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Von dem Riesen, der kein Herz im Leibe hatte

Es war einmal ein König, der hatte sieben Söhne; von  denen hielt er so viel, daß er nicht ohne sie leben konnte; einer wenigstens mußte immer um ihn sein. Als die Söhne groß waren, sollten die sechs ältesten ausziehen und sich eine Frau suchen; den jüngsten aber wollte der Vater bei sich zu Hause behalten, und die andern sollten eine Prinzessin für ihn mitbringen. Der König gab nun den Prinzen die schönsten Kleider, die man je gesehen hatte; sie waren so schön, daß man den Glanz schon weit in der Ferne sah. Und jedem gab er ein Pferd, das kostete viele, viele hundert Taler, und damit reisten sie fort. Als sie nun an vielen Königshöfen gewesen waren und viele Prinzessinnen gesehen hatten, kamen sie endlich auch zu einem König, der sechs Töchter hatte. So schöne Königstöchter hatten die Prinzen noch nie gesehen, und jeder freite um eine von ihnen und bekam sie zur Braut, und darauf begaben sie sich mit den Prinzessinnen wieder auf den Heimweg zu ihrem Vater. Sie waren aber in ihre Bräute so verliebt, daß sie es ganz vergaßen, auch eine Prinzessin für ihren jüngsten Bruder mitzubringen, der zu Hause geblieben war.

Wie sie nun schon eine gute strecke Weges zurückgelegt hatten, kamen sie an einer steilen Bergwand vorbei, auf der ein Riesenschlotz stand. Der Riese kam heraus, und als er sie sah, verwandelte er sie alle in Stein, die Prinzen sowohl als die Prinzessinnen.

Riese © Fritz Loehr

Der König wartete immerfort auf seine Söhne, aber wie lange er auch warten mochte, sie kehrten nicht zurück. Da ward der König sehr betrübt und konnte nimmer wieder froh werden, "hätte ich nicht dich noch," sagte er zu dem jüngsten Sohne, "so möchte ich gar nicht mehr in der Welt leben." Der Prinz aber bat den König, daß er ihm erlauben möchte, fortzureisen, um seine Brüder wieder aufzusuchen. "Nein, das kann ich dir nicht erlauben," sagte der König ,"denn sonst würde ich dich auch noch verlieren." Aber der Königssohn wollte durchaus fort und bat seinen Vater so lange, bis er ihn endlich reisen ließ. Nun hatte der König aber kein anderes Pferd für seinen jüngsten Sohn als eine alte, elende Kracke, denn die sechs andern Königssöhne hatten alle die andern Pferde bekommen. Das bekümmerte ihn aber wenig, er setzte sich auf seine alte Kracke und reiste fort. "Lebe wohl, Vater!" sagte er, als er abreiste; "ich werde schon wiederkommen, und vielleicht bringe ich dann meine Brüder auch mit."

Als er ein Ende geritten war, traf er auf dem Wege einen Raben, der lag da und schlug mit den Flügeln und konnte vor lauter Hunger und Mattigkeit nicht von der stelle. "Ach, gib mir doch ein wenig zu essen," sagte der Rabe, "dann will ich dir auch wieder helfen, wenn du einmal in Not kommst." - "Zwar hab' ich selbst nicht viel zu essen," sagte der Königssohn, "und du siehst mir auch gar nicht danach aus, als ob du mir viel helfen könntest; weil du es aber so nötig zu haben scheinst, will ich dir gern etwas geben." Darauf öffnete er seinen Ranzen und gab dem Raben zu essen.

Als er nun ein Ende weiter gereist war, kam er an einen Bach. Nicht weit davon lag ein großer Lachs, der auf das trockene Land geraten war, und zappelte und konnte nicht wieder zurück ins Wasser. "Ach, hilf mir doch wieder ins Wasser!" sagte der Lachs, "ich will dir auch wieder helfen, wenn du einmal in Not kommst." - "Ja, deine Hilfe wird mir wohl nicht viel nützen," sagte der Königssohn, "aber es wäre ja Sünde, dich hier umkommen zu lassen," und damit setzte er den Fisch wieder ins Wasser.

Nun reiste er ein gutes Ende weiter, da traf er auf dem Wege einen Wolf an, der lag da und krümmte sich vor lauter Hunger. "Ach, gib mir doch dein Pferd zu fressen," sagte der Wolf; "denn ich bin so hungrig, daß mir der Magen schlottert, als wenn ich in zwei Jahren nichts zu fressen bekommen hätte." — "Nein," sagte der Königssohn, "das kann ich unmöglich tun. Erst kam ich zu einem Raben, dem mußte ich mein Essen geben, darauf kam ich zu einem Lachs, dem mußte ich wieder ins Wasser helfen, und du willst nun gar mein Pferd haben. Das geht nicht, denn dann weiß ich nicht, wie ich meine Reise fortsetzen soll." — "Ja, du mußt mir helfen," sagte der Wolf, "ich will dir auch wieder helfen, wenn du einmal in Not kommst." — "Die Hilfe, die du mir bringen kannst, wird nicht viel auf sich haben," sagte der Prinz, "aber nimm das Pferd nur hin, weil du's doch so nötig hast."

Als der Wolf das Pferd gefressen hatte, gab der Königssohn ihm das Gebiß ins Maul und legte ihm den Sattel auf den Rücken, denn der Wolf war von dem, was er gefressen hatte, weit größer und stärker geworden als ein Pferd. Als der Königssohn sich aufgesetzt hatte, sauste der Wolf mit ihm dahin wie der Wind, so schnell war der Prinz noch nie geritten. Als sie nun schon einen guten Weg hinter sich hatten, sagte der Wolf: "Wenn wir noch ein kleines Ende weiter gekommen sind, dann werde ich dir das Riesenschloß zeigen, wo du deine Brüder finden wirst." Es dauerte auch nicht lange, so waren sie da. "Hier siehst du das Schloß," sagte der Wolf, "und dies hier sind deine sechs Brüder, die der Riese in Stein verwandelt hat, und das sind ihre sechs Bräute, dort siehst du auch die Tür zu dem Schloß, da musst du hineingehen." — "Nein," sagte der Königssohn, der Riese bringt mich um." — "sei unbesorgt," versetzte der Wolf; "wenn du hineinkommst, triffst du dort eine Prinzessin, die wird dir wohl sagen, wie du es machen mußt um den Riesen zu töten. Tu du nur, was sie dir sagt."

Der Königssohn ging darauf hinein, und als er durch mehrere Zimmer gekommen war, saß in dem einen die Prinzessin; eine so schöne Jungfrau hatte er noch nie gesehen. "Ach, Gott steh dir bei!" sagte sie, als sie ihn erblickte, "wie bist du hier hereingekommen? Dein Tod ist dir gewiß, denn hier wohnt ein Riese, den kann niemand töten, weil er kein Herz im Leibe hat." — "Ich will es aber doch versuchen," sagte der Prinz; "denn darum bin ich gerade hergekommen, und meine Brüder, die in Stein verwandelt sind, wollte ich auch gern erretten und dich dazu, wenn ich's könnte." Da nun die Prinzessin ihn durchaus nicht überreden konnte, wieder fortzugehen, sagte sie zu ihm: "Laß uns denn zusehen, wie wir's am besten anfangen. Urieche hier unter dieses Vett, und da mußt du still liegenbleiben und genau zuhören, was der Riese sagt, wenn ich ihn ausfrage."

Er kroch nun unter das Bett, und kaum war das geschehen, so kam der Riese an. "Hutetu! Hier riecht's nach Menschenfleisch!" rief er. "Ja, es flog hier eine Elster vorbei mit einem Knochen im Schnabel, den ließ sie durch den Schornstein fallen," sagte die Prinzessin; "ich habe mich zwar beeilt, ihn wegzuschaffen, aber es muß wohl noch der Geruch davon zurückgeblieben sein." Damit war der Riese zufriedengestellt. Als es Abend wurde, legten sie sich zu Bett, und als sie eine Weile gelegen hatten, sagte die Prinzessin: "Ich möchte dich wohl nach etwas fragen, wenn du es erlaubst." - "Was ist es denn?" fragte der Riese. "Oh," sagte sie, "ich möchte gern wissen, wo du kein Herz hast, weil du es doch nicht bei dir trägst." — "Das ist etwas, wonach du nicht zu fragen brauchst," sagte der Riese, "aber es liegt dort unter der Türschwelle." — "Aha, da wollen wir es schon finden!" dachte der Königssohn, der unter dem Bette lag.

Am nächsten Morgen stand der Riese früh auf und streifte nach dem Walde zu. Raum war er fort, so fingen der Königssohn und die Prinzessin an, unter der Türschwelle zu suchen; aber wie sie auch suchen und graben mochten, so fanden sie doch nichts. "Diesmal hat er uns angeführt," sagte die Prinzessin; "aber wir müssen's noch einmal versuchen." Darauf pflückte sie die schönsten Blumen, die sie finden konnte, und bestreute damit die Türschwelle, nachdem sie dieselbe vorher wieder instand gebracht hatte. Als nun die Zeit nahte, daß sie den Riesen zu Hause erwarteten, mußte der Königssohn wieder unters Bett kriechen. "Hutetu! Hier riecht's so nach Menschenfleisch!" sagte der Riese, als er eintrat. "Oh, das ist wohl noch der Knochen von gestern," sagte die Prinzessin, und damit war der Riese zufrieden. Nach einer Weile fragte er, wer denn all die schönen Blumen auf die Türschwelle gestreut hätte. "Oh, das habe ich getan," sagte die Prinzessin. "Und was soll das bedeuten?" fragte der Riese. "Meinst du denn nicht, daß ich dich so lieb habe, um die Schwelle mit Blumen zu bestreuen, wenn ich weiß, daß dein Herz darunter liegt?" sagte die Prinzessin. "Ach so," sagte der Riese; "aber es liegt ja gar nicht da."

Als sie sich zu Bett gelegt hatten, bat die Prinzessin den Riesen, er möchte ihr doch sagen, wo sein Herz wäre; denn sie hielte so viel von ihm, sagte sie, und darum möchte sie es so gern wissen. "Oh, es liegt dort in dem Wandschränke," sagte der Riese. "Haha," dachte der Königssohn, "da wollen wir's schon finden!" Den nächsten Morgen machte sich der Riese wieder früh auf und streifte nach dem Walde zu. Kaum aber war er fortgegangen, als der Königssohn und die Königstochter den ganzen Schrank durchsuchten, um das Herz des Riesen zu finden; aber wie fleißig sie auch suchten, so fanden sie auch diesmal nichts. "Wir müssen's noch einmal versuchen," sagte die Prinzessin. Sie schmückten nun den Schrank mit Blumen und Kränzen, und gegen Abend mußte der Königssohn wieder unters Bett kriechen.

Als der Riese eintrat, sagte er wieder: "Hutetu! Hier riecht's so nach Menschenfleisch!" — "Ach, das ist wohl nach immer der alte Knochen," sagte die Prinzessin, "der Geruch will gar nicht wieder fort." Damit war der Riese zufrieden Als er aber den Schrank erblickte, der mit Blumen und Kränzen geschmückt war, fragte er die Prinzessin, wer das getan hätte. "Ach, das habe ich getan," sagte sie. "Und was soll die Torheit?" fragte er. "Meinst du denn nicht, daß ich dich so lieb habe, um den Schrank mit Blumen und Kränzen zu schmücken, wenn ich weiß, daß dein Herz darin liegt?" sagte sie. "Kannst du so närrisch sein und das glauben?" sagte der Riese. "Ich muß es ja wohl glauben, wenn du es sagst," versetzte die Prinzessin. "Ach, du bist eine Närrin," sagte der Riese; "wo mein Herz ist, dahin kommst du nie." — "Du könntest mir aber doch wohl sagen, wo es ist," sagte sie. Nun konnte der Riese nicht anders, sondern mußte es ihr sagen, "weit, weit von hier in einem Wasser," sagte er, "liegt eine Insel, auf der Insel steht eine Kirche; in der Kirche ist ein Brunnen; in dem Brunnen schwimmt eine Ente; in der Ente ist ein Ei, und in dem Ei —da ist mein Herz."

Früh am Morgen, als es noch nicht dämmerte, streifte der Riese dem Walde zu. "Ja, nun muß ich mich auch aufmachen," sagte der Königssohn; "wenn ich nur den Weg wüßte!" Er sagte darauf der Prinzessin Lebewohl, und als er draußen vors Schloß kam, stand der Wolf noch da und wartete auf ihn. Der Prinz erzählte ihm, was ihm im Schlosse begegnet war, und sagte, nun möchte er gern zu dem Brunnen in der Kirche, wenn er nur den weg dahin wüßte. Der Wolf aber sagte, den Weg wolle er schon finden; er solle sich nur auf seinen Rücken setzen. Und darauf ging es fort über Klippen und Hügel, über Berg und Tal, daß es nur so sauste.

Als sie schon manchen lieben Tag gereist waren, kamen sie endlich an ein Wasser. Nun wußte der Königssohn nicht, wie er hinüberkommen sollte; aber der Wolf sagte zu ihm, er solle sich nur nicht fürchten, und dann sprang er ins Wasser und schwamm mit dem Prinzen hinüber nach der Insel. Als sie aber an die Kirche kamen, hing der Schlüssel ganz oben an der Turmspitze. Nun wußte der Königssohn wieder nicht, wie er ihn herunterkriegen sollte. "Du mußt den Raben zu Hilfe rufen," sagte der Wolf, und das tat der Prinz. Da kam der Rabe geflogen, schwang sich hinauf zu der Turmspitze und holte den Schlüssel herunter.

Nun konnte der Prinz in die Kirche kommen, und als er an den Brunnen kam, schwamm die Ente darin auf und ab, wie es der Riese gesagt hatte. Der Prinz fing nun an, sie zu Bocken, und Bockte so lange, bis sie so nahe kam, daß er sie greifen konnte. Als er sie aber aus dem Wasser hob, ließ sie das Ei in den Brunnen fallen. Nun wußte der Königssohn nicht, wie er das Ei wiederbekommen sollte. "Du mußt jetzt den Lachs zu Hilfe rufen," sagte der Wolf. Da rief der Prinz den Lachs, und dieser kam sogleich und holte das Ei herauf.

Nun sagte der Wolf zu dem Prinzen, er solle das Ei in der Hand drücken. Als der Prinz das tat, schrie der Riese laut auf. "Drücke noch einmal zu!" sagte der Wolf, und als der Prinz noch einmal zudrückte, erhob der Riese ein klägliches Gewinsel, und er bat und flehte um sein Leben, er wolle auch alles tun, was der Königssohn verlangte, wenn er ihm bloß das Herz nicht entzweidrücken wollte, sagte er. "Sage ihm, wenn er deine sechs Brüder, die er in Stein verwandelt hat, wieder in Prinzen umwandelt und ihre Bräute in Prinzessinnen, dann solle er das Leben behalten," sagte der Wolf, und das tat der Prinz. Ja, dazu war der Riese sogleich bereit; er verwandelte die Brüder wieder in Prinzen und ihre Bräute wieder in Prinzessinnen. ''Drück' jetzt das Ei entzwei," sagte der Wolf. Nun drückte der Königssohn das Ei entzwei, und da barst der Riese mitten voneinander.

Als sich der Königssohn den Riesen so vom Halse geschafft hatte, ritt er auf dem Wolfe wieder zurück nach dem Bergschloß. Da standen alle seine Brüder mit ihren Bräuten frisch und gesund vor ihm, und er ging in das Schloß und holte sich die Prinzessin, die wurde nun seine Braut. Darauf reisten sie alle miteinander zurück nach dem Schlosse ihres Vaters. Als nun der König alle seine sieben Söhne mit ihren Bräuten ankommen sah, da freute er sich nicht wenig, das kannst du glauben; aber die schönste von allen Prinzessinnen war doch die Braut des jüngsten, und er mußte sich mit ihr bei der Tafel obenan setzen. Darauf hielten alle Prinzen Hochzeit mit ihren Bräuten, und es wurde geschmaust und gejubelt viele Tage lang, und haben sie nicht ausgejubelt, so jubeln sie wohl noch.

Quelle: Norwegische Volksmärchen, Peter Asbjörnsen und Jörgen Moe, o.J., S. 44
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