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Der kopflose Motorradfahrer

«Bregenz, 13. Juli 1952, ag (Reuter). Nach österreichischen Zeitungsberichten ereignete sich in Lindau am Bodensee ein eigenartiger Verkehrsunfall. Ein Motorradfahrer, der hinter einem Lastwagen hergefahren war, wurde von einem Blech geköpft, das vom Lastwagen herunterfiel. Das Motorrad fuhr einige Meter weiter und stiess gegen eine Frau und ein Kind, die beide verletzt wurden. Der Lastwagenchauffeur, durch das Poltern des herabfallenden Bleches aufmerksam gemacht, blickte zurück und sah den kopflosen Motorradfahrer gegen zwei Fussgänger fahren. Vor Schreck erlitt er einen Herzschlag und war auf der Stelle tot. Der herrenlose Lastwagen fuhr gegen eine Mauer und wurde stark beschädigt.»

Quelle: Walter Heim, Neuere Zeitungsfabeln, in: Schweizer Volkskunde, Korrespondenzblatt der Schweiz. Gesellschaft für Volkskunde, 44. Jg., Nr. 5, 1954, S. 68 - 75.

Heim weist in seinem Artikel nach, dass diese Pressemeldung, die Mitte Juli 1952 auch in zahlreichen schweizerischen Zeitungen erschienen ist, unwahr ist. In den "Vorarlberger Nachrichten" (Bregenz) war kurz darauf zu lesen, dass gemäss Erkundigungen bei der Lindauer Polizei kein wahres Wort an dieser Geschichte sei.

"Die Nachrichtenagentur Reuter bedauert in Korrespondenz mit der Schweizerischen Depeschenagentur die Verbreitung dieser Falschmeldung und schreibt: "Man erinnert sich hier an ein ähnliches Unglück in Schottland. In diesem Fall betraf es einen Velofahrer, der wegen seiner Geschwindigkeit und der stark fallenden Strasse (offenbar ebenfall in geköpftem Zustande, W.H.) noch eine gewisse Strecke weiterfuhr."
Heim S. 72

Walter Heim: "Dass die Nachricht aber die ganze Kette von zweifellos zuverlässigen und wachsamen Relaisstationen und Kontrollstellen ungeschoren passieren konnte, liegt nebst dem ungeheuren Tempo, dem die bemitleidenswerten Agenturredaktoren unterworfen sind, offensichtlich gerade jener Eigenschaft der Meldung, die Görner (Mitteldeutsche Blätter für Volkskunde 8 (1933) 84) wie folgt charakterisiert: "Eine Nuance nur anders - und wir würden von einer Verbrechergeschichte, einem Märchen, einem Abenteuerroman reden. Dass diese Nuance so gering ist, ist das Merkwürdige. Ein einziger Schritt genügt, um uns alle zu Gläubigen zu machen, vielleicht auch in einem ganz bestimmten Sinn zu "Abergläubischen"." Heim S. 73