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Das Bäuerlein

Es war einmal ein Bäuerlein, das nichts hatte als ein Weib und eine Kuh und sich sein Brot damit verdienen mußte, daß es das Vieh des ganzen Dorfes hütete. Das Bäuerlein war aber bei den übrigen Bauern nicht gut eingetragen, weil im ganzen Dorf keine Kuh fett werden wollte als die Kuh des Bäuerleins und weil an jedem Abend nur seine Kuh satt und vollgestopft nach Hause kam, die übrigen aber leer und hungrig in ihre Ställe zurückkehrten.

Sie gaben die ganze Schuld dem Hirten und forderten ihn auf, zu bekennen, warum beim Heimkehren immer nur seine Kuh vollgestopft sei, die andern aber leer und hungrig. Der Hirte antwortete mit großem Ernst: "Was kann ich dafür, wenn ihr so schlechtes Vieh haltet, das auf der besten Weide zu faul ist, zu fressen." Die Bauern mußten sich mit diesem Bescheid zufriedengeben, sannen aber auf andere Mittel, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen.

Einmal gingen sie hinaus, um selbst zu sehen, ob die Schuld an den Kühen oder am Hirten liege. Sie versteckten sich im Gebüsch und warteten, bis die Herde heranzog. Da sahen sie dann, wie das Bäuerlein seine Kuh immer auf den frischen Weideplatz führte, die anderen Kühe aber nur dort grasen ließ, wo zuvor schon alles abgefressen war. Da entbrannten sie in großem Zorn, gingen nach Hause, und weil sie dem Hirten sonst nichts nehmen konnten, beschlossen sie, sein Weib zu erschlagen.

Als der Hirte abends nach Hause kam, fand er seine Alte schon tot. Er jammerte darüber, daß sich ein Stein hätte erbarmen mögen, und je länger er jammerte, desto mehr freute es die Bauern. Aber auch er dachte sich an den Bauern zu rächen und kam auf einen pfiffigen Einfall. Er nahm sein totes Weiblein, trug es vor das Dorf auf die Straße und setzte es dort auf einen Stuhl. Dann stellte er ein Spinnrad davor und richtete alles so, daß jedermann glauben mußte, das Weiblein sei lebendig und spinne da mitten auf der Straße. Er selbst versteckte sich hinter den Stauden und wartete ab, was sich da zutragen würde.

Alsbald kam ein Fuhrmann des Weges, und als er das Weiblein sah, knallte er mit der Peitsche und rief: "Heda, Platz gemacht!" Das Weiblein rührte sich nicht. Der Fuhrmann schrie wieder: "Platz gemacht oder niedergefahren!" Das Weiblein blieb fest wie eine Mauer. Da schnellte der Fuhrmann, daß einem die Ohren gellten, und fuhr mit seinem Wagen vorwärts. Als er an das Weiblein kam, schrie er noch einmal: "Platz gemacht, du alte Hexe!" Die Alte rührte sich nicht, und der Wagen fuhr über sie hinweg.

Das Bäuerlein hatte dem ganzen Spektakel zugeschaut und stürzte jetzt mit dem größten Lärm aus seinem Versteck hervor: "Du Lumpenkerl, du Spitzbub, wer hat dich geheißen, mein Weib niederzufahren? Warte nur, dich werde ich schon vor Gericht finden." So fabelte er fort, als ob es sein größter Ernst wäre.

Der Fuhrmann wurde auch zornig und sagte: "Mehr als zehnmal sagen kann man es nicht. Ich habe ihr schon gesagt, sie soll Platz machen. Warum ist sie nicht gegangen? - Jetzt hüo." Das Bäuerlein ließ ihn aber nicht weiterfahren und sagte: "Du mußt mir vor Gericht. Platz gemacht hat meine Alte freilich nicht, wenn du auch geschrien hast und nahe herangefahren bist, sie hat ja nichts gesehen und nichts gehört."

Jetzt fürchtete sich der Fuhrmann freilich vor dem Gericht, fing an zu bitten und sagte: "Ich will dir gern Roß und Wagen geben, wenn du mich nur bei Gericht nicht anzeigst."

Das Bäuerlein war damit zufrieden, hieß den Fuhrmann absteigen und stieg dafür selbst auf den Wagen. Dann fuhr es in das Dorf hinein und schrie hü und hott und knallte mit der Peitsche, daß alles zusammenlief.

Da schauten die Bauern groß drein, als sie das Bäuerlein daherfahren sahen, und sie fragten, woher es denn Roß und Wagen habe. Das Bäuerlein antwortete ihnen, es habe die Haut seines Weibleins verhandelt und für den Erlös Roß und Wagen gekauft. Der Handel schien den Bauern profitabel, sie traten zusammen und beschlossen insgesamt, die Weiber zu erschlagen. Sie fielen also über sie her, machten ihnen den Garaus und zogen ihnen die Häute ab. Dann gingen sie mit den Häuten auf die Handelschaft und hofften bald, mit Roß und Wagen heimzukehren. Aber die Häute ließen sich nicht gut verkaufen, so daß sie alle mit langer Nase heimkehren mußten.

Darob wurden sie aufs neue erbittert über das Bäuerlein und beschlossen, es in einen Sack zu stecken und in den See zu werfen. Richtig wurde das Bäuerlein ergriffen, in einen finsteren Sack gesteckt und zum See hinausgeführt. Am Weg stand eine Kapelle, darin eben Messe gelesen wurde. Die Bauern wollten die gute Gelegenheit nicht versäumen und gingen in die Messe. Den Sack mit dem Bäuerlein ließen sie indes vor der Kapelle liegen, um ihn nach der Messe in den See zu werfen. Das Bäuerlein merkte seinen Vorteil und rief in einem fort aus dem Sack: "Ich mag sie nicht, ich will sie nicht; ich mag sie nicht, ich will sie nicht."

Da kam ein Wanderer des Weges, der hörte lange den sonderbaren Worten zu, trat endlich zum Sack und sagte: "Was magst du nicht, was willst du nicht?"

Da antwortete die Stimme im Sack: "Jawohl? Eine Königstochter soll ich heiraten, die mag ich nicht und die will ich nicht. Möchtest nicht du sie?"

"Eine Prinzessin kriegt man nicht alle Tage", antwortete der Wandersmann, "warum soll ich die nicht heiraten."

"Ja so knüpfe nur den Sack auf und schliefe statt meiner herein, dann wirst du sie schon bekommen."

Der andere knüpfte den Sack auf, ließ das Bäuerlein heraus und schloff an seiner Statt hinein. Das Bäuerlein machte sich aus dem Staub und lachte sich den Buckel voll.

Als die Messe zu Ende war, kamen die Bauern heraus, fuhren mit dem Sack zum See und warfen ihn hinein. Dann kehrten sie wieder heim und waren seelenfroh, weil sie glaubten, das Bäuerlein habe jetzt sein Teil bekommen. Sie spazierten aber nicht lange im Dorf herum, da kam schon wieder das Bäuerlein des Weges und trieb eine Schar Schweine vor sich her, die es irgendwo gestohlen hatte. Die Bauern wußten nicht recht, wie ihnen war, schauten einander groß an und kratzten sich hinter den Ohren. Ein paar gingen hinzu und fragten das Bäuerlein: "Wie kommst denn du wieder zu Leben, und woher hast du denn die Kutt 1) Facken 2) ?"

Das Bäuerlein antwortete: "Die Facken habe ich aus dem See geholt. Dort sind sie genug. Ist nur schade, daß ich es früher nicht gewußt habe. Wenn ihr gescheit seid, geht nur auch hin und holt euch einen Haufen!"

Diese Rede des Bäuerleins verbreitete sich windschnell im ganzen Dorf. Die Bauern hielten Rat und beschlossen in den See zu springen, um sich die Schweine herauszuholen. Sie gingen nun zum See hinaus, und als sie dort ankamen, kehrte sich einer von ihnen um und sagte: "Jetzt wartet ein wenig. Ich will vorausspringen, und wenn ich die Facken sehe, so rufe ich: 'Kummt!' Wenn ihr mich also hört, dann springt ihr alle nach, und wir werden die Facken heraufbringen."

Dieser Vorschlag war allen recht. Der Bauer ging nun ans Wasser und sprang von der Ferne hinein. Plumpf, tat es. "Habt ihr gehört?" sagten die Bauern zueinander. "Er hat gerufen: 'Kummt!'" Auf das hin sprangen alle Bauern ins Wasser und mußten jämmerlich ersaufen.

Nun waren zu den Bäuerinnen die Bauern auch tot, und das Bäuerlein war mutterseelenallein im ganzen Dorf. Es wußte sich den Reichtum der Bauern tüchtig zunutzen zu machen und war so lustig und wohlauf, daß es mit keinem Fürsten getauscht hätte.

1) Kutt: Haufen, Menge

2) Facken: Schweine

(mündlich aus dem Burggrafenamt)

Quelle: Ignaz und Joseph Zingerle, Kinder- und Hausmärchen aus Süddeutschland, Regensburg 1854