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DER BESUCH DES ESKIMODICHTERS

Am 3. Juli 1951 fanden sich am Wiener Westbahnhof Reporter und Photographen mehrerer Zeitungen ein, um einen illustren Gast in Empfang zu nehmen.

Die Redaktionen des Wiener Kurier, der Weltpresse, der Tageszeitung, der Arbeiter-Zeitung, der Volksstimme, der Presse, des Abend, des Kleinen Volksblatts, der Salzburger Nachrichten und der Oberösterreichischen Nachrichten hatten ein Schreiben des österreichischen PEN-Clubs erhalten, mit der Bitte um Veröffentlichung im Kulturteil. Darin hieß es, auf Einladung des Verbandes werde der Eskimodichter Kobuk nach Wien kommen. Kobuk sei "Verfasser mehrerer Romane, deren eigenartige Verbindung von magischem Realismus und nordischer Mythologie ihn auch über die Grenzen seiner engeren Heimat bekannt gemacht haben. Seine Romane Brennende Arktis (Berlin 1927) und Kocholz (Zürich 1941) sicherten ihm auch im deutschen Sprachbereich einen beachtlichen Leserkreis. Seine Grönländische Trilogie Nordlicht über Iviktut wurde von MGM zur Verfilmung erworben°.

Angekündigt wurden ferner eine Dichterlesung sowie Verhandlungen des 1889 in Iviktut geborenen Autors mit Wiener Theatern wegen der Plazierung seines Dramas Einsamer Iglu und der satirischen Komödie Republik der Pinguine.

Als darauf noch der Hinweis folgte, dieser "hervorragendste Vertreter dieses leider noch wenig erschlossenen Kulturvolkes" sei mit Martin Andersen Nexö, Jack London und Stefan Zweig befreundet, gab es kein Halten mehr, und jede Redaktion, die etwas auf sich hielt, berichtete von dessen bevorstehendem Besuch - die Weltpresse am 2. Juli, das Kleine Volksblatt am 3. Juli und erneut am 4. Juli - oder sandte Reporter zum Bahnhof, um diesen international renommierten Gast gebührend zu empfangen.

Der erwartete Zug fuhr ein, doch ihm entstieg nicht der berühmte Eskimodichter, sondern der Schauspieler und Kabarettist Helmut Qualtinger mit Pelzmantel und -haube. Vom Radioreporter nach seinem ersten Eindruck von Wien befragt, soll er in schönstem Dialekt gesagt haben: "Haaß is'"

Die Arbeiter-Zeitung wiederum gönnte am 7. Juli, als die Bombe doch eigentlich bereits geplatzt war, ihren Lesern weitere Details über den Eskimodichter: Da ist die Rede vom Schlittenhundroman Heia Musch Musch, der Titel der geplanten Verfilmung der Trilogie wird mit Of Ice and Men angegeben, und auch das Stück Verlassener Kajak werde möglicherweise in Wien aufgeführt. Außerdem beschäftige sich der Autor mit dem Projekt, die Wiener Eisrevue zu einer Grönlandtournee zu bringen.

Was war geschehen? Qualtinger hatte sich darüber geärgert, daß die Presse die Hollandtournee des von ihm gegründeten Studio der Hochschulen boykottiert hatte und daraufhin einen seiner practical jokes inszeniert. Er hatte das Briefpapier des PEN-Club schlicht bei einem Empfang in der Wohnung von dessen damaligem Präsidenten Franz Theodor Csokor entwendet und - vielleicht inspiriert durch Friedells japanischen Dichter Haresu - einen ähnlichen Ballon starten lassen wie jener.

Allerdings hatte er es den Kulturredakteuren etwas schwerer gemacht, die ganze Geschichte als gezielte Fehlinformation zu erkennen: Das Briefpapier war authentisch; der angebliche Geburtsort des Dichters, Iviktut, existiert tatsächlich an der Südspitze Grönlands, und auch das Geburtsjahr war so gewählt, daß vom Alter des Dichters her sein Erfolg durchaus wahrscheinlich schien. Den verspäteten Bericht der Arbeiter-Zeitung hatte Helmut Qualtinger noch provoziert, indem er mit verstellter Stimme als PEN-Präsident Csokor den Kulturchef anrief und weitere Details über das Werk des Dichters und dessen geplante Verfilmungen preisgab.


Quelle: Die Entenmacher, Wenn Medien in die Falle tappen, Horst Friedrich Mayer (HG.), Wien-München 1998, Seite 39