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  #61  
Alt 22.01.2011, 16:32
Mystika Mystika ist offline
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Dankbarkeit war des Letzten Worts.
Dankbarkeit für den Schatten dieses Orts.
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  #62  
Alt 01.03.2011, 13:58
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Andromeda Andromeda ist offline
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Donawschwabe
Jakob Wolf, *1914

Heimat

Alles geht vergessen:
Reichtum, Ruhm wie Glück.
Was wir einst besessen,
sinkt ins Nichts zurück.

Nur an einem Orte
wob die Heimlichkeit
uns der Sehnsucht Pforte
über Raum und Zeit.

Was wir tun und lassen
niemals schwinde sie;
Sterne leicht erblassen,
doch die Heimat nie.

Mag die Welt uns schenken
Reichtum, Ruhm und Glück –
immer wieder denken
wir an sie zurück.

Immer wieder hoffen
wir der Wiederkehr;
stünd' uns alles offen,
blieb doch alles leer.

Niemand kann verwehren
uns der Heimat Glück:
nachts im Traum noch kehren
wir zu ihr zurück.

*******

Alte Bäume versetzt man nicht

Als Oma mit nach Deutschland kam,
war sie nicht allzu glücklich.
Als sie dann Einkauf übernahm,
ward sie sogar verdrießlich:
"Drei Kilo Krumbere mecht ich hann,"
sprach sie zu dem Verkäufer.
Der sah sie unverständig an.
"Ham wir nicht", sagte er in seinem Eifer.
"No mecht ich noch e Pund Parteis -
"Liebe Frau, soviel ich weiß,
führen wir auch dieses nicht."
"Do gebt mr hal e Pack Ziwebe",
versuchte Oma zu verlangen.
"Gerne würd' ich's ihnen geben,
doch ... "Er wußt' halt nix damit anzufangen.
"Na, gebt m'r halt zwa Stange Krien,
die han ich doch im Korb drauß gsiehn."
"Sie haben sicher falsch gesehn",
warf er ihr oberflächlich hin.
"Ich breicht ach Knofl un e Zeller,
Grienzeich un Lemoni noch drzu."
"Liebe Frau", sprach der schon schneller,
"bittschön, lassen's mich in Ruh,
Sie sehen ja, ich hab zu tun.
Schauen Sie sich im Geschäf erst um,
dann werde ich gerne Sie bedienen.
Finden Sie nichts, dann rat ich Ihnen:
Versuchen Sie's mal um die Ecke,
dort finden Sie die Apotheke.
Oder gehn's zum Türken nebenan,
vielleicht, dass der Ihnen helfen kann."

Damit war die Geschicht nicht aus.
Den Rest erzählte Oma dann zu Haus:
"Ei, hat mr sowas schon mol gsiehn,
dass mr im G'schäft gar nix kann krie'n?
Ich han doch gsiehn, dass se es han,
doch de hintrlischtich Mann,
sagt emmer nor: "Das hab'n wir nicht!"
oder aach: "Das führ'n wir nicht!"
De wollt mr eenfach nix vrkaafe.
Umsunsch tät ich em Gschäft romlaafe,
hann deutlich gsiehn newr'm Spinat
war im Korb ach de Zalat.
Ich vrlang drvun, doch der wischti Mann
saat, dass se des aach net han,
mt sei'm ewich "Hab'n wir nicht!"
Do schau ich zornich ehm ins Gsicht
un saag ganz schtaat un trcke:
"Ei do bleibt doch uf eir'm Zeich hucke!"

Quelle: Georg Weiner, Heitere Geschichten aus der Heimat der Donauschwaben, (Verlag der Donauschwäbischen Kulturstiftung - Stiftung des privaten Rechts -, München), München 1997.
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  #63  
Alt 16.03.2011, 16:14
Julz1976 Julz1976 ist offline
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Sehr schönes Gedicht! Wann ist es ca. entstanden?
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  #64  
Alt 23.03.2011, 23:31
Julz1976 Julz1976 ist offline
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Hier mal eines meiner Lieblingsgedichte (bin großer Morgenstern-Fan):

Du dunkler Frühlingsgarten,
durch den ich wandre jede Nacht,
all deine Knospen warten
auf ihre junge Pracht.

Wie liegst du schwarz und schweigend nun
und doch so sonnenbang und -toll!
Schon geht der Mond, im See zu ruhn,
bald ist die Stunde voll.
(Christian Otto Josef Wolfgang Morgenstern)


Ich mag es besonders, weil es nicht von bunten Wiesen und trällernden Vögelchen handelt, wie die meisten Frühlings-Gedichte. Beim Lesen des Gedichtes fühl' ich mich selbst wie in einem Garten in einer Frühlingsnacht...
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  #65  
Alt 25.03.2011, 19:30
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Andromeda Andromeda ist offline
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Zitat:
Zitat von Julz1976 Beitrag anzeigen
Sehr schönes Gedicht! Wann ist es ca. entstanden?
Ich weiß nicht genau, wann das Gedicht entstanden ist, nehme aber an, während des 2. Weltkriegs. Damals wurde eine große Zahl von Donaudeutschen aus Jugoslawien vertrieben, weil sie als illoyale Staatsbürger galten. Außerdem hat auch Hitler alle Deutschen zum Verlassen des Landes aufgefordert und versprach ihnen finanzielle Entschädigung, falls sie nach Deutschland oder Österreich kämen.
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  #66  
Alt 02.04.2011, 10:12
Ulrike Berkenhoff Ulrike Berkenhoff ist offline
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Zu guter Letzt

Als Kind wußte ich:
Jeder Schmetterling
den ich rette
jede Schnecke
und jede Spinne
und jede Mücke jeder Ohrwurm
wird kommen und weinen
wenn ich begraben werde

Einmal von mir gerettet
muß keines mehr sterben
Alle werden sie kommen
zu meinem Begräbnis

Als ich dann groß wurde
erkannte ich:
Das ist Unsinn
Keines wird kommen
ich überlebe sie alle

Jetzt im Alter
frage ich: Wenn ich sie aber
rette bis ganz zuletzt
kommen doch vielleicht zwei oder drei?

Aus der Todesanzeige einer sehr alten Frau (99)

Gedicht von Erich Fried - Ulrike
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  #67  
Alt 06.05.2011, 10:11
lislotta lislotta ist offline
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ostern ist jetzt schon wieder etwas vorbei, aber gerade um die zeit im frühjahr wenn sich alles nach wärme und frühling sehnt, denke ich immer an dieses gedicht, weshalb es eindeutig zu meinen absoluten lieblingsgedichten gehört!

Osterspaziergang

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dort her sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur.
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlts im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen!
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden:
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluß in Breit und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und, bis zum Sinken überladen,
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!

Johann Wolfgang von Goethe
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  #68  
Alt 08.05.2011, 10:15
Ulrike Berkenhoff Ulrike Berkenhoff ist offline
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Danke fürs Erinnern an Gryphius!-
Hier noch ein Buchtipp: Szyrocki, Marian: Die deutsche Literatur des Barock.
Eine Einführung. Rowohlts Deutsche Enzyklopädie. Dieses nun schon alte
Taschenbuch besitze ich seit 40 Jahren, immer wieder eine Fundgrube!
Lohnt sich evtl. antiquarisch zu erwerben! Darin wird einem die Barocklyrik
nahegebracht! - Viele Grüße von Ulrike
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  #69  
Alt 08.05.2011, 10:22
Ulrike Berkenhoff Ulrike Berkenhoff ist offline
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Zum heutigen Muttertag passend:

Mutter
Mitten aus all den fremden Gestalten
Plötzlich kamst du auf mich heran
Mit den Augen, den tiefen, alten
Sahst du mich so innig an
Ganz noch das alte Bauernweibchen
Die hohe Haube, das bunte Leibchen
Und die tausend Runzeln im Gesicht
Ich drückte dir die raue Hand
Und all die schönen geputzten Damen
Die auf und ab die Alleen kamen
Vor dir war alles eitler Tand
Jakob Kneip
entdeckt in der Jahresgabe 1980 der Fa. Hoesch
Kneip lebte 1881-1958, Mitglied der
"Werkleute auf Haus Nyland" u. des "Rheinischer Dichterbund"
Gesammelte Gedichte erschienen 1953 - Ulrike
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  #70  
Alt 24.05.2011, 09:20
alterego alterego ist offline
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Sachliche Romanze

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.

Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.


Erich Kästner
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