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Die zwei Diener

Eine Frau hatte zwei Diener; davon war der Eine fett und sah im Gesichte aus, wie das liebe Morgenroth, der andere aber war blass und mager wie der Tod. Da meinten die. Leute, es komme daher, weil der Fette faul und träge sei und alle Arbeit dem Magern zuwälze und weil die Leute immer auch sagen, was sie meinen, so kam es dem Fetten zu Ohren und verdross ihn sehr. "Höre, Kamerad," sprach er eines Tages zum Magern, "du weisst, was die Leute sagen und wie sie mir Unrecht thun. Wir arbeiten beide gleich viel und haben eigentlich nicht viel Arbeit und gutes Essen dazu; woher kommt es denn nun, dass du so entsetzlich mager bist?" Der Magere wollte lange mit der Sprache nicht heraus, endlich aber redete er doch und sagte: "Das ist eine seltsame Geschichte. So oft ich abends im Bette liege und schlafen will, kommt eine Hexe, drückt mich und wirft mir einen Zügel an. Darauf bin ich in ein Ross verwandelt und sie reitet auf mir fort auf eine schöne grüne Wiese; da sind viele Hexen und Hexenmeister, die tanzen, essen und trinken, mich aber jagen sie mit unbarmherzigen Peitschenhieben auf der Wiese hin und her. Sobald es gegen Morgen geht, reitet sie auf mir heim, nimmt mir den Zügel ab und ich liege matt und zerschlagen als gewöhnlicher Mensch wieder im Bette."

Als der Fette dies gehört hatte, sagte er: "Höre, Kamerad, lass mich heute im Bette an deiner Stelle liegen." Er that es und als in der Nacht die Hexe mit dem Zügel kam, riss er ihr denselben schnell aus den Händen, warf ihr ihn an und so war sie in ein Ross verwandelt. Darauf ritt er hinaus auf die Wiese, aber er stieg nicht ab, sondern sah sich die saubere Gesellschaft nur ein Bischen an und ritt immer auf und ab, indem er unbarmherzig auf sein Ross loshieb. Als ihm der Arm gar zu wehe that, ritt er heim, nahm den Zügel ab und liess die Hexe laufen.

Nun hatte der Magere Frieden und konnte immer ruhig schlafen. Aber er und der Fette hielten reinen Mund und redeten nicht, denn sie wussten, wer die Hexe gewesen sei. Und der Leser kann's auch wissen, denn er hat ja den Anfang dieses kurzen Geschichtchens noch gewiss im Gedächtnis. —

Quelle: Märchen und Sagen aus Wälschtirol, Ein Beitrag zur deutschen Sagenkunde, gesammelt von Christian Schneller, Innsbruck 1867, Nr. 12.3, Seite 22
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Helene Wallner, 2007.
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