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  #21  
Alt 13.11.2010, 14:20
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Andromeda Andromeda ist offline
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Im Nebel

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.

Voll Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

H. Hesse
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  #22  
Alt 13.11.2010, 14:23
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Ein Jahr

Nun starb das Jahr. Auch dieses ging daneben.
Längst trat es seinen Lebensabend an.
Es lohnt sich kaum, der Trauer hinzugeben,
weil man sich ja ein neues leisten kann.

Man sah so manches Jahr vorüber fliegen,
und der Kalender wurde langsam alt.
Das Glück gleicht eleganten Luxuszügen
und wir der Kleinbahn ohne Aufenthalt.

Im Wintersportgebiet hat's Schnee gegeben.
Wer Hunger hat, schwärmt selten für Natur.
Silvester kam und manches Innenleben
bedarf der fristgemäßen Inventur.

Das Geld regiert. Wer hat es nicht erfahren,
dass Menschenliebe wenig Zinsen trägt.
Ein braver Mann kann höchstens Worte sparen,
wenn er die Silben hübsch beiseitelegt.

Die Freundschaft welkt im Rechnen mit Prozenten.
Bald siehst Du ein, dass keiner helfen kann.
Du stehst allein. Und die, die helfen könnten,
die sagen höchstens: ".. ruf uns doch mal an."

Nun starb ein Jahr - man lästre nicht am Grabe!
Doch wenn das Leben einer Schule gleicht,
dann war dies Jahr ein schwach-begabter Knabe
und hat das Ziel der Klasse nicht erreicht.


Tucholsky
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  #23  
Alt 13.11.2010, 14:33
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Verschiedenheit

Kein Mensch ist gleich, und eins ist klar:
Wir sind verschieden, sonderbar!

Monströs erscheintes mir, gemein,
von Gleichheit ab Geburt zu reden,
als wäre es Programm für jeden,
ein Maschinending zu sein.

Weil jeder anderes ist und tickt,
aus Genen aller Art gestrickt,
erweist es sich im Lauf der Zeit:
Wir wachsen durch Veschiedenheit.

Armin Mutscheller

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  #24  
Alt 13.11.2010, 14:46
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Liebe

Wärest du anders,
so wärst du nicht mein,
und ich müsst' mir wünschen,
ein anderer zu sein.

Wärest du so wie ich
und ich so wie du,
dann müssten wir trauern
um ein Ich und ein Du.

Wir sind nicht perfekt,
sonst würde was fehlen.
Wir dürfen uns fragen:
Was gilt's zu verhehlen?

Worin verzehrt sich Liebe,
wenn nicht im Gleichen?
Und was befeuert sie?
Es ist ihr wundersamer Kern,
der fruchtbar auch in jenem wächst,
was anderes scheint und eigenfern.

Armin Mutscheller


Geändert von Andromeda (13.11.2010 um 22:42 Uhr)
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  #25  
Alt 23.11.2010, 13:54
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Die Stadt
Theodor Storm

Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel ohn' Unterlass;
Die Wandergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,
Am Strande weht das Gras.

Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer.



Meeresstrand
Theodor Storm

Ans Haff nun fliegt die Möwe,
Und Dämmrung bricht herein;
Über die feuchten Watten
Spiegelt der Abendschein.

Graues Geflügel huschet
Neben dem Wasser her;
Wie Träume liegen die Inseln
Im Nebel auf dem Meer.

Ich höre des gärenden Schlammes
Geheimnisvollen Ton,
Einsames Vogelrufen -
So war es immer schon.

Noch einmal schauert leise
Und schweiget dann der Wind;
Vernehmlich werden die Stimmen,
Die über der Tiefe sind.
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  #26  
Alt 23.11.2010, 20:52
Mystika Mystika ist offline
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Liebling? S - GEH > dichte! Regnet es schon wieder herein?
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  #27  
Alt 24.11.2010, 15:19
alterego alterego ist offline
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Schon seit frühester Jugend ist mir ein Gedicht von Christian Morgenstern im Gedächtnis, das mir durch seine Verschmelzung von äusserer Form und Geschichte unvergesslich bleibt:


Zwei Trichter wandeln durch die Nacht.
Durch ihres Rumpfs verengten Schacht
fließt weißes Mondlicht
still und heiter
auf ihren
Waldweg
u.s.
w.
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  #28  
Alt 24.11.2010, 15:42
Rabenweib Rabenweib ist offline
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haha. das ist ja super! :-)))))
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  #29  
Alt 24.11.2010, 18:31
Ulrike Berkenhoff Ulrike Berkenhoff ist offline
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Besonders für Elfie noch ein Gedicht von Erich Fried:
Es ist Unsinn, sagt die Vernunft.
Es ist was es ist, sagt die Liebe.
Es ist Unglück, sagt die Berechnung.
Es ist nichts als Schmerz, sagt die Angst.
Es ist aussichtslos, sagt die Einsicht.
Es ist was es ist, sagt die Liebe.
Es ist lächerlich, sagt der Stolz.
Es ist leichtsinnig, sagt die Vorsicht.
Es ist unmöglich, sagt die Erfahrung.
Es ist was es ist, sagt die Liebe.

Viele Grüße von Ulrike
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  #30  
Alt 24.11.2010, 18:34
Ulrike Berkenhoff Ulrike Berkenhoff ist offline
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Storm mag ich auch, besonders die ... graue Stadt am Meer ...
und außerdem Hesses "Nebelwanderung". Schöne Beispiele für
Lieblingsgedichte von Andromeda! Viele Grüße von Ulrike
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