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Der Waldkater

Es war einmal ein Köhler, der hatte nichts als ein Weib und ein Kind, das erst ein paar Tage alt war. Dieses war noch nicht getauft, und der Köhler beschloss, sich um einen Paten umzusehen. Weil er im Wald wohnte, musste er in das nächste Dorf gehen, um sich einen Gevatter auszubitten; und er machte sich deshalb in seinem Sonntagsgewand auf den Weg. Dort angelangt, ging er schnurgerade in des Richters Haus, um sich ihn zum Gevatter zu bitten. Doch der entschuldigte sich ein wenig grob und sagte, dass er für so ein Gesindel kein Geld auszugeben habe, und es hätte wenig gefehlt, so hätte er den Köhler zur Tür hinausgeworfen.

Nicht besser ging es ihm bei den übrigen. Die Kindstaufe sollte aber am anderen Tag sein, und daher musste er, ob gerade oder ungerade, für einen Gevatter sorgen. Er ging in das nächste Dorf, das wohl drei Stunden weit entfernt war und am Saum eines großen Waldes lag.

Als er mitten auf dem Weg war, stieg ein so arges Donnerwetter auf, dass er sich tiefer in den Wald begeben musste, um nicht bis auf die Haut nass zu werden und sein Sonntagsgewand obendrein zu verderben.

Unterdessen war es finster geworden; der Köhler, indem er auf seine Klugheit zu sehr rechnete, hatte sich diesmal geirrt. Anstatt später aus dem Wald zu kommen, verirrte er sich immer mehr und mehr. Schon wollte er sich, matt und müde wie er war, unter einem der Bäume niederlegen, um dort die Nacht zuzubringen, als er nicht gar weit von ihm entfernt ein Lichtlein brennen sah. Er nahm seine letzten Kräfte zusammen, schleppte sich bis zu dem Ort hin, wo das Lichtlein brannte, und sah eine große Hütte vor sich stehen, an welche er anklopfte.

» Wer da? « rief eine rauhe Stimme von innen, neben der sich das Knurren eines Katers vernehmen ließ.

»Ein armer verirrter Mann, der nur um eine Nachtherberge bittet.«

»Wenn's sonst nichts ist, die kann ich Euch schon geben«, ließ sich wieder die vorige Stimme hören. Die Tür wurde aufgemacht, und ein großer starker Mann trat heraus, dem ein schwarzer Kater, so groß wie ein Kalb, auf dem Fuß folgte. Der Mann führte den Köhler in die Hütte und fragte ihn, was ihn noch so spät in den tiefen Wald hereinbrächte.

Der Gevatter Köhler erzählte nun, er suche einen Paten für seinen kleinen Buben, allein überall sei er abgewiesen worden, er habe in das nächste Dorf gehen wollen und sich verirrt.

Der Mann hatte dem Erzähler aufmerksam zugehört und sagte: »Nun, wenn Ihr nichts anderes wollt als das, den Gefallen kann ich Euch schon selber tun; für heute geht schlafen, und was morgen zu tun ist, das wollen wir schon richten.« Er wies dem Köhler ein Bett als Nachtlager an, während er selbst sich mit dem Kater auf die Erde legte. Zeitlich früh stand er auf, pflückte einen »Buschen« von seinen Fensterblumen, weckte den Köhler, spannte den schwarzen Kater ein, und fort ging's zu des Kohlenbrenners Hütte.

Dort angekommen, nahmen sie das Kind und fuhren ins Dorf zur Taufe. In derselben erhielt es auf den Wunsch des Paten den Namen »Waldkater«. Man fuhr gleich wieder nach Hause, wo der Fremde das Kind und den Strauß dem Vater übergab und mit seinem Kater waldeinwärts fuhr. Der Kohlenbrenner übergab nun den Knaben samt dem Buschen der Mutter und sagte zugleich den Namen des Kindes.

Doch da hatte der gute Mann ein Wetter zu überstehen. »Pfui Teufel«, fing sie an, »das ist nicht einmal ein Name für einen Hund, geschweige denn für einen ehrlichen Christenmenschen; aus dem Kerl da wird was Sauberes werden, und den Buschen hätt' sich der eiserne Äff auch behalten können; für den ist es schon der Mühe wert, einen Waldkater als Kind zu haben. Ich hätte ihm den Buschen vor die Füße geworfen.«

Als sie dies sagte, fiel er ihr wie weggeblasen aus der Hand, und eine Menge Dukaten rollten aus demselben heraus. Das setzte das überraschte Ehepaar in nicht geringes Erstaunen. Erfreut klaubten sie das Geld auf und sahen, dass es nicht weniger als tausend Gulden waren.

Nun hatte aller Streit ein Ende, aller Zorn war verschwunden, sie lobten den edlen Wohltäter und dachten nur daran, was mit dem vielen Geld anzufangen wäre. Der Mann wollte den ganzen Wald kaufen und sein Handwerk im Großen betreiben, aber das Weib, welches ein wenig herrschsüchtig und eitel war, wollte durchaus ein Herrschaftshaus haben. Endlich einigten sie sich dahin, einen Meierhof zu kaufen, um dort ruhig und glücklich ihre Tage zuzubringen. Das geschah, und von der Zeit an lebten sie geehrt und zufrieden.

Unterdessen war auch der kleine Waldkater größer und ein schlimmer Bub geworden, wie seine Mutter vorausgesagt hatte. Er bekam daher mehr Schläge als zu essen, und das bestimmte ihn, seinen Eltern bei Nacht und Nebel abzufahren. Wohin, das wusste er selbst nicht, aber es war ihm auch alles eins, wohin er käme; darum rannte er schnurgerade in den Wald hinein und fort und fort, bis er endlich selbst nicht mehr wusste, wo ein und wo aus.

Sorgenlos legte er sich nieder, und als es Tag geworden war und er erwachte, sah er unweit seines Lagerplatzes eine Hütte stehen. Er ging hin, und mir nichts, dir nichts klopfte er fest an, um zu sehen, ob denn nicht jemand drinnen sei.

»Wer da?« sagte eine rauhe Stimme, neben welcher sich das Knurren eines alten Katers vernehmen ließ.

»Ich bin's, der Waldkater, macht auf, ich hab' Hunger.«

Die Tür wurde von einem alten Mann aufgemacht, und ein großmächtiger Kater war schon im Begriff, auf den Wildfang los zu springen, als Herr und Kater zugleich den Sohn ihres Freundes erkannten, mit dem sie vor mehr als zwölf Jahren die Spazierfahrt in die Kirche und zurück gemacht hatten. Der Pate nahm ihn gleich freundlich auf und fragte ihn, wie es ihm gegangen sei.

Als nun der Knabe alles erzählt hatte, was er wusste, fing der Pate an: »Mein Kind, du bist jetzt gerade in einem Alter, wo man was lernen soll; wenn dich daher das Gärtnerhandwerk freut, so kannst du gleich bei mir bleiben. Ich bin jetzt ohnehin schon alt, und bevor ich sterbe, will ich dich zu meinem Erben und Nachfolger einsetzen.«

Waldkater willigte gern ein, um nicht zu verhungern; er fügte sich dem Willen seines Paten und wurde ein Gärtner.

So blieb er nun fünf Jahre dort und lernte nebst der Gärtnerei noch viele andere nützliche Dinge. Endlich wurde ihm die Gärtnerei auch langweilig, und er ging nun - wie früher seinen Eltern, so jetzt seinem Paten - bei Wind und Wetter durch. Auch diesmal war er so unvorsichtig, sich ohne Lebensmittel fortzuschleichen, und er sah sich bald genötigt, sich auf sein Handwerk zu verlegen.

Als er schon ziemlich lange gewandert war, gewahrte er ein prächtiges Schloss. Er klopfte an und fragte, ob man keinen Gärtner brauche. Da wurde er sogleich als Hofgärtner aufgenommen.

Der König, dem das Schloss gehörte, hatte eine Tochter, die war wunderschön. Sie kam oft in den Garten und fand großes Wohlgefallen an dem jungen Gärtner. Die Hofbeamten beneideten ihn deswegen, aber weil sie ihn sonst gut leiden konnten, so sannen sie nur auf Mittel, ihn zu entfernen. Sie sagten ihm daher, der König habe ihn gesehen, wie er die Prinzessin geküsst habe, und deshalb habe er befohlen, den Gärtner umzubringen. Darüber erschrak er und suchte zu entfliehen. Er teilte das im Vertrauen der Königstochter mit, und im Garten schwuren sie, einander treu zu bleiben ein Jahr und einen Tag.

Der Gärtner floh nun aus dem Schloss, aber des ewigen Herumziehens müde, verdingte er sich gleich im nächsten Dorf als Schafhalterknecht, und nicht lange darauf wurde er zum wirklichen Schafhalter erhoben. Und in der Tat, wenn er seine Herde austrieb, so war es eine Freude, sie anzusehen: In Reih' und Glied marschierten sie daher wie ein Regiment Soldaten; sie waren dabei auch so abgerichtet, dass sie auf jeden Befehl hörten. Wenn sie dann des Abends nach Hause getrieben wurden, so marschierten sie wieder ordentlich vor dem Waldkater her, und der spielte so lustige Stücklein auf der Flöte, dass es eine Freude war. Das tat er aber um der Königstochter willen, unter deren Fenstern die Schafe vorbei getrieben wurden. Doch gab er sich nie zu erkennen und hüllte sich tiefer in seinen Mantel, wenn er vor dem Palast des Königs vorbeikam, um von den Höflingen nicht entdeckt zu werden.

Auf diese Weise war nun ein Jahr vergangen, ohne dass etwas vorfiel. Am letzten Tag desselben trieb Waldkater seine Herde ungewöhnlich weit in den Wald hinein, da kam ihm auf einmal ein fürchterlich großer Riese entgegen, der brüllte ihn an mit den Worten: »Was hast du Zwerg da in meinem Garten zu tun, weißt du nicht, dass ein jeder, der auf mein Gebiet kommt, von mir gefressen wird?«

»Meiner Seel', das wusste ich nicht«, sagte bis zum Tod erschrocken der Hirt und bat ihn, sein junges Leben zu schonen. Aber der Riese gab nicht nach und brüllte fort.

Da sagte der Hirt: »Nun, wenn Ihr mich schon durchaus umbringen wollt, so bitt ich Euch nur um etwas noch: Lasst mich mein Lieblingslied noch einmal spielen, und dann will ich gern sterben.«

»Meinetwegen«, sagte der Riese, »Musik hab' ich immer gern gehört.«

Nun fing der Hirt an zu spielen, so reizend und lieblich und traurig, dass der Riese zu schlafen anfing. Das eben hatte der Hirt gewollt, er zog sein Hirtenmesser aus der Tasche, und auf ja und nein lag der Kopf des Riesen auf der Erde und verwandelte sich in einen kleinen goldenen Apfel, während der übrige Körper des Riesen sich in einen großen grünen Hügel verwandelte.

Schon wollte Waldkater seine Herde heimtreiben, da hörte er auf einmal ein Geräusch und sah, wie aus dem Inneren des Waldes Räuber kamen und sich auf der anderen Seite des Hügels lagerten. Sie machten ein Feuer an, um Heisch zu braten, und sprachen heftig untereinander. Waldkater schlich sich nun leise an sie heran und hörte, dass sie eben beratschlagten, wie sie in der folgenden Nacht, in welcher die Hochzeit der Prinzessin mit einem fremden Prinzen sein sollte, das Schloss ausplündern und alle ermorden wollten. Als sie darüber einig waren, aßen und tranken sie und entfernten sich.

Als sie aber fort waren, ging der Waldkater her, schnitt den Apfel in zwei Teile und schrieb auf dieselben das, was er von den Räubern gehört hatte, sowie auch, dass er der Gärtner sei, und den Schwur, den ihm die Königstochter geleistet hatte. Dann trieb er seine Herde heim.

Die Königstochter erschien wie gewöhnlich am Fenster, aber diesmal allein, und diese günstige Gelegenheit benützte der Hirt, ihr die beiden Apfelhälften in den Schoß zu werfen. Die Königstochter erkannte ihn jetzt, war sehr erfreut darüber und beschloss, die Sache einstweilen geheimzuhalten.

Als aber der Morgen kam, sagte sie zum König: »Vater, verschiebe meine Hochzeit, der heutige Tag ist ein Unglückstag; ich habe so einen schrecklichen Traum gehabt, der mich vor meiner Hochzeit warnt. Mir träumte nämlich: Wir saßen froh und vergnügt bei der Hochzeit beisammen, auf einmal hörten wir Feuer rufen, und das ganze Haus stand in Flammen, darauf drangen Räuber in den Saal und ermordeten alle Gäste, und als sie auf uns zukamen, da wachte ich auf, ganz mit Schweiß bedeckt und an Händen und Füßen zitternd.«

Der König sah darin gleich ein vom Himmel ihm gesandtes Zeichen, verschob die Hochzeit, ließ im Innern des Palastes Soldaten aufstellen, die Zimmer des Schlosses festlich erleuchten und alles so vorbereiten, als ob Hochzeit gehalten würde. Gegen Mitternacht kamen wirklich die Räuber daher und waren schon im Begriff, das Schloss anzuzünden und in die Säle hinaufzusteigen, um zu plündern, als die Wachen aus dem Versteck heraus brachen und alle gefangennahmen.

Nun gestand die Königstochter ihrem Vater die Wahrheit, und der König willigte jetzt gern in die Heirat, da er dem Hirten sein Leben verdankte.

Quelle: Theodor Vernaleken, Kinder- und Hausmärchen in den Alpenländern, Wien 1863.
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Sabine Strasser, Februar 2006.
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