|
SAGEN.at >> Märchen >> Märchen aus Österreich >> Allgemein |
|
|
DAS MÄRCHEN VON DER WUNDERMÜHLE Der einzige Sohn einer armen Wittib war schon viele Jahre in der Fremde; sein Mütterlein lebte kärglich daheim und sehnte sich unsagbar nach ihrem Kinde. Und wie sie wieder einmal traurig ihrer häuslichen Arbeit oblag und ihres Kindes verlangend gedachte - siehe! Da sprang die Tür auf, und "Mutter!" und "Rupert!", das waren für lange die einzigen, voll Innigkeit gewechselten Worte. Als die erste Aufregung des Wiedersehens überwunden war, tauschten beide in sprunghaften Sätzen ihre Erlebnisse aus, und Rupert tröstete das klagende Mütterlein: "Weine nicht, die Not hat ein Ende; dafür bürgt mein Schatz, den ich in der Fremde redlich erworben habe." Neugierig verfolgte das Weiblein jeden Handgriff ihres Sohnes beim Auspacken des Ranzens, aber enttäuscht fragte die Frau, da Rupert als seinen Schatz eine alte Kaffeemühle vorwies: "Das ist alles?" - "Gedulde dich, lieb Mütterlein! Der alte Kasten hat eine geheimnisvolle Kraft, die wirst du bald schätzen; bereite nur schnell Kaffee, ich bin voll Hunger!" So sprach der Sohn, aber bedauernd entgegnete die Mutter: "Mein Kind, das kann ich nicht, ich habe keinen Vorrat." Darauf hatte Rupert nur gewartet. Feierlich und wortlos schloß er die Tür, schob die Fensterladen zu, breitete ein reines Tüchlein auf den Tisch, stellte die Mühle darauf und gab der Kurbel einen Stoß, indem er das Verslein sprach:
Da war das Mütterlein überglücklich, gelobte gern, niemand das Geheimnis zu verraten, und hielt auch ihr Wort. Die beiden waren und blieben arbeitsam und bescheiden, sie kamen zu Wohlstand, taten Gutes, wo sie nur konnten, und nichts fehlte zu ihrem Glück, da auch die Mitbürger sie liebten und schätzten. Nur Nachbar Kornhändler, ein unermeßlich reicher, alleinstehender Geizhals, neidete ihnen das Glück und wollte das Geheimnis des Aufschwunges erforschen. Frühmorgens und spätabends benützte er die Dunkelheit, um ungesehen an Tür und Fenster zu lauern. Da geschah es einmal, daß die Mutter das Fenster nicht gehörig verwahrt hatte und der Sohn seinen Wunschreim gar zu laut und deutlich hersagte, als sie notwendig Brot brauchten. Das alles beobachtete der Geizhals durch die Fensterspalte, und als er das Brot erscheinen sah, meinte er genug zu wissen; er schlüpfte in sein Haus und entwarf den Plan, wie er der Wundermühle habhaft werden könne. Der böse Mann lockte das arglose Paar in seinen Keller und sperrte es dort ein. Dann schlich er in das Nachbarhaus und tat, wie er gelernt hatte, indem er sprach:
Als der Weizen die Zimmerdecke sprengte, das Dach abhob und auf die Straße quoll, eilten Leute herbei und befreiten die in ihrem Gefängnis schreienden und polternden Menschen. Der Sohn brachte die Mühlen durch seinen Spruch rasch zum Stillstand; aber weil er mehr als einen Augen- und Ohrenzeugen hatte, erlosch im Augenblick der Mühlen Wunderkraft. Doch waren Mutter und Sohn nun schon auf immerdar von aller Not befreit.
|