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Die Greifenfeder (La penna dell’ uccello Sgriffone) Ein König hatte drei Söhne. Die beiden ältern waren schon fast erwachsen, der dritte aber, der kleine Jakob geheissen, war noch ein Knabe und dem Könige der liebste. Eines Tages ging der König auf die Jagd und als er nach Hause kam, bemerkte er, dass er seine Greifenfeder verloren habe, welche er immer über dem Ohre trug und die ihm über alles theuer war. Ganz traurig sass er in seinem Zimmer und wollte nicht zum Essen kommen. Vergebens suchten die Königin und die beiden ältern Söhne ihn zu bewegen, dass er doch zu Tische gehe. Endlich kam der kleine Jakob und sagte: "Vater, ich kann Euch nicht so traurig sehen und wenn Ihr nicht essen wollt, so ess' ich auch nicht. Kommt doch zum Essen; hernach wollen wir drei Brüder die Feder suchen gehen und Ihr werdet sehen, wir werden sie finden.'' Da erwiederte der König: "Wolan, wer von euch so glücklich ist die Feder zu finden, dem will ich Krone und Reich hinterlassen."
Der Hirtenknabe war höchlich verwundert und wusste sich das Ding nicht zu erklären; so oft er hineinblies, kamen immer und immer wieder dieselben Worte heraus. "Das muss etwas ganz absonderliches bedeuten, ich will es dem Könige sagen!" dachte er sich und ging zum Könige und erzählte ihm alles. Darauf nahm der König das Pfeifchen und blies selbst hinein; da scholl es heraus:
Da wusste der König, was es bedeute und Thränen [Tränen] des herbsten Schmerzes flossen ihm aus den Augen. Doch fasste er sich schnell wieder, liess die Königin rufen, und befahl ihr hineinzublasen. Und als sie hinein blies, tönte es wieder heraus:
Sodann liess der König seinen zweiten Sohn holen und befahl ihm hineinzublasen. Dieser wollte es nicht thun und sagte: "Ei, welch ein eklig Ding das ist, mich graust davor!" Aber er musste doch gehorchen und als er blies, tönte es wieder:
Da erblasste er vor Schrecken und zitterte am ganzen Leibe; der König aber liess den ältesten Sohn rufen. Dieser wollte auch nicht in das eklige Ding hinein blasen, aber auch er musste gehorchen und als er blies, tönte es wieder:
Da erblasste auch er voll Schrecken und zitterte wie ein Espenblatt. Der König aber rief: "Ihr Schurken, die ihr mich und eure Mutter um den liebsten Sohn gebracht habt, eure Schande ist zu Tage gekommen. Aber wahrlich, ihr sollt es mir büssen!" Und er zog einen scharfen Dolch hervor und stiess sie beide nieder, so dass sie vor seinen Füssen elendiglich dahin starben. Weil er aber ohne seinen lieben Jakob nicht länger hoffnungslos leben wollte, stiess er auch sich selbst den Dolch in die Brust und Schmerz und Freude und Hoffnung, Herrschaft und Krone — Alles hatte ein Ende! — Quelle: Märchen und Sagen aus Wälschtirol,
Ein Beitrag zur deutschen Sagenkunde, gesammelt von Christian Schneller,
Innsbruck 1867, Nr. 51, Seite 143
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