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Alt 15.08.2016, 16:31
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Elfie Elfie ist offline
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Standard Rettungstransporte in den 1970er Jahren

Rotes Kreuz und Polizei - außerhalb der Städte bis 2005 Gendarmerie - hatten auch vor 40 Jahren fallweise gemeinsame Einsatzorte.

Organisationen und Ausrüstungen haben sich inzwischen wesentlich geändert.
Während heute beinahe jeder Einsatzwagen schon auf Grund der auszubildenden Zivildiener mit 3 Personen besetzt ist - Notarzt plus First responder nicht eingerechnet, waren es Anfang der 1970er Jahre Fahrer und Beifahrer.
Der Notarzt war noch nicht erfunden, zumindest nicht im ländlichen Niederösterreich.

Während sich heute unter der Krankenliege automatisch ein Fahrgestell entfaltet, das sich zum Lagern des Patienten entsprechend absenken lässt, hatte die Liege damals kleine Räder, mit denen sie allenfalls am Boden bewegt werden konnte, in erster Linie aber rollten sie die Trage auf Schienen in den Rettungswagen, von dessen Heck erst mal der sogenannte "Schlitten" ausgeklappt werden musste. Dieser reichte bis ungefähr Hüfthöhe, dort nahmen auch die Schienen ihren Anfang und da hinauf wurde die Trage gehoben. Bis dorthin wurde sie getragen, wie der Name schon sagt.
Ungeschriebenes Gesetz: der Fahrer trägt vorne am Kopf- also am schweren Ende.
Man durfte auf die Hilfe Anwesender und eine möglichst nahe Zufahrtsmöglichkeit hoffen.
Fahrerinnen, die es als Folge der Emanzipation oder eher der Personalnot auch vereinzelt gab, hofften auf die Solidarität des Beifahrers.

Auch die Gendarmerieposten - heute Polizeistationen - waren spärlich besetzt und wo heute in Fällen, die eskalieren könnten, Spezialeinheiten wie die Cobra eingesetzt werden, war es damals der Inspektor mit dem VW-Käfer.

Irgendwie ging es immer gut, wie die kleine Geschichte zeigt:

Cobra – übernehmen Sie oder
Ein ganz normaler Einsatz


Lisa war sieben Jahre lang aktives Mitglied bei einer Dienststelle vom Österreichischen Roten Kreuz.

Ein Dienst-Wochenende. Zusammensitzen auf der Dienststelle.
In der Dienstwohnung des Hauptberuflichen trafen sich so ziemlich alle, selbst wenn Hans frei hatte.
Das Dienstzimmer – es gab ein einziges mit zwei Stahlrohrbetten, zwei Sesseln und einem Tisch – war ziemlich ungemütlich.
Der große Telegrafenkasten, in dem die damalige Kommunikationstechnik verborgen war, nahm eine ganze Ecke ein und begann zu rattern, wenn ein Gespräch hereinkam – es war ja Vor-Handy-Zeit und das Funkgerät befand sich im Wagen.

Kein Tiefschlaf überstand besagtes Rattern und wenn es nach dem Knacken des Hörerauflegens nochmals ratterte, konnte man sich unverzüglich in die Kleider begeben, denn dann wurde der Auswärtige verständigt: eine Fahrt stand an.
Die Enge der Dienstzimmermisere hatte nämlich einen Vorteil: es konnte, je nachdem, auch zu Hause geschlafen werden.

Soweit die Situation Anno dazumal.

Als der Anruf kam, waren noch alle bei Hans in der Küche beisammen: Anton der Fahrer und Lisa, Beifahrerin.
Ein bekannter Landarzt war am Apparat.

Ein Menschenfreund: nachts wartete er in entlegenen Gegenden an Straßenkreuzungen, um den Einsatzwagen zu lotsen – Streusiedlungen waren schlecht beschildert und ohne Beleuchtung.
Oder einfach, um tragen zu helfen, wenn eine Frau Rettungsdienst hatte.
Er hatte sich auch eine Zille gekauft, um die Patienten am anderen Donauufer besser betreuen zu können.

Eben dieser Arzt rief nun an und nannte die Adresse eines Patienten, der an diesem Sonntagnachmittag renitent geworden war, aus dem Fenster schoss und sich nicht beruhigen ließ.
Ein alter Weinbauer, ein fleißiger Mann, der eben öfter einen über den Durst trank und heute – ein heißer Sommertag, naja.

„Er schläft jetzt, aber er ist ein großer schwerer Lackl. Falls eine Frau Dienst hat, kann vielleicht ein zweiter Mann zum Tragen mitkommen? Der kann ja an der Dienststelle wieder aussteigen, der Weitertransport ist kein Problem. Ich kann leider nicht warten, hab noch zwei dringende Hausbesuche“, sagte der Arzt und verabschiedete sich.
Hans hatte sich als zweiter Mann bereit erklärt.

Auf der Anfahrt wurde ein wenig gescherzt, wie immer, wenn es darum ging, jemanden auf die Psychiatrie zu bringen. Es war eine gute Portion Hilflosigkeit dabei, wie bei Allem, worüber man Witzchen macht.
Lisa hatte schon etwas Erfahrung.
Da war unter anderen der Malermeister, der seiner Frau mit dem Umbringen drohte. Dem diensthabenden Gendarm kam die Entscheidung zu: Anzeige oder Psychiatrie.
Er entschied sich für die Einweisung, so wären die rechtlichen Folgen geringer. Also fuhr man Richtung Westen.
Während der 40 Minuten Fahrt erzählte der freundliche kleine Mann Geschichten - wohl aus Verlegenheit - lachte viel und sagte dazwischen immer wieder, während er Lisas Hand mit theatralischer Eleganz zum Mund führte: ein Narr küsst ihnen die Hand.
Dass ein Kollege, der die Malersfrau kannte, später – natürlich nicht ganz ernsthaft – sagte: das hätte er nicht sagen sondern tun sollen, bestärkte Lisas Sympathie für ihn: auch Täter können Opfer sein.
All dies ging Lisa durch den Kopf während der Fahrt zum Einsatzort.

Nun hielt der Rettungswagen vor dem Haus.
Anton, Hans und Lisa gingen in den Hof. Lautes, dumpfes Gebell war zu hören, irgendwo musste hier ein großer Hund verborgen sein.
Hans erstarrte. Er hatte panische Angst vor Hunden und diese wussten das.
Nachdem sich die Haustüre nicht in der Nähe der bedrohlichen Laute befand, schien die erste Gefahr abgewendet.
Die Angabe des Arztes, die Tür wäre offen, erwies sich als falsch, doch die Tochter des Weinbauern öffnete sofort und auf die Frage, wo denn der Vater läge, meinte sie nur: „Der hockt in da Kuchl“.

Das Trio wechselte einen Blick und betrat vorsichtig den Raum. Ein vierschrötiger Mann saß da mit den Fäusten auf dem Tisch und mit einem harschen „Schleichts eich“ eröffnete er eine zweistündige Performance, die Lisa ihr Leben lang nicht vergessen sollte.
Das Gewehr lehnte neben ihm an der Wand, die Tochter hatte vergeblich versucht, es an sich zu nehmen. Manchmal griff er danach, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Die ersten Male schlich sich bei jedem der Drei ein flaues Gefühl in die Magengrube, doch mit der Zeit gewöhnten sie sich dran.

Ganz andere Gefühle weckte bei Hans die regelmäßige Aufforderung an die Tochter: „Miazl, hoi in Hund eina“.
Miazl verweigerte ebenso regelmäßig: „Na, daun sogst wieda: fass und mia haum die Schererei“.

Auf Drohungen folgten Verzweiflungsphasen, in denen der Mann weinte, von Kätzchen erzählte, die der Nachbar getötet haben soll und von seiner verstorbenen Frau. In ihrem Bett schliefe jetzt der Hund.
Die unfreiwilligen Gäste mussten ihm ins Schlafzimmer folgen und sahen ein recht ordentlich aufgeräumtes sauberes Bett und daneben das andere, in dem Decken lagen, auf denen allem Anschein nach ein großes Tier seinen Platz hatte.

Irgendwann kramte er aus seiner Geldbörse einen vergilbten Zettel mit Unterschriften, die kaum noch lesbar waren.
Lange nach dem Krieg hatte einer der alten Kameraden die Überlebenden ausfindig gemacht und ein Treffen arrangiert. Am Ende hatten sie diese Zettel mit ihren Unterschriften ausgetauscht. Er trägt ihn immer bei sich, erzählte er.
Zwischendurch folgten wieder Schimpftiraden und Morddrohungen.
Lisa tat dieser große schwerfällige Mann, dessen einzige Freude nach Krieg, arbeitsreichem Leben und Tod der Frau nur noch die Tiere, das Andenken der Kameraden und der Wein waren, längst leid.

Plötzlich flog die Tür auf und der Arzt stürmte in die Küche: „Was ist hier los? Vor zwei Stunden hab ich die Rettung gerufen, jetzt steht sie immer noch vor der Tür!“
Mit scharfen Worten erklärte er seinem Patienten die Sachlage. Dieser war sofort aufgestanden und wie zwei Kampfhähne standen sich nun die beiden gegenüber.
„Sie müssen sich behandeln lassen, der Alkohol hat ihr Gehirn zerstört!“, schrie ihm der Doktor ins Gesicht.
Ohne zurückzuweichen schrie der Mann zurück: “ Passens auf, dass er ihres nicht zerstört!“

Danach sank der Mann schwer auf die Küchenbank und nahm kaum davon Notiz, dass der Mediziner die Gendarmerie rief.
Die Tochter hatte inzwischen die Gelegenheit genutzt und war mit dem Gewehr verschwunden.

Bald darauf erschien ein Beamter, legte dem Widerstandslosen Handschellen an und brachte ihn zum Fahrzeug.
Er bestand darauf, mit dem Mann allein im Sanitätsraum zu sitzen.
Darüber war Lisa nicht böse.
Ein kleiner Umweg zur Dienststelle entließ Hans in seinen wohlverdienten Feierabend.

Später sagte er über den Einsatz:
„De Kroch´n woa ma wurscht, oba waun de den Hund g´hoit hätt, war i wia a Oachkatzl obn gwest auf da Kredenz!“

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  #2  
Alt 15.08.2016, 23:24
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Joa Joa ist offline
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Standard AW: Rettungstransporte in den 1970er Jahren

Eine filmreife Geschichte, die man am besten mit Erwin Steinhauer und Konsorten verfilmen sollte!
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  #3  
Alt 16.08.2016, 00:01
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Elfie Elfie ist offline
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Standard AW: Rettungstransporte in den 1970er Jahren

Ja, fast ein Polt . Und trotz dramatischer Momente sorgte gerade das besondere Verhältnis zu Hunden, das Hans hatte, für nachträgliche Lacher. Bei allem Respekt vor den Betroffenen.
Wir hatten ja gelernt, uns mit Galgenhumor über Wasser zu halten.
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Stichworte
rettungs-einsatz, rotes kreuz

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