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Die zehn Geschwister.

Irgendwo, ich weiss nicht wo, war einmal auf der Welt ein König. Dieser König hatte eine Gemahlin, mit der er schon viele Jahre sehr glücklich gelebt hatte. Sie hatten auch neun Buben. Aber gerade darüber zürnte der König. Er sagte seiner Gemahlin, wenn das zehnte Kind auch ein Knabe sein würde, so würde er sie mitsamt den Knaben verbrennen lassen. Die arme Königin grämte sich sehr. Sie schluchzte und weinte, sie beschwor ihren Gemahl, dass er nicht so hartherzig sein solle. Das nützte alles nichts. Und weil die Königin ihre Kinder sehr liebte, so sprach sie zu ihnen:

"Meine süssen Kinder, die Sache steht so und so. Drum rate ich euch, dass ihr fortgeht auf jenen hohen Berg. Wenn ihr dann auf dem Schloss eine schwarze Fahne seht, so flieht in die weite Welt hinaus, denn euer Vater würde euch daheim töten; wenn ihr eine Landesfahne seht, dann kommt getrost zurück; denn dann ist mir ein Mädchen geboren."

Das wäre soweit ganz gut gewesen; aber all dieses hatte eine Magd mit angehört. Als dann der Königin ein Mägdlein geboren wurde, da steckte sie statt der Landesfahne eine schwarze Fahne auf. Und als die armen Königssöhne das sahen, grämten sie sich sehr; denn ihre Mutter jammerte sie sehr. Aber sie konnten sie nicht lange beklagen; denn plötzlich wurden sie zu schwarzen Raben und flogen bis weit übers Meer.

Als der König erfuhr, dass alle seine neun Söhne geflohen waren, härmte er sich selbst sehr. Er that seiner Gemahlin alles zu Liebe.

Unterdessen wuchs auch die Königstochter langsam, langsam heran, so dass sie schon neunzehn Jahre alt war. Einstmals fragte sie ihre liebe Mutter, ob sie Geschwister gehabt habe.

"Du hattest welche, meine liebe Tochter; aber dein lieber Vater hatte gesagt, wenn du auch ein Bube würdest, dann würde er uns allesamt verbrennen lassen, weil jene doch schon alle Buben waren. Da sind sie davongezogen, und seitdem hatten wir keine Kunde von ihnen."

Da wollte die Königstochter durchaus sich aufmachen, dass sie ihre Brüder suche. Aber Vater und Mutter wollten sie nicht ziehen lassen. Doch sie sagte, dass sie dann davonlaufen würde, wenn sie es am wenigsten dächten. Was war da zu machen?

Sie liessen sie also ziehen, aber banden ihr auf die Seele, dass sie auf sich acht gebe.

Und so zog nun die schöne Königstochter von dannen. Wie sie so wanderte und wanderte, gar weit war sie schon von ihres Vaters Reich, da fand sie einmal in einem finstern Walde ein Schloss. Sie ging hinein und schaute sich überall um; aber sie fand dort keine Menschenseele ausser einem Koch. Der kochte am Herde. Sie beschloss, das Essen wegzunehmen. Und so geschah es auch. Sie machte sich so lange dort zu schaffen, bis sie es dann wirklich wegnahm, als der Koch nicht drinnen war. Wie da der Koch erschrak, als er das Essen nirgends fand! Jetzt war keine Zeit mehr, anderes zu bereiten; denn es war nun schon spät geworden.

Seine Brüder kamen heim; siehe, da war kein Abendessen! Sie schalten ihn, dass er faul gewesen sei. Vergebens sagte er, dass es gestohlen worden sei. Sie glaubten es ihm nicht; denn in jener Gegend wohnte nicht eine Menschenseele.

Am anderen Tage nahm sie dem Zweiten das Essen weg, am dritten Tag dem Dritten. Nun blieben die beiden Jüngsten zu Hause. Das thaten sie, damit einer immer in der Küche drinnen wäre. Aber das wusste die Königstochter nicht; denn als der eine aus der Küche ging, kam sie hervor, um jetzt das Essen fortzunehmen; doch der, der zurückgeblieben war, sprang aus einem Winkel vor und fasste sie.

Heim kamen die Brüder, und wirklich war ein gutes Abendessen da! Die anderen staunten sehr; sie erzählten ihnen dann, dass sie den gefasst hätten, der immer das Essen gestohlen hatte. Auf des Ältesten Rat forschten sie dann die Königstochter auf alle mögliche Weise aus, und da erfuhren sie, dass sie leibliche Geschwister waren.

Die Königstochter lud sie nun sehr ein, nach Hause zu kommen, sie sollten nichts fürchten, ihr Vater zürne ihnen nicht. Aber sie konnten nicht gehen, denn sie hatten noch zwei Jahre vor sich. Sie mussten einer Königin einundzwanzig Jahre dienen. Dann erzählten sie ihr auch, dass sie nur solange Menschen seien, als sie im Schlosse weilen; draussen würden sie stets zu Raben, und sie dürften auch mit Menschen nicht reden; denn dann müssten sie noch ein Jahr länger dienen. Und damit waren sie plötzlich alle in Raben verwandelt und flogen auf und davon.

Die Königstochter wartete dort noch etliche Tage, dass sie wiederkehren sollten; aber sie kamen nicht. Da machte sie sich wieder auf, um sie zu suchen.

Sie wanderte und wanderte, war auch schon jenseits von siebenmal sieben Königreichen, als sie in einem Wald ein kleines Haus fand. Sie war sehr ermattet, darum trat sie ein. Ein Jäger wohnte dort mit seiner Mutter zusammen. Sie baten sie so lange, bei ihnen zu bleiben, bis sie dort blieb.

Und der Jäger war ein so wunderschöner Mann, dass sie ihn heiratete, als er um sie warb.

Nach einem Jahr brachte sie ein schönes Knäblein zur Welt, gerade als ihr Mann nicht zu Hause war. Und die gottlose Grossmutter, des Jägers Mutter, vertauschte das Kindlein mit einem Jagdhund, und als der Jäger nach Hause kam, schalt sie vor ihm sehr auf seine Frau, was für ein schlechtes, sittenloses Geschöpf das sei; habe sie nun nicht gar einen Hund zur Welt gebracht!

Der Jäger wollte es nicht glauben, darum ging er gleich zu seiner Frau. Vergebens beteuerte die arme Frau, dass das nicht wahr sei; es nützte ihr nichts. Er wollte sie fortjagen; aber seine Mutter redete so lange auf ihn ein, dass sie verbrannt werden müsse, bis sie ihn schliesslich überredete. Und dann sagten sie ihr, dass sie sich bereit halten solle, denn sie würde nicht mehr lange zu leben haben.

Anderen Tags schleppten sie einen grossen Scheiterhaufen zusammen, damit sie darauf verbrannt werde. Sie hatten sie auch schon am Holz festgebunden und mussten gerade nur noch unter ihr anzünden, als sich auf einmal der Himmel verfinsterte und neun schwarze Raben sich niedersenkten. Sogleich erkannte die arme Königstochter, dass diese ihre Brüder waren. Sie flehte sie an, dass sie sie befreien sollten; denn sie sei wahrhaftig unschuldig wie das heute geborene Lamm. Natürlich gaben sie nicht zu, dass ihr etwas angethan wurde, und als des Jägers Mutter auch bekannte, dass sie wirklich unschuldig sei, da nahmen sie sie gleich mit sich und gingen zusammen heim. Aber vorher wurde noch des Jägers Mutter verbrannt.

Zu Hause verheirateten sie sich dann alle; wenn sie noch nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

Quelle: Elisabet Sklarek, Ungarische Volksmärchen, Leipzig 1901, Nr. 8