DER SILBERNE LÖFFEL

Die folgende Sage ist ein Beispiel aus 1894 aus dem Bereich Traditionelle Sagen, auffällig neben dem FOAF (friend of a friend)-Merkmal und der historischen Arbeitssituation ist auch der Wahrheitsanspruch:


Ein Langestheier, "Simas Andrä", dessen Bruder Josef ich noch gut kannte, hatte sich in Ungarn, wo er in Arbeit stand, in ein schönes Mädchen verliebt, das er häufig besuchte.

Als Andrä im Spätherbst in seine Heimat zurückzukehren gedachte und von seiner Geliebten herzlichen Abschied nahm, so gab diese ihm zur bleibenden Erinnnerung an sie einen schönen silbernen Löffel mit. Der Maurer schwieg zu Hause lange von diesem Geschenk, doch am hohen Weihnachtsfest holte er den Löffel aus dem Kleiderschrank und zeigte ihn seiner Mutter, wobei er dieser auch offenlegte, wer ihm denselben verehrt habe.

Seine Mutter riet ihm, er solle vorsichtshalber ja nicht selbst zuerst aus diesem Löffel die Speise nehmen, sondern diese vorher dem Hündchen, das sie hatten, reichen. Andrä hatte den wohlmeinenden Rat seiner Mutter befolgt.

Und siehe, kaum hatte das Hündchen die ihm in diesem Löffel gebotene Nahrung gefressen, so lief es wie wütend zur Stubentüre, und als man ihm diese öffnete, rannte es auf und davon bis nach Ungarn zu Andräs Geliebter, wie dieser sich im kommenden Frühjahr überzeugen konnte.


Quelle: Sagen aus dem Paznaun und dessen Nachbarschaft, Gesammelt und herausgegeben von Christian Hauser, Innsbruck 1894, Nr. 14, Seite 18

Anmerkung: Rechtschreibung aktualisiert.