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Turlulù

Es war einmal ein Knabe, der war so dumm, dass es gar nicht zu beschreiben ist. Das Uebelste aber war, dass er troz allem doch recht gescheidt sein wollte und hartnäckig sich einbildete, alles besser zu wissen als die andern. "Da lass nur mich machen!" lautete sein Leibsprüchlein und es fehlte nie, dass er, so oft er so sagte, einen recht dummen Streich machte, Weil er aber gar so dumm war, hiess er Turlulù — und das ist ein Name, der nicht gut und nicht schlecht ist, da er gar nichts bedeutet, den aber doch Niemand tragen mag, bei dem es im Gehirne richtig ist.

Einmal erkrankte seine Mutter, ein gutes armes Weib, die mit diesem Sohne schon lange ihre schwere Noth gehabt hatte. Wie sie nun so krank und schwach da lag, sagte sie zu Turlulù: "Ich habe dort im Kasten noch einige Kreuzer Geld, nimm es, geh zum Metzger und kauf ein Stück Fleisch; aber sieh wol zu, dass er dir nicht Beine statt des Fleisches gebe." "Ei Mutter, da lass nur mich machen!" sagte Turlulù, steckte das Geld zu sich und ging.

Der Metzger wollte ihm ein schönes Stück vom Hinterschenkel eines wolgemästeten Ochsen geben, allein Turlulù schrie zornig: "Ich will kein Bein, ich will nur Fleisch!" "Warte nur, dummer Junge!" dachte der Metzger, "dir kann geholfen werden." Und er ging hinter die Thüre, wo das Gekröse und all das Eingeweide lag, zog es hervor und fragte: "Nun, Junge, vielleicht gefällt dir dieses?" Als Turlulù merkte, dass es ganz weich und kein Bein darin sei, liess er es gar nicht mehr los, bezahlte und ging. Zu Hause aber schürte er ein grosses Feuer an, hing den grossen Kessel über, goss Wasser hinein, und liess das Gekröse lange sieden. "Ich möchte ein wenig Suppe haben!" jammerte die schwache kranke Mutter. Und Turlulù ging und brachte ihr die Suppe, aber sie war natürlich nicht zu essen. Und nun erzählte er der Mutter, wie pfiffig er gewesen sei.

Das arme Weib jammerte. "0 was für ein störriger dummer Junge du bist! Und nun haben wir kein Geld mehr", rief sie weinend. "Doch, ich habe noch ein Stück Leinwand, roll' es zusammen und sieh, dass du es verkaufen kannst. Aber hüte dich vor Weibern, welche schwätzen", fügte sie hinzu. "Ei, Mutter, da lass nur mich machen", versezte Turlulù, nahm die Leinwand unter den Arm und ging.

Als er auf der Strasse war, schrie er aus Leibeskräften: "Leinwand, schöne Leinwand, wer will Leinwand kaufen?" Bald kam eine Frau, die hörte es und sagte: "Ei, Junge, lass sehen! Was kostet denn diese Leinwand?" Aber Turlulù ging zornig weiter und rief zurück: "Du bekommst sie mir nicht, weil du schwätzest!" Die gleiche Antwort gab er immer zorniger allen Weibern, welche ihn anredeten und die Leinwand sehen wollten.

So kam er vor den Ort hinaus, da stand ein Bildstöckchen am Wege und es war eine Muttergottes. "Willst d u die Leinwand kaufen?" fragte er. Die Antwort blieb natürlich aus, aber dies gefiel dem dummen Jungen. "Du bist mir die Rechte!" rief er, "du schwätzest nicht und darum sollst du die Leinwand haben." Und hurtig legte er die Leinwand hinauf. "Zahle mich", lief er nach einer Weile; aber das Bild zahlte natürlich nicht. "Ach, ich begreife", sagte Turlulù, "du hast das Geld nicht gleich zur Hand, aber das verschlägt nichts. Richt' es nur auf morgen her; dann werde ich kommen es abzuholen."

Zu Hause erzählte er der Mutter, wie pfiffig er gewesen sei. "0 dummer Junge", rief die Kranke, "geh eilig zurück, denn sonst findest du die Leinwand nicht mehr!" Aber Turlulù blieb steif und fest dabei, morgen werde er hingehen und das Geld abholen.

Kaum tagte der Morgen, so war Turlulù schon beim Bildstöckchen und wartete auf das Geld; die Leinwand war natürlich nicht mehr da. Die Sonne ging auf, es wurde heiss, aber das Geld kam noch immer nicht. "Zahle mich!" schrie Turlulù immer ungeduldiger. Endlich riss ihm die Geduld, er ergriff flugs einen dicken Zaunstecken und schlug damit auf das Bildstöckchen los. Wie nun ein Stein nach dem andern herabfiel, da, klapperte es plötzlich und kirr . . . rollte eine Menge Goldstücke und Silberthaler aus einer Fuge auf den Boden. Das kam aber daher, weil einst vor langen Jahren ein Geizhals, der sein Geld nirgends sicher glaubte, auf den Einfall gekommen war, einen Theil seines Geldes hier, wo es Niemand suchen mochte, einzumauern und weil er seitdem unter der Erde Quartier genommen, hatte er auf das. Abholen vergessen. Turlulù warf den Zaunpfahl weg und sammelte das schöne Geld; es war dessen so viel, dass er es kaum mit sich zu schleppen vermochte. "Ei, was für ein frohes Gesicht meine Mutter jezt machen wird!" dachte er auf dem Heimwege.
Er kam an einem Sumpfe vorüber, darin sassen viele Frösche, die quackten immer laut: qua — qua — qua. Turlulù meinte, das bedeute quattro, zu deutsch vier und die Frösche wollten ihn damit verhöhnen, dass er nur vier Geldstücke habe. "Ihr irrt euch", rief er den Fröschen zu, "ich habe nicht vier Geldstücke, sondern deren gar viele und schöne, von Gold und von Silber!" Als aber die Frösche trozdem noch immer qua — qua — qua — quackten, wurde Turlulù wüthend vor Zorn und schleuderte mit beiden Händen all sein Geld in den Sumpf, indem er schrie: "Da, zählt nun einmal selbst, ihr dummen eigensinnigen Bestien!" Und als die Frösche durch das Werfen erschreckt zu quacken aufhörten, da war er zufrieden, denn er meinte, sie zählten das Geld, und ging nach Hause.

Als er diesen Streich der Mutter erzählt hatte, da jammerte diese nicht mehr, sondern wimmerte nur noch, denn sie lag in Fieberschauern. "Mich friert! mich friert!" rief sie von Zeit zu Zeit mit schwacher zitternder Stimme. "Ach, dich friert, Mutter! dann lass nur mich machen!" rief Turlulù, ging hinaus und schürte im Ofen ein tüchtiges Feuer an. Dann ergriff er die widerstrebende Mutter und schob sie in den Ofen. "Nur ein Bischen, Mutter, nur ein Bischen, das hilft schon gegen die Käjte!" Als er sie nach einer Weile wieder herauszog, war sie am ganzen Leibe versengt und todt [tot].

Das hochnotpeinliche Halsgericht hätte gern wieder Einen gehängt, aber mit Turlulù wusste es doch nichts anzufangen und so kann es auch dem Erzähler nicht verargt werden, wenn auch er mit dem dummen Jungen weiter nichts mehr zu machen weiss und hier aufhört.

Quelle: Märchen und Sagen aus Wälschtirol, Ein Beitrag zur deutschen Sagenkunde, gesammelt von Christian Schneller, Innsbruck 1867, Nr. 57, Seite 165
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Helene Wallner, 2007.
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