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DER BETTELKNABE

Eines Abends kam ein Knabe in eine Mühle und bettelte. Der Müller saß mit seinen Leuten eben am Tische und war sonst ein fröhlicher Mann, nur konnte er die jungen Bettler nicht leiden. Darum sprach er zu dem Knaben: »So jungen Burschen gibt man nichts, sie sollen arbeiten und etwas lernen. Wie, gehst du auch in die Schule? Laß hören, was du kannst! Rat mir hin und rat mir her und rate, was ist das? Es ist ein kleiner Soldat, der ein giftig Spießlein hat. Täglich zieht er mit Gesang ins Feld, nur im Winter bleibt er im Zelt. Er erobert ohne Zahl die schönsten Schlößlein zu Berg und Tal, er bricht in ihre Keller ein und trinkt aus goldenen Becherlein immer neuen, süßen Wein. Dann füllt mit seinem Mehl er jede Hand und baut zu Hause Kammern, Wand an Wand. Die Kammern füllt er dann mit süßem Most und sorgt im Sommer für des Winters Frost, und wäre jedermann so arbeitsam wie er, so gab's im Lande keine Bettler mehr.« Da antwortete der Knabe und sprach: »Der kleine Soldat ist das Bienlein, und das giftige Spießlein ist sein Stachel; der Gesang aber ist das Summen, und das Zelt der Bienenkorb. Die schönen Schlößlein sind die Blumen, und die Keller sind die Blumenkronen, und die Becher sind die Blumenkelche, und der Wein ist der süße Saft darin. Das Mehl hingegen ist der feine Blutenstaub, und die Hände sind des Bienleins Füße; die Kammern sind die Wabenzellen, und der Most das ist der Honig, welchen das Bienlein aus den Blumen sammelt und auf den Winter spart.«

»Recht so«, sprach der Müller, »aber wenn du so ein Rätselmeister bist, so gib jetzt jedem am Tische auch ein Rätsel auf, und wer das seine nicht errät, muß dir ein Stück von seinem Abendbrot geben.« Da fing der Knabe bei dem Ackerbuben an und sprach: »Ein weißes Täublein federlos flog auf ein Bäumlein blätterlos; da kam ein Sperber schnabellos und fraß das Täubchen federlos.«

Zur Magd sprach der Knabe: »Ich kenne den besten Koch; dennoch dingte ihn kein Herrscher noch. Er kochet alles ohne Würze aufs beste und in größter Kürze. Er nahm noch niemals einen Lohn und diente doch dem Esau schon.«

Zum Öler sprach der Knabe: »Ein Felsenschlößlein, grün und rund, steht hoch auf schmalem, weichem Grund. Vier Brüder schlafen drin verschlossen, du hast schon oft ihr Blut vergossen. Sie fangen an, sich erst zu regen, wenn sie eine Zeit im Grab gelegen, dann brechen sie mit einem Speer das Schlößlem auf von innen her.«

Zur Müllerin sprach der Knabe: »Wie heißt die große ferne Stadt, die viele tausend Lampen hat? Ihre Straße glänzt im Strahlenschein, doch führt sie nicht zum Tor hinein, und einem erst gelang es nur, daß er mit Roß und Wagen dort einfuhr.«

Und zu dem Müller sprach der Knabe: »Wie heißt das Saatkorn, das der Barmherzige in eine Handbreit mageren Grundes sät, das, wenn es auch noch so klein ist, hoch auf zum Himmel sprießt und dem Barmherzigen zur Zeit der Ernte goldene Ähren trägt?«

Als der Knabe bei allen herum war, sah ein jeder den anderen an und sprach: »Ich weiß, was das deine ist, aber meines weiß ich nicht«, und einer nach dem ändern gab das Raten auf und schenkte dem Knaben ein Stück von seinem Abendbrot.

Der Müller aber und die Müllerin lächelten einander an; denn sie verstanden ihre Rätsel.

Danach sprach der Müller zu dem Knaben: »Du hast deine Sache gut gemacht, und wenn du brav sein und arbeiten willst, so sollst du mein Sohn sein.« Und der Knabe wurde von Stunde an des Müllers Sohn und erwuchs zu einem rechtschaffenen Manne.


Quelle: Erzählungen für Kinder, Freiburg 1861