm; denn so etwas war doch auf der ganzen Welt noch nicht dagewesen. Er kam hin und staunte; kein Feuer, nichts war da! Ziberda drehte den Ring an seinem Finger; da kamen die beiden Riesen hervor: "Was giebt's, lieber Herr?"

"Seht, hier ist der König; der wird mein Schwiegervater. Schafft die auserlesensten Gerichte herbei!"

"Ach, lieber Herr, dazu sind unserer zu wenig; aber hole jenes rostige Lämpchen hervor; rüttle es nur!"

Sogleich sprangen die zwölf Riesen heraus, deckten den Tisch und brachten Speisen herbei; ich sah es wie jetzt dieses. Dem König gefiel das sehr, und da gab er ihm seine Tochter und dazu noch sein halbes Königreich.

Aber kehren wir zu dem fahrenden Schüler zurück. Als er vernahm, dass Ziberda ein grosser Cavalier geworden war, sammelte er neue Lampen und liess die vergolden; dann, als der kleine Ziberda nicht zu Hause war, ging er hin, sie bei ihm zu verkaufen gegen Tausch oder billiges Geld.

Das Stubenmädchen ging hinein zur gnädigen Frau, melden, dass ein Mann da sei und eine Lampe feilbiete. "Wir haben ein so schlechtes Lämpchen," sagte sie, "die dort beim Tisch in einem Winkel hängt; wir wollen ihm die geben."

Und sie gaben sie ihm auch, damit sie die Stube nicht verschimpfiere.

Der fahrende Schüler wartete nur ab, bis die liebe Sonne untergegangen war, dann rüttelte er das rostige Lämpchen, hervor kamen die zwölf Riesen: "Was giebt's, lieber Herr?"

"Tragt dieses Schloss, den goldenen Damm und alles, was hier ist, über siebenmal sieben Königreiche zum siebenten Meereswinkel."

Sie ergriffen es und trugen es fort; Ziberda liessen sie dort, wie er war, entkleidet auf der Erde zurück.

Die Stadt war von dem Schloss so hell erleuchtet gewesen wie bei Tage; aber als der König hinaussah, war es dunkel. Er schickte einen Haiducken; denn er sagte: "Ist unserer Tochter oder unserem Schwiegersohn was zugestossen?"

Und was erblickten sie? Etwas Weisses zusammengekauert. Gleich banden sie ihn und führten ihn vor den König. Der ergriff gleich die doppelläufige Pistole. Ziberda flehte, er möge ihm nichts anthun, denn er wisse nicht, was geschehen sei; "aber ich werde Eure Tochter schon zurückbringen."

Er wollte ihm kein Pardon geben, aber dann verzieh er ihm doch, gab ihm Soldaten, Panduren mit. Aber Ziberda brauchte niemanden. "Geht nur!" sagte er, "denn ich gehe doch nicht mit Euch!"

Er ging und ging immer zu, traf in einem Wald einen Fluss, fiel hinein, und der Fluss trug ihn weit fort. Und wie er sich herausretten wollte, rang er so die Hände, dass der Ring sich, drehte; da sprangen die beiden Riesen heraus: "Was giebt's, lieber Herr?"

"Zieht mich doch aus dem Wasser heraus und bringt mich zu dem fahrenden Schüler!"

Da trugen sie ihn fort zum siebenten Meereswinkel und nahmen dort das Lämpchen fort. Die vierzehn Riesen brachten das Schloss wieder an seinen Platz, von Neuem wurde Hochzeit gehalten, den fahrenden Schüler verbrannten sie auf vierundzwanzig Klafter Holz, und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch jetzt.

Quelle: Elisabet Sklarek, Ungarische Volksmärchen, Leipzig 1901, Nr. 18