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Der Ahornbaum.

Es war einmal ein König, der hatte drei Töchter. Einmal sagte er ihnen, sie sollten ins Gehölz gehen und Erdbeeren pflücken. Welche zuerst ihren Topf voll habe, die bekomme ein neues Kleid. So machten sie sich zu dritt auf den Weg, und ihrer jede trug einen Topf. Die jüngste machte am hurtigsten, und ihr Topf war zu allererst voll. Jene waren voller Neid, dass sie ihn zuerst gefüllt hatte. Da sagte die älteste zur mittelsten, dass sie den Kopf der jüngsten absuchen wolle, und dann wolle sie ihr den Hals abschneiden. Die mittelste wollte erst nicht darauf eingehen; dann ging sie aber doch darauf ein. Da rief sie dem Kind, dass sie ihm den Kopf absuchen werde, und dann schnitt sie ihm den Kopf ab. Sie machten eine Grube, darin begruben sie es; dann teilten sie die Erdbeeren, füllten die Töpfe ganz damit und gingen heim.

Der König fragte, wo seine jüngste Tochter sei; sie sagten, das wüssten sie nicht, irgendwo im Wald sei sie verschollen, sie hätten sie gesucht, aber nicht gefunden.

Aber dort, wo sie sie eingegraben hatten, wuchs ein schöner Ahornbaum empor. Dahin ging ein Bettler, schnitt ihn ab und machte eine Fiedel daraus. Als er sie dann probierte, tönte sie also:

"Ich war eines Königs Tochter,
Aber jetzt bin ich aus Ahorn
Ein klein Geiglein."

Da ging der Bettler vor des Königs Fenster und geigte dort. Sie hörten ihn und riefen den Bettler hinauf. Wie der König die Geige zur Hand nahm, tönte sie bei ihm also:

"Geige, geige, lieber Vater,
Ich war einst auch deine Tochter,
Aber jetzt bin ich aus Ahorn
Ein klein Geiglein."

Darauf gab er sie seiner mittelsten Tochter, und bei ihr tönte sie also:

"Geige, geige, liebe Schwester,
Ich war eines Königs Tochter,
Aber jetzt bin ich aus Ahorn
Ein klein Geiglein."

Da gaben sie die Geige der ältesten; aber die wollte sie nicht in die Hand nehmen; schliesslich willigte sie ein, und bei ihr tönte sie also:

"Geige, geige, du mein Mörder,
Ich war eines Königs Tochter,
Aber jetzt bin ich aus Ahorn
Ein klein Geiglein."

Da erschrak das Mädchen sehr, und in ihrem Schrecken liess sie die Geige fallen. Die Geige stiess an das Tischbein; dort zerbrach sie. Wie sie zerbrach, siehe, da sprang die Königstochter aus ihr hervor. Nun war grosse Freude beim König; er umarmte und küsste seine liebe Tochter, und dem Bettler gab er eine gute Handvoll Goldstücke. Dann nagelten sie ein Fass aus; da hinein steckten sie die älteste Tochter, legten es oben auf einen Berg und liessen es von dort hinabrollen; so ist sie gestorben.

Quelle: Elisabet Sklarek, Ungarische Volksmärchen, Leipzig 1901, Nr. 21