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VON DER KLUGHEIT DER SCHILDBÜRGER

Hinter den Bergen, wo die Welt mit Brettern vernagelt ist, befindet sich ein Land, so das dürre heißt, dieweil der Boden gar sandig und dürr ist, fast so sehr wie in der Mark. In diesem gesegneten Lande stand vor Zeiten das Städtlein Schildburg, dessen Einwohner, die Schildbürger genannt, in aller Welt berühmt und belobt waren von wegen ihrer hohen Geistesgaben und unerhörten Klugheit, als worüber viele dicke Bücher geschrieben worden sind und füglich noch viel mehrere geschrieben werden könnten, denn welcher Mensch vermag's zu erschöpfen, den Brunnen solcher Weisheit! Weil aber für viele Menschen die Mitteilung einer allzu großen Dosis Weisheit zum öftern nicht ersprießlich, sondern, im Gegenteil, oft gefährlich erfunden worden, so sind wir mitnichten gewillt, alles, was uns von der unerhörten Weisheit und den sinnreichen Einfällen der edlen Schildbürger bekannt, mitzuteilen, sondern nur was weniges, was uns besonders lehrreich und ergötzlich zu vernehmen scheint. Beginnen also damit, wie es sich begab, daß die Schildbürger einen großen Mangel an Trinkwasser litten, von wegen der großen Hitze eines Sommers und des vielen Sandes, welches beides alle Quellen sowie das Hauptflüßchen des Landes in-capabel gemacht hatte, weshalb denn mehr gerühmte Schildbürger nach reiflicher Beratung beschlossen hatten, einen Brunnen zu bohren. Haben denn auch angefangen, mit großem Fleiß solches ins Werk zu richten, und aus Leibeskräften gebohrt, aber wie sie bohrten und bohrten, wollte doch das Wasser nicht springen, sintemalen keines da war, worüber sich die Schildbürger sehr verwunderten. Ein weiser Mann aber wollte der Sache auf den Grund kommen und lud alle Gelehrten von Schildburg ein, mit ihm hinabzusteigen in den Brunnen und zu sehen, woran es läge, daß das Wasser nicht spränge. Die Gelehrten sagten zu, und alsbald gingen alle nach dem Brunnen. Sie hatten aber vergessen, Leitern und Stricke mitzunehmen, deshalb standen sie am Brunnen still und ratschlagten wieder, wie sie hinabkämen. Endlich sprach der weise Mann abermals: »Schaut, wir wollen einen Stecken legen über den Brunnen, und der Stärkste von uns soll ihn fassen mit den Händen und festhalten und soll baumeln mit den Füßen in den Brunnen, und der nächste soll sich an seine Füße hängen, und so immerfort, der nächste an die Füße des anderen, bis wir auf den Grund kommen.«

Und alle rühmten die Weisheit des Weisen, und es geschah so.

Als aber nun fast alle aneinander hingen, da schrie der Starke oben: »Kinder, nun haltet euch fest, daß ihr nicht fallet, denn mir wird es schier schwer, den Stab zu halten, und ich muß einmal in die Hände spucken.« Damit ließ er auch richtig den Stecken los und wollt' tun, wie er gesagt, aber hast du nicht gesehen, fuhr er hinunter mit den anderen in die Tiefe, bis sie Grund fühlten und alle über- und untereinander zappelten.

Die Schildbürger bauten sich auch ein neues Rathaus auf eine gar seltsame Weise, nämlich so, daß sie vom Dache herunter bauten. Als aber das Haus fertig war, da war es inwendig ganz finster, und sie verwunderten sich sehr, warum es doch drinnen so finster wäre und doch außen heller Tag. Endlich fanden sie's, daß sie in dem Eifer des Bauens vergessen hatten, Fenster zu machen, sannen und spannen daher, wie solcher Fehler zu verbessern sei.

Endlich hatten sie den Nagel auf den Kopf getroffen und liefen herzu mit Säcken und Schläuchen, Töpfen und Tiegeln, Krügen und Flaschen, ja sogar mit Mausfallen und Fischreusen. Was denkt Ihr, was sie damit machten? — Sie fingen den Tag ein und trugen ihn ins Rathaus, damit es drinnen hell werden sollte.

Als es aber noch immer finster blieb, steckten sie Lichtlein auf ihre Hutkrempen und saßen so mit erleuchteten Köpfen im Rathause, um ratzuschlagen.

Und als das Rathaus eine Weile gestanden hatte, wuchs ein schönes Gras auf dem Dache. Da deliberierten die Schildbürger, wie sie am besten das Gras benützen möchten, und endlich kamen sie überein, sie wollten es abweiden lassen vom Gemeindebullen. Ließen also den Bullen herbeiführen und taten ihm ihren Beschluß kund. Der Bulle guckte das Rathaus und die Ratsherren an und sagte: »Muh!«, konnte aber nicht aufs Dach gelangen. Deshalb machten die Schildbürger eine Winde auf dem Dache, banden dem Bullen einen Strick um den Hals und begannen, ihn hinaufzuziehen. Als der Bulle nun die Augen verdrehte und die Zunge aus dem Halse streckte, sprach der Bürgermeister: »Schaut, schaut! Er blinzelt schon nach dem Grase und leckt mit der Zunge darnach! Ziehet, ziehet, damit er bald droben ist!«

Die Schildbürger waren immer als sehr sanfte, friedfertige Leute bekannt, aber einmal haben sie doch einem armen Sünder das Geleit gegeben. Es fing nämlich der Ratsfischer im Stadtgraben ein greuliches Tier, so noch nie zuvor gesehen war, es hatte viel Paar Beine, womit es rückwärts kroch, und große Scheren, womit es kneifen konnte, und einen langen Bart und vorstehende Augen. Die Schildbürger ratschlagten, was das für ein Tier wäre, oder ob es gar ein Mensch sei, konnten aber nicht einig werden. Endlich kam ein fremder Mann aus Leipzig in Sachsen, der handelte mit bedrucktem Papier. Als er das Tier sah, da schrie er laut auf: »Ein Krebs, ein Krebs! O ihr edlen Schildbürger, schaffet das Untier fort, denn sonst geht eure ganze Stadt zugrunde! Mit dem Teufel wollt ich Brüderschaft trinken, nur mit einem Krebse nicht.«

Als die Schildbürger dieses hörten, redeten sie dem Krebse beweglich zu, doch nur alle seine Verbrechen freiwillig zu gestehen. Da aber der Delinquent verstockt und stumm blieb, machten sie ihm den Prozeß, daß er solle ersäuft werden in der Spree, welche bei Schildburg vorbeifloß.

Führten ihn deshalb hinaus vors Tor und ließen ihn durch den Scharfrichter in die Spree schmeißen. Als nun der Krebs im Wasser zappelte und plätscherte, hüb der Bürgermeister seine Augen gen Himmel und sprach zu den Umstehenden: »O ihr, meine geliebten Brüder, wie so bitter ist der Tod.«

Quelle: Johann Peter Lyser, Abendländische Tausend und eine Nacht, 1838/39