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  #1  
Alt 29.01.2010, 16:46
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Dresdner Dresdner ist offline
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Standard Originale (Personen) des Ortes, der Region

Ein Thema, bei welchem ich auch über die Suchfunktion nicht fündig geworden bin - Originale der Region, der Stadt, des Dorfes.

Diese "Volkstypen", deren Namen und persönlichen Daten zumeist unbekannt sind, waren zumeist "kleine Leute", welche oft am Rande des Existenzminimums lebten. Bekannt wurden sie durch ihre oftmals skurille Art des Auftretens und ihre Kleidung. Oftmals waren sie menschliche Sonderlinge, manchmal aber auch berühmte Erfinder. In Einzelfällen auch beides zugleich.

Es gab sie in der Vergangenheit, aber, wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, auch heute noch.

Sinn dieses Threadts ist, Informationen zu solch liebenswerten Originalen zusammenszustellen und dazu anzuregen, sich mit diesem Thema vielleicht einmal tiefgründiger zu befassen.

Hier ein erstes Original.

Die Eierhanne (Dresden / Sachsen)

Die Eierhanne war eine Marktfrau, welche täglich auf dem Dresdner Altmarkt ihre Ware feilbot. Der Altmarkt war der zentrale Marktplatz der Stadt und die Ware der Eierfrau bestand, wie es der Name schon sagt, ausschliesslich aus gekochten Eiern.
Um die gekochten Eeier warm zu halten, hockte die korpulente Frau über ihrem Korb und pries ihre Ware mit den Worten "Warme Eier, meine Herren" an.
Unter dem Gelächter der Umherstehenden zog sie dann die warmen Eier unter ihrem Allerwertesten hervor. Abends ging sie durch die Gastwirtschaften und machte dort scherzend und knicksend ihre Runde. Wenn Gäste dabei allzu anzüglich wurden, bewies sie ihre Zungenfertigkeit. Gegen ein Abendessen oder ein Trinkgeld jedoch war sie gern bereit, ein Lied zu singen.
1836 ist die Eierhanne in Dresden verstorben.


* erzählt nach: Dresdner Originale in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dresden. o.J.

Dresdner
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  #2  
Alt 29.01.2010, 23:46
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Hallo Dresdner,

ein wunderbares Thema hast Du da aufgegriffen, ein herrliches volkskundliches Betätigungsfeld für jeden!

Ich selbst bin am Land aufgewachsen und lebe nun in der Stadt. Mir fällt in Bezug auf Originale auf, dass jene am Land viel zurückgezogener waren, als jene hier in der Stadt. Die "auffälligen" Originale in der Stadt sind im Stadtzentrum fast täglich anzutreffen.


In Wien habe ich in den 1980er Jahren oft Waluliso gesehen. Das war ein Mann mit weißer Toga, der sich nach Wald, Luft, Licht und Sonne nannte. Er hielt lange ausführliche Reden am Stephansplatz im 1. Wiener Bezirk, es ging meist um ökologische Themen. Genau verstanden habe ich nicht was er meinte, aber er wurde mindestens so oft fotografiert, wie der Stephansdom, das fand ich immer lustig.


Nur ein einziges Mal hatte ich in Wien Gelegenheit in unmittelbarer Nähe ein weiteres Original zu erleben. Ich glaube, das war im Jahr 1990. Am Graben bei der Pestsäule kam eine alte Frau mit Kopftuch und in sehr einfachem Gewand vor die Pestsäule und spielte ein paar Stücke auf Ihrem Saxophon. Dann hat sie einen Fetzen aus ihrer blauen Arbeits-Jacke gezogen, das Saxophon abgewischt und ist wieder gegangen.
Ich habe dieses Erlebnis persönlich als außerordentlich spektakulär in Erinnerung, sonst wurde sie wenig beachtet. Ich weiß bis heute leider nicht, wer diese Frau war?

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #3  
Alt 29.01.2010, 23:53
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Hier ein Foto und eine sehr schöne Beschreibung eines Originals der in den Tiroler Bergen lebte:

Ein Höhlenmensch der Neuzeit

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #4  
Alt 29.01.2010, 23:59
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An ein weiteres Original kann ich mich hier in Innsbruck erinnern:

In Innsbruck gab es in den 1970er Jahren einen alten Mann, hinter dessen Rücken alle gemunkelt haben, dass er sehr, sehr reich sei. Dieser alte Mann ging aber in sehr schlechter Kleidung mit einer einfachen Kappe als Kopfbedeckung durch die Stadt und verkaufte uralte Zeitschriften. Er hat kaum geredet und wenn überhaupt, dabei mehr die Zunge zwischen den Lippen bewegt.
Ich habe ihn öfters in der Innsbrucker Höhenstraße am Heimweg gesehen, wo er mühsam mit den Zeitschriften unterm Arm hochgegangen ist.

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #5  
Alt 30.01.2010, 00:25
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Elfie Elfie ist offline
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Hallo Wolfgang,
ich glaube bei der Saxophon-Spielerin handelte es sich um Lucia Westerguard, hier http://wien.orf.at/magazin/studio/wi...stories/91706/ kannst du das überprüfen.
Liebe Grüße, Elfie
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  #6  
Alt 30.01.2010, 00:47
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Hallo Elfie,

ganz herzlichen Dank - ja es war Lucia Westerguard! Auf Grund Deines Hinweises erkenne ich sie sofort wieder!

Ich habe sie am nächsten Tag nach einem Stones-Konzert in Wien gesehen, also vermutlich 1990, evt auch 1998. Ich war vom Vorabend ein wenig erschöpft und habe mich bei der Pestsäule ausgeruht, als die Dame plötzlich erschien und ganz herrlich Saxophon spielte. Niemand hat sie beachtet, es war fast ein Solokonzert. Für mich war das wirklich ein großes Erlebnis, die ältere Dame und ihr Saxophon-Spiel mitten in einer lauten Stadt.

Leider muss ich auch lesen, dass Lucia Westerguard im Juni 2008 verstorben ist.

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #7  
Alt 30.01.2010, 09:50
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Dresdner Dresdner ist offline
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Ein Original der Gegenwart ist der Drehorgelmann am Dresdner Residenzschloss der Wettiner, gegenüber der Semperoper.

SZ-online schreibt dazu in dieser Woche:

Zitat:
Der Dresdner Drehorgelmann feiert 70.

Jochen Schalk hat heute Geburtstag. Mit Freunden feiert er im Lindenhaus der Dresdner Tafel.
Die Geburtstagstorte dürfte inzwischen bei Jochen Schalk angekommen sein – eine neunstöckige Schichttorte aus Mürbeteig mit Johannisbeergelee und Buttercreme hat ihm seine Frau versprochen, gebacken nach uraltem Familienrezept.

Der Drehorgelspieler lebt seit Jahren getrennt von ihr, sie haben aber ein sehr herzliches Verhältnis, sagt er. Silvia Freifrau von Gravenreuth wird heute zwar nicht mit ihm im Lindenhaus auf der Mathildenstraße feiern, wo die Chefin der Dresdner Tafel, Edith Franke, für ihn von 15 bis 18 Uhr eine Feier ausrichten lässt. Doch Freunde sind aus seiner früheren Heimat Bad Salzuflen und Göttingen angereist. Und sicher werden zahlreiche Dresdner kommen, um ihm zu seinem 70. zu gratulieren.

Lange haben sie den Musikanten vom Theaterplatz nicht mehr gesehen und spielen hören. Jochen Schalk ist seit Sommer sehr krank. Im Oktober hatte er eine Bypass-Operation und kann nur schwer laufen. Im Frühjahr ist die nächste geplant. „Ich hatte mir vorgenommen, zu Ostern wieder zu spielen, ein, zwei Stunden, aber mein Arzt ist gar nicht begeistert“, erzählt das Dresdner Urgestein. So hofft er denn auf den Frühsommer.

Bis dahin hat er vielleicht auch eine neue Wohnung gefunden. Die jetzige ist für seine wirtschaftliche Lage zu groß und zu teuer. „Eine Spenderin hat meine Mietschulden übernommen, jetzt suche ich zusammen mit dem Sozialamt ein neues Zuhause“, sagt Schalk.
Markenzeichen von Schalks Drehorgel ist ein alter Plüschaffe, der sich bei jeder Spende "bedankt". Schalk ist auch von seiner Bekleidung her ein Original, sein Äußeres erinnert an die Minnesänger des Mittelalters. Für ein nettes Gespräch ist er gern zu haben und für jede Spende ist er dankbar. Eines kann er aber gar nicht leiden: Touristen, die ihn ungefragt filmen oder photographieren. Diese Leute bekommen dann schon einmal sehr derbe Bemerkungen zu hören und wenn sie darauf nicht reagieren, wird der Drehorgelmann richtig wütend.
Wünschen wir dem Drehorgelmann aber erst einmal gute Besserung und dass er spätestens im Sommer wieder die Dresdner und ihre Besucher unterhält.

Dresdner
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  #8  
Alt 30.01.2010, 13:20
siegi siegi ist offline
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Skurrile Menschen gibts und gab es wohl zu jeder Zeit und fast in jedem Ort. Nur die wenigsten werden zu bekannten Originalen, die lange Zeit unvergessen bleiben.
Erinnern kann ich mich an den Klarinetten Franze in Klagenfurt,der an der Ecke zum Stauder Platz seine Lieder spielte, oder an Erna, eine ca 70 Jahre alte Obdachlose in den 60ern. deren Lebensmittelpunkt der Heiligen Geist Platz war und von den Kindern und Jugendlichen immer gehänselt wurde. Grund dafür war eigentlich nicht ihre Armut, oder Obdachlosigkeit, sondern ihre Reaktionen auf die Bemerkungen der Leute. Wenn sie gut drauf war, kam schon mal ein Papierkorb oder ein anderes Wurfgeschoss angeflogen. Die verbalen Antworten könnten Bände füllen.
Zur Zeit gehört die 10 Schilling Frau (heute 1€, ja alles wird teurer) zu Klagenfurts Originalen. Die angebliche Hausbesitzerin dreht immer mit dem Spruch "Tschuldigung, haben sie bitte einen € für mich" ihre Runden durch die Innenstadt. Vielfach wird sie schon, bevor sie etwas sagen kann, mit ihrem eigenen Spruch abgewimmelt.
Leider vor kurzem verstorben ist eine Obdachlose, die ihr gesamtes Hab und Gut in einem Einkauswagen eines Supermarktes spazieren führte.
Ein Klagenfurter Original ist auch Jesus,(Bild 9) ein Mitvierziger mit Rasterlocken, der seinen Lebensmittelpunkt in der Uni Klagenfurt hat. Im Internet surfen, mit Studenten philosophieren, auch in Vorlesungen sitzen, das sind seine Vorlieben. Fast schon zum Maskottchen geworden, würde ihm keiner seinen Platz in der Uni wegnehmen.
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mfG siegi
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  #9  
Alt 30.01.2010, 18:49
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Elfie Elfie ist offline
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Auch ich erinnere mich an eine besondere Gestalt aus meiner Kindheit.
DER GRATULIER-TONI
in den 50er Jahren war rund um einen Ort im Bezirk Melk ein alter Mann unterwegs, der bettelnd von Haus zu Haus bestimmter Straßen ging. Er war kein gewöhnlicher Bettler sondern ein unter dem Namen "Gratulier-Toni" gut Bekannter. Sein Kennzeichen war ein großer Wecker, den er am Metallbügel über den Schellen wie eine Handtasche trug. Er kannte die Vornamen der Besuchten und vergaß nie zu gratulieren. Er war Analphabet, aber er besaß einen "Mandl-Kalender", der dürfte die nötige Information geliefert haben. Man sagte auch, dass er beteln gar nicht nötig hätte, es war für ihn gesorgt. Aber er dürfte die vertraute Umgebung und die Menschen vermisst haben.
Früher war er Knecht bei einem Bauern der Umgebung, aber als er nicht mehr arbeiten konnte, kam er in das für den Gerichtsbezirk zuständige Altenheim. Im Volksmund hieß das "Armenhaus" und es war fast eine Drohung und Schande, dort hin zu müssen. Es traf Menschen ohne Familie und solche, um die sich niemand kümmerte.
Toni vermisste dort seine Freiheit, die frische Luft, die Tiere und das Heu. Er ging auf Wanderschaft. Anfangs war man besorgt und versuchte, ihn festzuhalten, später bekam er die offizielle Erlaubnis, über Nacht weg zu bleiben. Sein ehemaliger Arbeitsgeber ließ ihn im Heu schlafen. Ging es ihm schlechter, blieb er im Heim. Auch, wenn es für´s Heu zu kühl wurde. Denn da hatte er in den Stall gewechselt, worauf man ihm mit Hausverbot drohte.
So ging das viele Jahre, meine Großmutter hatte für ihn ein altes Häferl aufgestellt, in dem sie die Groschen sammelte. Später kam zum Wecker ein Stock und immer öfter war er am Bahnhof anzutreffen. Er schaffte den 6km Fußweg bis zum Altenheim nicht mehr. Eines Tages war er veschwunden. Aber gesprochen wurde noch viele Jahre von ihm.
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  #10  
Alt 31.01.2010, 12:18
Rabenweib Rabenweib ist offline
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Ich habe hier in der Gegend einige solcher Originale gekannt.
Zum einen den "Güttl-Fritz" aus Opponitz.
Der lag einmal betrunken auf der Strasse und jammerte: "I wü ham zu meiner Mama!"
Ihn kannte jeder im Dorf und er war bekannt dafür, daß er gerne und viel
getrunken hat.

Dann gab es noch aus Hollenstein die "Ros`l" eine alte Frau die immer mit einem ganz kurzen Dirndlkleid rumlief, mit sich selbst redete und leider alles tat was man ihr sagte.
Das wurde besonderes von einigen Jungs ausgenützt und die fragten sie immer wieder mal, ob sie ihr Röckchen nicht hochheben wolle, was die Rosl dann auch tat worüber die Jungs sich dann laut gröhlend halb totlachten.

An einen "Roman" kann ich mich auch noch erinnern, er sah aus wie ein richtiger Wurzelsepp, trug auf seinem Hut immer Tannenzapfen und Blätter, fuhr gerne mit dem Zug von Lunz raus nach Waidhofen und wieder rein.

Alle drei sind mittlerweile verstorben aber vergessen werden sie wohl noch lange nicht sein.
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