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Der Teufel und seine Weiber (II diavolo e le sue spose)

Einmal war ein Vater, der hatte drei Töchter. Eines Tages kam er von der Feldarbeit müde nach Hause und sagte zur ältesten: "Geh' in den Garten hinab und bringe mir einen guten Rettich, denn ich habe Hunger!" Das Mädchen ging und fand einen grossen schönen Rettich; als sie ihn aber ausziehen wollte, rief unter ihr eine Stimme: "Zieh, zieh, aber schneid' nicht!" Sie zog, aber anstatt dass sie den Rettich heraufgezogen hätte, zog der Rettich sie hinab. Da stand sie auf einer grossen schönen Wiese und in der Mitte war ein grosser Palast. Sie ging darauf zu und fand einen Herrn, das war der Teufel, welcher sie nun als seine Frau in den Palast führte. Er übergab ihr alle Schlüssel und sagte: "Geh' in alle Zimmer, aber jenes, zu welchem dieser goldene Schlüssel gehört, sollst du nie betreten." Sie versprach es und er gab ihr zugleich eine schöne frische Rose, welche sie an die Brust steckte. Als nun der Herr eines Tages verreiste, nahm sie die Schlüssel und ging in die Zimmer. Da war im Einen alles von reinem Gold, in einem andern alles von blankem Silber und wieder in einem andern war alles voll des schönsten Weisszeuges und der reinsten Linnen. Zulezt kam sie auch zum verbotenen Gemache: der Warnung uneingedenk öffnete sie auch dieses und vor ihr war alles voll Feuer, denn es war die Hölle. Ohne dass sie es bemerkte, schlug eine Flamme herauf und versengte die Rose, welche sie an der Brust trug. Eiligst schloss sie wieder zu und ging in ihr Zimmer arbeiten. Bald kam der Teufel und fragte: "Bist du überall gewesen?" Sie bejahte es. "Auch im verbotenen Zimmer?" "Nein!" Da schaute er auf die Rose und als er diese versengt sah, nahm er seine Frau beim Arme, führte sie in das verbotene Zimmer und stürzte sie in die Hölle hinab.

Nun ging die zweite Schwester, um die älteste zu suchen und ward ebenfalls des Teufels Frau; aber es erging ihr wie der ersten und auch sie wurde in die Hölle gestürzt.

Dann machte sich die dritte und jüngste Schwester auf, um die beiden ältern zu suchen. Es erging ihr, wie diesen; nur war sie klug genug, die Rose in frisches Wasser zu stellen, bevor sie in das verbotene Zimmer trat. Als sie ihre Schwestern in der Hölle sah, brachte sie ihnen eiligst zu essen: dann schloss sie zu. steckte die Rose wieder an die Brust und ging in ihr Zimmer. Als der Teufel kam, schaute er sogleich auf die Rose und da er sie frisch sah, glaubte er ihrer Versicherung, sie sei nicht im verbotenen Gemache gewesen. Sie aber sann nun fortwährend auf ein Mittel ihre Schwestern und sich selbst zu befreien. "Höre, Mann", sagte sie eines Tages, "möchtest du mir nicht erlauben, ein wenig Wäsche nach Hause zu schicken?" "Schicke nur, so viel du willst", antwortete er. Da holte sie heimlich ihre älteste Schwester, legte sie in die Kiste und stellte sie vor die Thüre: der Schwester aber sagte sie: "Sobald du merkst, dass er die Kiste aufmachen will, rufe: "Ich sehe dich!" Dann fragte sie ihn: "Wer kann mir denn die Kiste hintragen?" "Das will ich schon thun", erwiederte er. Sie war zufrieden und sagte: "Aber mache die Kiste nicht auf, das verbiete ich dir; ich sehe dich überall, das magst du fest glauben!" Der Teufel ging mit der Kiste; aber als er eine Strecke weit gegangen war, plagte ihn die Neugierde und er stellte die Kiste nieder und wollte sie öffnen. Sobald die älteste Schwester dies merkte, rief sie: "Ich sehe dich!" Da erschrack er fast. "Ei, der Tausend", sagte er verwundert, "sie sieht mich wirklich überall!" Und er nahm die Kiste schnell wieder auf, trug sie in das Haus seiner Frau, stellte sie hin und ging. Nach einigen Tagen schickte sie den Teufel mit einer zweiten Kiste, in welcher ihre zweite Schwester war, nach Hause und zum dritten Male wusste sie es schlau genug anzustellen, dass er sie selbst in der Kiste nach Hause trug.

So waren die drei Schwestern wieder glücklich befreit und der Teufel merkte zu spät, dass er betrogen sei. Er hätte vor Wuth bersten mögen und da er nicht die Macht hatte, sie zu holen, so wartete er auf die Rückkehr der Schwestern und wartet noch heute vergebens: denn alle drei sind schon längst in das himmlische Paradies eingegangen.

Quelle: Märchen und Sagen aus Wälschtirol, Ein Beitrag zur deutschen Sagenkunde, gesammelt von Christian Schneller, Innsbruck 1867, Nr. 32, Seite 86
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Helene Wallner, 2007.
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