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Lustige Geschichtchen (Storielle da rider)


1. In einem kleinen Bergdorfe starben einmal alle Pferde und Esel. Weil aber die Esel unumgänglich nothwendig waren, so hielten die Leute grossen Rath und wählten zwei Männer, welche nach Trient zum Bischofe gehen und ihn um Eselsamen bitten sollten. Dies geschah. Der Bischof hörte sie gnädig an und sprach: "Kommt Nachmittag wieder, da sollt ihr haben, was ihr verlangt." Und als sie Nachmittags hinkamen, gab er ihnen einen grossen Kürbis voll Körner, den legten sie auf einen Esel, bedankten sich bestens und gingen heim. Als sie aber schon weit oben am Berge waren, schlug der Esel aus, der Kürbis fiel zu Boden und rollte über den Berg hinab. Er fiel im Rollen auf ein Hasennest und die Hasen liefen davon. Da schrien die zwei Männer: "Die Esel laufen davon, sie laufen davon!" Eilends berichteten sie es den andern, die machten sich auf und gingen die Esel suchen, aber sie haben sie bis heute noch nicht gefunden.

 

2. In demselben Dorfe, glaub' ich, hielten sie einmal Rath [Rat] und beschlossen zu Ehren des hl. Petrus eine Kapelle zu erbauen.  Als die Kapelle fertig war, kamen  sie wieder zusammen und beschlossen zwei Männer zum Bischofe zu schicken mit der Bitte ihnen den Leib des hl. Petrus zu übergeben, damit sie ihn in ihrer Kapelle aufstellen könnten.  Da lachte der Bischof herzlich und weil er ein gemütlicher Herr war, der einen guten Spass liebte, sagte er: "Nehmt diese Schachtel; macht sie aber ja nicht auf, bevor ihr nicht in der Kapelle seid; denn sonst entweicht euch St. Petrus und fliegt wieder dem Himmel zu." Da dankten die zwei Männer bestens und kauften drei Esel, auf den einen legten sie die Schachtel, auf die zwei andern stiegen sie selbst und ritten heim.  Als sie nach Hause gekommen waren, wurde beschlossen, man wolle ein grosses Fest feiern. Sie begaben sich in die Kapelle, verschlossen sie und verstopften alle Löcher und der Pfarrer öffnete die Schachtel, während der Maurer mit der Kelle voll Kalk bereit stand, um dort den ersten Mörtelwurf zu machen, wo der Heilige sich zuerst niederlassen würde; denn dort wollten sie den Altar bauen. Es flog aus der geöffneten Schachtel eine grosse Brummfliege heraus und alle schrieen; "Heiliger Petrus, sitz' auf!" Die Fliege flog lange herum und sezte sich endlich auf die Nase eines alten Mannes. Schnell wollte der Maurer die Kelle voll Mörtel darauf werfen und alle schrieen: "Hier wollen wir den Alter bauen!"  Der Alte aber wehrte sich und rief: "Nein! nein!" und im Gewirre tödteten sie die Fliege. Da wurden sie bestürzt und wussten sich nicht mehr zu helfen und zu rathen, denn sie meinten, sie hätten den Heiligen umgebracht.

Nach einiger Zeit aber hielten sie dennoch abermals Rath und beschlossen, dieselben zwei Männer wieder zum Bischofe zu schicken und um den Leib des hl. Antonius zu bitten. Der Bischof nahm sie gewogen auf und sagte: "Da, nehmt diese Schachtel und macht es ebenso, wie ihr es mit dem hl. Petrus gemacht habt." Darauf sagten sie: "Ja, wenn wir es ebenso machen, so bringen wir auch den hl. Antonius um." "Wie so", fragte der Bischof, "habt ihr denn den hl. Petrus umgebracht?" "Ei, freilich", erwiederten sie und erzählten, wie es zugegangen sei. Da machte der Bischof ein ernstes Gesicht und sagte: "Ihr Dummköpfe und Schelme, ist das eine Art mit solchen Dingen so umzugehen? Schon wenn man die Heiligen schmäht, ist es eine grosse Sünde, ihr aber bringt sie gar um!" Da antworteten die beiden Männer betrübt: "Aber, Herr, dies haben ja nicht wir gethan, jener böse Alte ist Schuld gewesen." "Nun wol", sagte der Bischof, "für diesmal will ich's euch noch verzeihen, aber kommt mir nicht wieder um Heilige, wenn Ihr damit so unglimpflich umgeht!" Dann gingen sie und als sie schon fast zu Hause waren, stach sie der Wunder, wie der Heilige etwa diesmal aussehen möge. Sie öffneten die Schachtel ein wenig und guckten hinein; augenblicklich aber sprang eine Maus heraus und lief schnell davon. Als dies die zwei sahen, riefen sie:

"Heiliger Anton wunderbar
Bist wol klein, doch voller Haar!
(Sant' Antonio miraculoso
Sei ben piccolo, ma peloso!)"

Dann liefen sie der Maus nach, um sie zu suchen und sind seither noch nicht zurückgekommen.

 

3. Es war einmal ein armer Holzhacker, der hatte kein Geld, aber viel Mutterwitz, allein er glaubte gern Alles, was er hörte oder sah, und meinte immer fest, es müsse so und könne gar nicht anders sein. Von der Arbeit müde legte er sich eines Tages, als die Sonne recht heiss schien, neben den Weg und schlief ein. Da kam ein Geistlicher des Weges, der war auf der Jagd gewesen und war auch recht müde geworden; als er nun den Holzhacker im Schlafe liegen sah, dachte er sich: "Wo dieser schläft, kann ich auch schlafen und ausruhen!"

Er legte sich also neben den Holzhacker und bald schnarchten beide um die Wette. Da kam ein dritter des Weges, das war ein Mann, der in seinem Leben den Leuten schon alle erdenklichen Possen gespielt hatte und um einen neuen Schabernak nie verlegen war. Als er die beiden so schlafen sah, zog er ihnen flink und gewandt die Kleider aus und legte dem Holzhacker die Kleider des Geistlichen, diesem aber die Kleider des Holzhackers an; dann machte er sich eiligst aus dem Staube.

Der Holzhacker erwachte zuerst. Mit grossen Augen blickte er bald auf sich selbst, bald auf seinen noch fortschnarchenden Nachbar und war ganz verwirrt; denn er konnte sich nicht entsinnen, dass er je ein Geistlicher gewesen. Dafür aber erinnerte er sich an sein Kätherchen zu Hause und sagte endlich: "Nun gilt's die Probe: kennt mich mein Kätherchen, so bin ich ihr Mann und der Holzhacker; kennt sie mich aber nicht, so muss ich schon bleiben, was ich jezt bin, mag's mich freuen oder nicht freuen." Er ging also nach Hause, da sah Kätherchen eben beim Fenster heraus und er rief: "Kätherchen, kennst du mich?" "Ei, wie sollt' ich Euch kennen", erwiederte sie, denn sie war etwas kurzsichtig, "hab' ich Euch ja doch nie gesehen." "Nun bin ich's", sagte der andere und ging weiter. Er war aber recht missgelaunt; "war' ich der Holzhacker", dachte er sich, "so wüsst' ich doch, was Fuchs und Hase wissen, die beide ihre Höhle und ihr Nest kennen. So aber weiss ich weniger und muss mich rein dem lieben blinden Zufalle überlassen."

Aber der liebe Zufall war heute gut gelaunt und führte ihm die Leute eines Dorfes entgegen, denen war ihr Kurat fortgegangen und sie suchten einen neuen. Daher kam ihnen der Mann eben recht und sie fragten ihn, ob er nicht ihr Kurat werden wolle, indem sie ihm versprachen, dass er einen schönen neuen Widum und einen grossen Garten und ausserdem jährlich noch so und so viel bekommen würde. Dem armen Manne wässerte zwar der Mund nach allen diesen Herrlichkeiten, aber zugleich erwachten neue Zweifel in ihm. "Und wenn ich's nicht wäre?" dachte er sich; "ich muss doch noch einmal die Probe machen." Er hiess also die Leute warten und ging abermals vor sein Haus, wo sein Weib noch am Fenster lag. "Kätherchen, kennst du mich ?" rief er. "Ei, ich weiss wol, dass Ihr mit derselben Frage vor einer Weile dagewesen seid", erwiederte sie; "aber wie sollt' ich Euch doch kennen, hab' ich Euch ja nie gesehen!" — "Nun bin ich's ganz gewiss!" rief er jubelnd und kehrte voll Freude zu den Leuten zurück, denen er erklärte, dass er die Stelle annehme. Das war ihnen ganz recht, sie führten den neuen Kuraten in ihr Dorf, wo sogleich ein Freudenmal bereitet wurde. Der arme Mann hatte in seinem ganzen Leben so köstliche Speisen und Weine nicht gesehen und griff tüchtig zu. "Essen kann er, unser neuer Kurat!" sagten die Leute; "nun wollen wir auch sehen, wie es in der Kirche und mit dem Predigen geht."

Damit ging es aber eigentlich gar nicht. Statt in der Kirche die lateinischen Gebete herzusagen, sprach er nur immer in Einem fort; "Ich will dieselbe Meinung haben, wie die andern Geistlichen, ich will dasselbe thun und beten und predigen, wie die andern Geistlichen!" Das war den Leuten zu toll und sie gingen zum Bischofe nach Trient mit der Klage, dass sie einen Kuraten hätten, der sei kein rechter Geistlicher und sie wüssten gar nicht, was sie mit ihm anfangen sollten. Da fragte der Bischof; "Was macht denn euer Kurat?" Und sie erwiederten: "Er will immer dieselbe Meinung haben, wie die andern Geistlichen und er will immer dasselbe thun und beten und predigen, wie die andern Geistlichen auch."  Nun ward der Bischof unwirsch und rief: "Ihr Narren, was soll er denn anders thun? Das ist ja das rechte!"  Und da die Leute sahen, dass der Bischof böse sei, getrauten sie sich nichts mehr vorzubringen und  kehrten missmuthig [missmutig] heim.

Nun beschlossen sie sich des Kuraten auf eine andere Weise zu entledigen. Einer musste sich stellen, als sei er gestorben; dann gingen sie zum Kuraten und sagten ihm, es sei bei ihnen von jeher Sitte gewesen, dass der Kurat in der Nacht bei den Todten in der Kirche wache. Da sei heute ein Mann gestorben, der Kurat möge also nachts bei ihm wachen. "Ganz recht", erwiederte dieser, "die alten Gebräuche muss man ehren und nicht abkommen lassen; traget nur die Leiche in die Kirche." Dies geschah und als es Abend wurde, ging der Kurat in die Kirche, um dort zu wachen.  Um Mitternacht streckte der vermeintliche Todte zuerst eine Hand heraus, aber der Kurat schlug ihm darauf und rief: "Willst du unten bleiben oder nicht?" Darauf hob der andere den Kopf in die Höhe, erhielt aber eine Ohrfeige: "Willst du unten bleiben oder nicht?"  Darauf sprang er ganz heraus und meinte, der Kurat werde vor Furcht in Ohnmacht fallen; dieser aber erschrack gar nicht und rief: "Ist das eine Art von euch Todten in der Kirche solchen Unfug zu treiben? Warte, ich will dich Anstand lehren!"  Und er gab ihm so holzhackermässige Fauststreiche, dass er niedersank und sich die ganze Nacht und auch am folgenden Tage und gar nie mehr rührte, denn er war nun wirklich todt. Die Andern aber mussten ihren Aerger unterdrücken und schweigen; denn sonst hätten sie ihren Muthwillen noch besonders büssen müssen.

Aber die Leute ruhten nicht und kamen abermals zum Bischofe, welcher ihnen versprach selbst zu kommen und nachzusehen. Er befahl, dass am bestimmten Tage alle Leute in der Frühe sich in der Kirche einfinden sollten. Der Kurat aber erfuhr es und liess in der Nacht Wasser sieden und in der Kirche in die Weihbrunngefässe schütten. Als nun die Leute morgens früh kamen und sich mit Weihwasser besprengen wollten, verbrannten sie sich die Finger und schlenkerten gewaltig mit den Händen, denn es that ihnen wehe. Als der Bischof dies sah, dachte er sich: "Das ist doch ein absonderliches Volk, mit dem der gute Kurat wirklich sein Kreuz haben mag." Darauf sollte der Kurat predigen und bestieg die Kanzel. Als nun der Bischof nicht auf den Prediger, sondern auf das Volk sah, gab der Kurat mit der Hand ein Zeichen, sie sollten sich schnell entfernen und die Leute, in der Meinung, der Bischof wolle es so haben, drängten sich alle zur Kirchthüre und gingen hinaus, bis Niemand mehr in der Kirche war. Da kam auch der Kurat von der Kanzel herab und sagte: "Herr Bischof, nun seht Ihr wol selbst, was für ein sonderbares Volk das ist; ich würde ihnen heute eine Predigt gehalten hallen, dass sie selbe nie mehr vergessen hätten. Aber so machen sie's; zuerst laufen sie aus der Kirche und dann sagen sie, ich könne nicht predigen und rufen sogar Euch herbei." "Ja, ja", sagte der Bischof, "ich sehe wol, dass dies ein Völklein von ganz seltsamer Art ist; Ihr müsst halt sehen, dass es doch besser wird." "Das braucht Zeit und Geduld", erwiederte der Kurat, "aber ich will's schon noch richten." Und das sagte er in vollem Ernst; denn er glaubte wirklich ein Geistlicher zu sein.

Der Bischof ging fort und die Leute im Dorfe wussten kein Mittel mehr, wie sie sich vom Kuraten befreien könnten. Während sie darüber nachstudirten und beriethen, kam eines Tages wieder das Kätherchen vor den Widum und fragte: "Geistlicher Herr, habt Ihr keinen Holzhacker gesehen? Er ist mein Mann, den hab' ich verloren und geh' ihn suchen." "Ei der Tausend", dachte er sich, "am Ende bin ich's doch nicht und die Leute haben Recht." Er rief sein Weib herein und fragte sie: "Kätherchen, kennst du mich?" Da trat sie ganz nahe hinzu und antwortete freudig: "Ei freilich kenn' ich dich, du bist ja mein herzallerliebster Mann, den ich schon so lange suche." "Warum hast du mir das nicht früher gesagt?" versezte er; "dann wäre nicht geschehen, was geschehen ist. Nun bin ich am längsten Kurat gewesen; geh nur schnell wieder heim und bring mir mein Sonntagsgewand, dann geh' ich mit dir."

Kätherchen ging; der Kurat aber rief sogleich den Gemeinde-Ausschuss zu sich und sagte: "Weil ich nun einmal mit euch nichts richte und ihr mit mir auch nicht, so ist's am besten, ich danke ab und gehe hin, woher ich gekommen bin. Ich stell' es euch anheim, ob und welche Entschädigung ihr mir geben wollt; billig war's schon, denn ihr habt mir viel zu schaffen gemacht." Als die Väter der Gemeinde dies hörten, waren sie über die Massen froh, gaben ihm viel Geld und freuten sich schon darauf, dass sie jezt einen rechten Kuraten bekommen würden. Sie fassten aber den festen Vorsatz, diesmal in ihrer Wahl vorsichtiger zu sein.
In der Nacht kam Kätherchen mit den Sonntagskleidern, die legte er an und ging mit ihr nach Hause. Die Leute von selbigem Dorfe aber werden noch heute dafür ausgelacht, dass sie einmal einen Holzhacker zum Kuraten gehabt hätten und gegen denselben mit allen ihren Püffen und Ränken nicht aufgekommen seien. —

 

4. Die von V. waren ärgerlich darüber, dass jene von L. einen höhern Kirchthurm hatten. Daher hielten sie Rath und beschlossen ihren Kirchthurm zu mästen. Um aber zu sehen, ob er esse und wachse, legten sie einen grossen Haufen Heu herum. Alle Esel und Kühe, die vorbeigingen, frassen davon und als die von V. sahen, dass der Haufe Heu immer abnehme, riefen sie jubelnd: "Unser Kirchthurm wächst schon, denn er frisst!"

 

5. Da war ein anderes Dorf, dort ging es den Leuten auch recht zu Herzen, dass sie einen so schmalen niedern Kirchthurm hätten. Sie hielten also Rath, darin beschlossen sie ebenfalls den Thurm zu mästen und der Messner, als Einer, der es am besten verstehen musste, beantragte, eine lange fast bis auf die Erde herabreichende Kette von allerlei geräucherten Würsten und Schinken an die Spitze des Thurmes zu hängen; "denn", sagte er, "andere Kost frisst er euch nicht!" Dies geschah, der Messner aber schnitt alle Tage heimlich eine Wurst oder ein Stück Schinken ab und mästete damit sich selbst. Die Andern glaubten, der Kirchthurm fresse, weil die Kette immer kürzer ward und riefen voll Freude: "Er geht schon in die Höhe und wächst, denn er frisst!" —


Quelle: Märchen und Sagen aus Wälschtirol, Ein Beitrag zur deutschen Sagenkunde, gesammelt von Christian Schneller, Innsbruck 1867, Nr. 60, Seite 171
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Helene Wallner, 2007.
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