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DAS MÄRCHEN VON DER MILCHSTRASSE

Mein Schwesterchen auf dem Schoß, sitze ich am Fenster, es ist dunkel im Zimmer, und von draußen her grüßt die Nacht mit tausend hellen Sternenaugen zu uns herein.

»Du hast mir eine Geschichte versprochen!« sagt sie, und sie bettelt und schmeichelt, bis ich nachgeben muß und zu erzählen beginne:

»Vor langen, langen Zeiten - die Welt war eben erst fertig geworden - nur die Sterne fehlten noch - die Nacht war immer ganz schwarz - und der Himmel war wie ein frisch umgepflügtes Ackerfeld, in das noch kein Saatkorn gefallen. Da hängte der liebe Gott sich eines Tages ein Sätuch um die Schultern, und er füllte es bis obenhin voll goldener Sternensaat, und er ging aus zu säen und streute mit vollen Händen den lichten Segen über die Gefilde des Himmels.

Und alsbald leuchtete es auf, weithin an allen Ecken und Enden ein buntes Lichtgewimmel. Noch heute siehst du den Weg, den der himmliche Sämann gegangen - sieh! dort der helle Sternenstreif: die Menschen nennen ihn die 'Milchstraße'.

Denn Gottes Sätuch hatte ein Loch - die lieben Engel hatten vergessen, es zu stopfen. Und während er so dahin-schritt, sickerte es unten durch - ein breiter Strom goldener Saatkörner.

Und für ewige Zeiten wurde so der Weg verraten, da Gottes Fuß gegangen...«


Quelle: Kinder-Kalender für 1898, Berlin 1897