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  #1  
Alt 12.09.2011, 01:53
manni manni ist offline
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Standard Stillgelegte Salpeterfabrik in Innsbruck

Im äußersten Süden von Innsbruck, in unmittelbarer Nähe eines Wasserkraftwerks der Innsbrucker Kommunalbetriebe, befindet sich eine seit einigen Jahrzehnten stillgelegte Salpeterfabrik. Nachdem die Forumssuche dazu nichts gefunden hat, mache ich mal diesen Thread darüber auf.

Das Gelände ist recht groß und die Bildausbeute ebenso, ich werde die gestern entstandenen Bilder der Erkundung erst in den nächsten Tagen auswerten können.

Deshalb erst mal nur diese drei Fotos als Teaser, sie zeigen das Innere eines der zahlreichen Nebengebäude:







Detail am Rande: vom Gelände der Fabrik gab es einst eine Standseilbahn hinauf zur Brennerbahn. Davon haben wir keine sofort als solche erkennbaren Relikte gefunden, wir haben allerdings auch nicht intensiv danach gesucht. Das wird wohl mal eine separate Erkundung.
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  #2  
Alt 12.09.2011, 11:31
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Standard AW: Stillgelegte Salpeterfabrik in Innsbruck

Hallo Manni,

wunderbare Bilder! Toll!

Eines der wenigen im Originalzustand erhaltenen Industrieensembles in Tirol. Ich kenne das Gelände auch, allerdings dachte ich es handle sich um eine ehemalige Drahtzieherei, was mir vor allem wegen dem runden Turm plausibel erschien:



Es gibt eine wirtschaftshistorische wissenschaftliche Arbeit zu dieser Anlage, ich werde versuchen, diese aufzutreiben.

Dass es eine Standseilbahn zur Brennerbahn gab, ist mir neu! Das überrascht mich sehr, da mir in keiner Publikation zur Brennerbahn ein Hinweis begegnet ist.

Spuren einer möglichen Standseilbahn dürfte es vermutlich keine mehr geben, da der Berg östlich der Industrieanlage am Anfang der 1960er Jahre im Zuge des Autobahnbaus massiv umgesiedelt wurde.

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #3  
Alt 12.09.2011, 13:18
manni manni ist offline
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Standard AW: Stillgelegte Salpeterfabrik in Innsbruck

Hi Wolfgang,

viel mehr als das Geschriebene weiß ich noch nicht über die Anlage; ich habe von einigen Personen gehört, dass es eine Salpeterfabrik gewesen sein soll, auch in diesem Artikel http://www.zeit.de/2011/18/A-Urban-Exploration wird das erwähnt, ist dort allerdings auch "nur" die Aussage einer Urban Explorerin, die das vielleicht bloß von jemandem gehört hat (sie sagt selbst dass sie zu den Orten, die sie besucht, eher nicht recherchiert).
Es wäre also schon möglich, dass es eine Drahtzieherei war - oder beides?

Zur Standseilbahn: ein Bekannter von mir vermutet, dass sie auf diesem Plan als strichlierte Linie zu sehen sein könnte und zu einem Verladeplatz am Nordportal des darüber befindlichen Brennerbahntunnels verlaufen ist (siehe rote Pfeile):


Hier ist der Originalplan von 1952: http://bit.ly/npykS0
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  #4  
Alt 12.09.2011, 14:52
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Standard AW: Stillgelegte Salpeterfabrik in Innsbruck

Tja, einmal darfst Du raten, wer bei dem Zeit-Artikel beraten hat...
Alle handelnden Personen in diesem Artikel sind hier im Forum tätig.

Also werde ich diese peinliche Wissenslücke schließen müssen. Ich denke, in ein paar Tagen haben wird das Ergebnis.

Wegen der Standseilbahn bin ich ebenso am Recherchieren, da bin ich nach wie vor überrascht.

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #5  
Alt 12.09.2011, 16:05
manni manni ist offline
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Standard AW: Stillgelegte Salpeterfabrik in Innsbruck

Ich bin schon gespannt darauf, was du herausfinden kannst. Ich versuche derweil ebenso, mehr Informationen zu bekommen.
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  #6  
Alt 12.09.2011, 22:15
paschberg paschberg ist offline
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Standard AW: Stillgelegte Salpeterfabrik in Innsbruck

Nachdem ich hier einige madig gemacht habe, meine Quelle:

Gleich die Erste Nennung im Google
http://www.althofen.at/AvW_Museum/Ge...k%20Patsch.pdf
vom Dorfchornistzen in Patsch,Oswald Wörle, und zwei wiss. CO-autoren (Univ. Doz. Dr. Gerhard Pohl, Werner Kohl) 2008


"Das Produkt, die flüssige Salpetersäure, ein echtes Gefahrengut, wurde in große Tonkrüge (Tourilles) gefüllt und
mittels einer kurzen Seilbahn zum 30 m höher gelegenen Verladegleis der Brennerbahn transportiert."

Ob es aber wirklich einjen Standseilbahn war - das ist nur einen Vermutung meinerseits - da die Tonkrüge für die Säure recht klobig sind.
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  #7  
Alt 14.09.2011, 10:50
SAGEN.at SAGEN.at ist offline
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Standard AW: Stillgelegte Salpeterfabrik in Innsbruck

Wie ich leider den heutigen Medien entnehme, ist das Hauptgebäude des Industrieensembles gestern abgebrannt.

Dichte Rauchschwaden: Lagerhalle unter Europabrücke in Flammen

Großbrand unter der Europabrücke

Bezeichnenderweise kann man den beiden Pressetexten den Umgang Tirols mit Technikgeschichte und Industriegeschichte entnehmen: es ist nur von "alter Lagerhalle" die Rede und nicht von einem Kulturdenkmal. Das Gebäude hätte heute wegen "Einsturzgefahr" geräumt werden müssen, was darauf hindeutet, dass es vermutlich noch diese Woche abgerissen worden wäre. Nach dem Feuer wird es nach meiner Einschätzung ebenso diese Woche noch abgerissen...


Himmelstür


Manni, damit dürften Deine Fotos die historisch letzten Aufnahmen des intakten Gebäudes sein!

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #8  
Alt 14.09.2011, 11:17
manni manni ist offline
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Standard AW: Stillgelegte Salpeterfabrik in Innsbruck

Ich hab's auch grad gesehen.
Im Video sieht man, dass es sich um das zentrale Gebäude handelt. Das war auch an allen Seiten verriegelt gewesen und wurde südseitig offenbar als Garage genutzt. Ich habe es von der Nord- und der Westseite fotografiert, wegen der Gegenlichtsituation sind die Aufnahmen von der Nordseite aber nicht besonders gut geworden.
Hoffentlich werden nun nicht auch all die anderen Gebäude plattgemacht, die teilweise zumindest äußerlich in wesentlich schlechterem Zustand waren.

Noch zur Standseilbahn: ein Bekannter hat mir heute bestätigt, dass diese existierte. Vor einigen Jahren konnte er vor Ort noch die Rampe zur Bahnstrecke und erkennbare Relikte der Bergstation finden! Ich werde mich beizeiten nochmal dorthin begeben, um das zu dokumentieren.
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  #9  
Alt 20.09.2011, 03:08
manni manni ist offline
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Standard AW: Stillgelegte Salpeterfabrik in Innsbruck

Hier mal drei Bilder des inzwischen abgebrannten Gebäudes.

So präsentierte sich das zentrale Gebäude am Eingang des Geländes vom Sillwerk her:



Das zentrale Gebäude von der anderen Seite her gesehen (hinten in der Mitte). Es gibt dort eine Geländekante, und das Gebäude überspannt diese, es ist mehrstöckig, was man von vorne aber nicht erkennt:



Von der Westseite sieht man ebenfalls, dass das Gebäude mehrstöckig ist:



Weitere Fotos folgen bald.

Ich habe außerdem vor, demnächst nochmal hinzugehen und nachzusehen, was noch von dem zentralen Gebäude übrig ist. Auf dem Gelände gibt es neben den hier abgebildeten noch mehr Gebäude: ein kleineres, langgestrecktes Gebäude mit unbekanntem Zweck, zwei große und ein kleines Wohnhaus, eine weitere, kleinere Halle, eine große Fabrikshalle, ein Schachtbauwerk auf der Rückseite dieser Fabrikshalle und möglicherweise noch mehr, was wir gar nicht gesehen haben.
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  #10  
Alt 22.09.2011, 00:48
manni manni ist offline
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Standard AW: Stillgelegte Salpeterfabrik in Innsbruck

Ein industriegeschichtlich interessierter guter Bekannter hat bereits in der Vergangenheit Recherchen zu dem Werk angestellt, er hat sich unter anderem auch mit älteren AnwohnerInnen unterhalten (in der Nähe des Geländes gibt es zwei kleine Wohnsiedlungen). Er schreibt:

Zitat:
Im Werk gegenüber den Sillwerken der Stadt Innsbruck wurde Molybdän verarbeitet, Es wurde zuerst nur für die Glühfaden der Lampen benötigt, war aber später ein wichtiger Bestandteil für die Herstellung von Röhren, welche das deutsche Heer in den Funkanlagen benötigte.
Auch Zwangsarbeiter aus Innsbruck wurden dabei eingesetzt.
Ein geplanter Anschlag wurde in der Kriegszeit verhindert (ob dies nun gegen das Sillwerk oder gegen das Molybdänwerk geplant war, ist nicht ganz sicher), dies steht in irgendeinem Polizeibericht.
Das Werk wurde von den Planseewerken betrieben, vielleicht gibt es dort noch Unterlagen. Ursprünglich wurde das Werk schon als Glühfadenhersteller betrieben (Molybdändrahtzieherei), da man von den Sillwerken einen günstigen Tarif für die reichlich vorhandene Energie bekam.
Der Abtransport erfolgte wie schon erwähnt mittels der Verladung auf Eisenbahnwaggons, welche auf einem Schrägaufzug zur Brennerbahn
transportiert wurde.
Dort gab es nördlich des Tunnels zwei Abstellgleise und eine Ladeanlage.
Wenn man die Trasse emporgeht, erkannt man oben das etwas größere freie Gelände der ehemaligen Verladestätte.
Ich fasse zusammen: es wurde anfangs Stickstoff und Salpetersäure hergestellt, nach der Übernahme durch die Planseewerke AG (oder sogar schon eher?) wurde der Standort zur Molybdändrahtzieherei. Du hattest also auch Recht, Wolfgang.

Aus meiner Sicht besonders interessant ist die Standseilbahn, da sie ganze Normalspurwagen aufnahm und von der Talstation am Werksgelände ein Normalspurgleis ins Werk weiterführte. Es handelte sich also um eine eisenbahntechnisch bemerkenswerte Industrie-Anschlussbahnanlage.
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