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Das Mädchen Snegurotschka
(Vladimir Iwanowitsch Dal)

Es lebte einmal ein Alter Mann mit seiner Alten, sie hatten aber weder Kinder noch Enkelkinder. An einem Feiertage sind sie zum Tor hinausgegangen, um den anderen Kindern dabei zuzuschauen, wie sie kleine Schneebälle rollen und Schneeballschlacht spielen. Der Alte hebt einen Schneeball auf und sagt:

Schneeballschlacht © www.SAGEN.at

Schneeballschlacht
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- Was sagst du, Alte, wenn wir ein Töchterlein hätten, und auch so rund, und auch so weiss!

Die Alte schaut sich den Schneeball an, schüttelt ihren Kopf und antwortet:

- Was kannst du da machen, wenn wir nichts haben, dann können wir es auch nirgendwo kriegen.

Der Alte nahm aber den Schneeball in ihr Bauernhaus mit, legte ihn in einen Topf, bedeckte ihn mit den Lumpen und stellte zum Fenster.

Die Sonne ging auf, erwärmte den Topf und der Schnee begann zu tauen. So hören plötzlich die Alten - da piepst etwas im Topf unter den Lumpen. Sie gehen zum Fenster und - guck mal! - im Topf liegt ein Mädchen, weiss wie der Schnee und rund wie ein Ball, und sagt zu ihnen:

- Ich bin das Mädchen Snegurotschka, aus dem Frühlingsschnee gerollt, von der Frühlingssonne erwärmt und gerötet.

Die Alten freuten sich sehr, nahmen das Mädchen aus dem Topf; die Alte setzte sich gleich an die Arbeit, sie begann zu schneidern und zu nähen. Und der Alte wickelte Snegurotschka in ein Tüchlein, begann sie zu schaukeln und sang:

Schlaf, unsere Snegurotschka,
Unser süsses Brötchen,
Aus dem Frühlingsschnee gerollt,
Von der Frühlingssonne erwärmt,
Wir werden dir zu trinken geben,
Wir werden dir zu essen geben,
Dich schön und bunt anziehen,
Du wirst gross und klug sein.

So wächst Snegurotschka heran und freut die Alten, und so klug ist sie, so vernünftig, solche gibt es nur in Märchen, nicht in der Wirklichkeit.

Es ging den Alten wie geschmiert: im Hause ist alles gut, im Hof auch nicht schlecht, das Vieh hat den Winter überlebt, das Geflügel hat man in den Hof gebracht. Sobald man das Geflügel aus dem Hause in den Stall gebracht hat, kam das Unglück: ein Fuchs kam zu der Hündin Shutschka, stellte sich krank und began Shutschka anzuflehen, jammernd zu bitten:

- Shutschenka-Shutschok, weisse Pfötchen, seidenes Schwänzlein, lass' mich bitte in den Stall, ich möchte mich wärmen!

Shutschka war den ganzen Tag mit dem Alten im Walde und wusste nicht, dass die Alte das Geflügel gerade in den Stall getrieben hat. Sie hatte Mitleid mit dem kranken Fuchs und liess ihn in den Stall. Der Fuchs aber erwürgt zwei Hühner und war damit sofort über alle Berge.

Wie der Alte das erfuhr, so schlug er Shutschka und jagte sie weg.

- Geh wo du willst, - sagte der Alte, - zu einem Wächter taugst du nicht!

So ging Shutschka weinend vom Hof und nur Snegurotschka und die Alte hatten Mitleid mit ihr.

Der Sommer war gekommen, die Beeren wurden reif, so luden die Freundinnen Snegurotschka in den Wald zum Beerensammeln ein. Die Alten wollten aber davon nichts hören! Die Mädchen versprachen dann, dass sie Snegurotschka auf keinen Fall aus dem Blick lassen, Snegurotschka wollte auch in den Wald mit. Letzten Endes mussten die Alten zustimmen, sie gaben Snegurotschka ein Bastkörbchen und ein Stück Kuchen und liessen sie mit den Freundinnen in den Wald.

So liefen die Mädchen und Snegurotschka zusammen, aber als sie in den Wald kamen und reife Beeren sahen, so vergassen sie alles und rannten auseinander. Sie sammeln die Beeren und rufen einander zu.
Die Beeren sind gesammelt, Snegurotschka ist aber verschwunden. Sie gibt einen Laut von sich - niemand antwortet ihr.

Die Arme fing an zu weinen und wollte wieder den Weg finden, hat sich aber noch mehr verlaufen. So kletterte sie auf einen Baum und rief: Au! Au!

Da kommt ein Bär, das Reisig kracht, die Büsche biegen sich:

- Warum weinst du, Mädchen, warum, du schönes?

- Au! Au! Ich bin das Mädchen Snegurotschka,
Aus dem Frühlingsschnee gerollt,
Von der Frühlingssonne gerötet,
Die Freundinnen haben mich der Oma und dem Opa erfleht,
Mich in den Wald gebracht und verlassen!

- Komm runter, - sagt der Bär, - ich bring dich schon nach Haus!

- Nein, Bär, - antwortet das Mädchen Snegurotschka, - ich gehe nicht mit dir, ich habe Angst vor dir, du wirst mich fressen!

Der Bär ging weg.

Da läuft ein Wolf:

- Warum weinst du, Mädchen, warum jammerst du, schönes?

- Au! Au! Ich bin das Mädchen Snegurotschka,
Aus dem Frühlingsschnee gerollt,
Von der Frühlingssonne gerötet,
Die Freundinnen haben mich der Oma und dem Opa erfleht,
Mich in den Wald gebracht und verlassen!

- Komm runter, - sagt der Wolf, - ich bring dich schon nach Haus!

- Nein, grauer Wolf, - antwortet das Mädchen Snegurotschka, - ich gehe nicht mit dir, ich habe Angst vor dir, du wirst mich fressen!

Der Wolf ging weg.

Da kommt ein Fuchs:

- Warum weinst du, Mädchen, was schluchzt du, schönes?

- Au! Au! Ich bin das Mädchen Snegurotschka,
Aus dem Frühlingsschnee gerollt,
Von der Frühlingssonne gerötet,
Die Freundinnen haben mich der Oma und dem Opa erfleht,
Mich in den Wald gebracht und verlassen!

- Ach, du liebes Kind! Ach, du gescheites Kind! Ach, du mein armseliges Kind! Komm schnell runter, ich bring dich nach Haus!

- Nein, Fuchs, deine Worte sind schmeichlerisch, ich habe Angst vor dir - du bringst mich zum Wolf, du gibst mich dem Bären. Ich gehe nicht mit dir!

Der Fuchs ging um den Baum herum, schaute Snegurotschka an, verlockte sie vom Baume, das Mädchen ging aber nicht!

-Wau-wau! - bellte ein Hund im Walde.

Das Mädchen Snegurotschka rief:

- Au-au, Shutschenka! Au-au, meine liebe! Ich bin hier, ich das Mädchen Snegurotschka, aus dem Frühlingsschnee gerollt, von der Frühlingssonne gerötet, die Freundinnen haben mich der Oma und dem Opa erfleht, mich in den Wald gebracht und verlassen! Der Bär wollte mich wegtragen, ich ging nicht mit ihm. Der Wolf wollte mich wegführen, ich sagte ihm ab. Der Fuchs wollte mich verlocken, ich liess mich nicht betrügen. Mit dir, Shutschka, will ich aber gehen!

Als der Fuchs das Gebell hörte, schwenkte er mit seinem Schwanz und war auf und davon!
Snegurotschka kam vom Baum herunter, Shutschka lief ihr zu, leckte ihr Gesicht und führte sie nach Hause.

Der Bär steht hinter dem Baumstumpf, der Wolf ist auf der Waldwiese, der Fuchs läuft hin und her in den Büschen. Shutschka bellt, alle haben Angst vor ihr, niemand wagt heranzutreten.

So kamen sie nach Hause, die Alten weinten vor Freude. Sie gaben Snegurotschka was zu essen und zu trinken, legten sie ins Bett, und hüllten sie unter die Decke:

Schlaf, unsere Snegurotschka,
Unser süsses Brötchen,
Aus dem Frühlingsschnee gerollt,
Von der Frühlingssonne erwärmt,
Wir werden dir zu trinken geben,
Wir werden dir zu essen geben,
Dich schön und bunt anziehen,
Du wirst gross und klug sein.

Man verzieh Shutschka und sie wurde mit Milch getränkt. Sie wurde wieder in der Familie aufgenommen und musste wieder den Hof bewachen.

Quelle: Aus dem Buch "Märchen der russischen Schriftsteller", Verlag Prawda, Moskau 1985
© Übersetzung aus dem Russischen: Oksana Fedotova, 2005.

Kommentar:

Wladimir Iwanowitsch Dal (1801-1872) hat im Laufe seines Lebens Märchen gesammelt, die er dann bearbeitete und 1871 in zwei Büchern veröffentlichte. Der bekannteste russische Märchensammler Alexandr Nikolajewitsch Afanasjew, der Märchen von ganz Russland sammelte und sie (etwa 300 Märchen) dann 1855-1863 in 8 Heften herausgegeben hat, bekam einen Teil von Märchen nämlich von Wladimir Iwanowitsch Dal.

Für traditionell gilt bei uns das "Märchen Snegurotschka" aus der Märchensammlung von Afanasjew. "Das Märchen Snegurotschka" von Wladimir Iwanowitsch Dal ist anders, ist nicht so bekannt, aber doch nicht weniger interessant.

Snegurotschka ist ein Mädchen aus dem Schnee. Im Wörterbuch steht das Wort "Schneewittchen" als deutsche Entsprechung, aber Schneewittchen ist eine ganz andere Person mit einer anderen Geschichte. Ich würde diesen Namen überhaupt nicht ins Deutsche übersetzen, denn eine genaue Entsprechung ist einfach nicht zu finden. "Sneg" - heisst "Schnee", der Rest des Wortes "urotschka" hat rein grammatische Bedeutung: zeigt das Geschlecht (Femininum) und das Diminutiv. Manchmal ist das "Schneemädchen" als Entsprechung zu treffen, aber der Bestandteil "Mädchen" ist ursprünglich im Namen "Snegurotschka" nicht vorhanden.

"Shutschka" ist einer der typischen russischen Rufnamen für eine Hündin (keine Rassehündin). "Shutschenka", "Shutschok" - klingt liebkosend.

Quelle: Email-Zusendung von Oksana Fedotova, 10. Dezember 2005.
Aus dem Russischen übersetzt von Oksana Fedotova.
© Oksana Fedotova, 2005.