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DIE KINDER AUF DEM REGENBOGEN

Es war einmal ein Brüderchen und ein Schwesterchen, die lebten zusammen mit ihrer Mutter. Und sie waren ein Herz und eine Seele. Da nahm Gott die Mutter in den Himmel. Ehe sie aber starb, sagte sie zu den Kindern: »Wenn ihr reinen Herzens bleibt, so werdet ihr mich wiederfinden.«

Brüderchen und Schwesterchen stießen sich nun umher unter den Menschen. Aber keiner wollte sich ihrer annehmen. Da sagten sie: »Wir wollen zu unserm Mütterchen gehen, in den Himmel.« Aber der Himmel stand hoch, hoch über ihnen, und sie wußten nicht, wie sie hinaufkommen sollten.

Eines Tages sahen sie einen Regenbogen, der ging wie eine wundervolle, siebenfarbige Brücke von einem Ende der Welt zum anderen und stieg hoch zum Himmel empor. Da faßte Brüderchen Schwesterchen an der Hand und sagte: »Komm, wir wollen zum Regenbogen gehen. Da hat uns der liebe Gott eine Brücke aufgebaut.«

Und sie gingen und gingen. Es war ein weiter, weiter Weg, über Wiesen und Felder, über Stoppeln und Steine; ihre Füße wurden wund, und Schwesterchen wurde so müde, daß Brüderchen es auf den Arm nehmen und tragen mußte. Endlich kamen sie dahin, wo der Regenbogen auf der Erde stand. Sie konnten sich gar nicht satt an ihm sehen. Wie eine wundervolle Brücke stieg er in die Höhe, klarer und feiner wie Luft und leuchtender wie Edelsteine. Neben dem Regenbogen stand ein alter Mann mit langem weißen Bart, in einer braunen Kutte. Der fragte die Kinder, wohin sie wollten. Als sie es ihm sagten, schüttelte er den Kopf.

»Wenn ihr reinen Herzens seid, so steigt herauf. Viele Menschen kommen zu mir und wollen auf dem Regenbogen in den Himmel. Aber ihre Herzen sind so schwer wie Steine. Dann brechen sie durch die sieben Bogen der feinen Himmelsbrücke und fallen hernieder auf die Erde. Nur wer seine ganze Sehnsucht in den Himmel schickt, kann auf dem Regenbogen gehen.«

Brüderchen faßte Schwesterchen mutig an der Hand und stieg auf den Bogen herauf. Und wie die Kinder ihre wunden, blutigen Füße auf den leuchtend roten Streifen setzten, da wurden sie ganz heil und gesund, und sie stiegen so sicher in die Höhe, als gingen sie auf einem blumigen Wiesenpfad, und winkten dem Hüter der Brücke noch mit der Hand zum Abschied. Gar herrlich ging es sich auf der siebenfarbigen Brücke. Die ganze Welt lag unter ihnen wie ein bunter Bilderbogen, und die Vögel flogen an ihnen vorbei, die Schwalben und die Lerchen, und als sie höher kamen, zogen die Wolken unter ihnen durch das bunte Tor. Über den Wolken aber trafen sie noch den Adler. Der war aber auch das letzte, was ihnen begegnete. Als es Abend wurde, standen sie mitten auf dem Bogen, und unter ihnen lag das Meer.

Da sahen sie, daß die Sonne schon ganz tief stand, und mit Schrecken nahmen sie wahr, daß ihre leuchtende Brücke ganz blaß und dünn wurde. Sie gingen auch nicht mehr auf dem obersten roten Streifen, sondern waren schon durchgebrochen bis zum grünen, ohne daß sie es gemerkt hätten. Da sagte Brüderchen: »Wenn die Sonne untergeht, verschwindet unsere Brücke, und wir fallen herunter in das Meer. Was sollen wir tun?« Schwesterchen aber antwortete: »Gott wird uns nicht verlassen.« Wie sie nun so auf ihrer blassen Brücke standen und nach der untergehenden Sonne sahen, tauchte aus dem Meer das schmale Mondschiffchen auf und schwamm über den Himmel gerade auf die Kinder zu. Da band Schwesterchen sein Schürzchen ab und winkte dem Mondschiffchen, und es kam dicht zu ihnen heran. Es war aber auch die höchste Zeit, denn sie standen schon auf dem allerletzten, allerdünnsten violetten Streifen. Da sprangen sie in das Mondschiffchen, und als sie sich gerade zurechtgesetzt hatten, war die Sonne untergegangen und der Regenbogen verschwunden. »Das war zur rechten Zeit«, sagte der Mond, und sie erzählten ihm ihre Geschichte, und er sagte, er wolle sie in seinem Schiffchen mitnehmen für diese Nacht.

Nun fuhren sie über den dunkelblauen Himmel und sahen, wie die großen Sterne aufgingen. Und alle Sternbilder nickten ihnen zu, wenn sie an ihnen vorüberkamen, und der Mond erklärte sie ihnen und erzählte ihnen die Märchen des Himmels, vom großen Bären und vom kleinen, und vom Wassermann und vom Orion. Auch an die Milchstraße kamen sie. Da gingen alle kleinen Sternlein spazieren, die noch nicht allein am blauen Himmel stehen können. Und Brüderchen und Schwesterchen sahen sie, viele, viele Tausend in goldenen Kleiderchen, und die Augen gingen ihn fast über von all dem Glanz.

Als sie nun soweit gefahren waren, sagte der Mond, er ginge jetzt unter, seine Zeit sei um. Er wolle die Kinder aber gerne dem Morgenstern übergeben, der bliebe am Himmel, bis die Sonne aufginge und sich das goldene Tor öffne, durch das sie eintreten könnten. Die Kinder dankten ihm sehr herzlich, und er brachte sie zu dem Stern. Der Engel des Morgensterns trug ein schneeweißes Kleid und schneeweiße Flügel, und er grüßte die Kinder freundlich und sagte: »Seht auf mich! Wenn der erste Strahl der Sonne aus dem Himmel fällt, dann leuchte ich rosenrot. Dann gehet durch das Sonnentor hinein in den Himmel.«

Da standen die Kinder und warteten und sahen den wunderschönen Engel an, und ihre Herzen waren ganz feierlich. Plötzlich wurden die Flügel des Engels rosenrot, und er breitete sie aus und flog der Sonne entgegen. Da wußten Brüderchen und Schwesterchen, ihre Zeit sei gekommen, und Hand in Hand gingen sie vom Morgenstern durch das Sonnentor in den Paradiesgarten.

Wie sie nun zwischen den goldenen Sternwiesen einhergingen, stiegen die lieben Englein aus ihren Wolkenbetten, schüttelten ihre bunten Flügelein und liefen auf unsere Kinder zu, schauten sie verwundert an und sagten: »Wo kommt ihr her? Ihr habt ja keine Flügelein und seid nicht durch das Tal des Todes gegangen.« Da erzählten ihnen die Kinder, wie sie auf den Regenbogen gestiegen und Mond und Sterne sich ihrer angenommen hätten, und die Engel nahmen sie an der Hand und brachten sie nach einer Rosenlaube, da saß ihr Mütterchen und spann mit einer silbernen Spindel weiße Herbstfäden, wie sie über die Felder fliegen, wenn der Oktober kommt. Als sie aber ihre Kinder sah, sprang sie auf, und der Faden zerriß, und die Spindel rollte sich auf, und das Gespinst flatterte auf die Erde.

Da küßte die Mutter ihre Kinder und herzte sie, und all ihr Leid war vergessen. Und sie gingen alle drei zum lieben Herrgott hin. Der legte seine Hände auf Brüderchen und Schwesterchen, da bekamen beide Flügel und konnten im Himmel bleiben in Ewigkeit.


Quelle: Kinderlust. Ein Jahrbuch für Knaben und Mädchen, Band 9, Bielefeld/Leipzig 1895