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  #1  
Alt 18.01.2011, 11:02
Rabenweib Rabenweib ist offline
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Standard Todesmarsch durch Dipoldsau

Da gestern so schön die Sonne schien, zog es mich nach draussen, ich habe meine Fotoausrüstung und das Räucherzeug eingepackt und wir fuhren los Richtung Lunzer See.

Als wir so unterwegs waren zog es mich aber plötzlich nach Weyer, wir sind also über den Saurüssel drüber gefahren und nach Großraming, wo wir eine Weile nicht recht wussten, was wir da sollten. Wir haben uns an einer Tankstelle was zu trinken gekauft und sind dann wieder ein Stück zurück gefahren, da sahen wir Tafeln neben der Strasse.

Wir blieben stehen und da sahen wir, dass es Gedenktafeln eines ehemaligen KZ`s waren.

Durch Dipoldsau bei Großraming wurden die ungarischen Juden von der SS nach Mauthausen getrieben.

Hier führte ein langer Todesmarsch vorbei, viele Menschen sind hier an Hunger gestorben, wurden gequält und getötet, ihre Leichen in Heustadeln gelagert und erst nach dem Krieg in stark verwestem Zustand entfernt.

Nun wusste ich, warum es mich dort hingezogen hatte.
Ich fand neben dem Weg Maiskörner und einen flachen runden Stein. Ich legte den Stein auf den Wegrand, legte die Maiskörner darauf, streute Tabak rundherum und entzündete eine Räucherung.

Mein Sohn brachte getrocknete Kräuter, die er auf die Räucherkohle legte.

Wir standen eine ganze Weile in der Sonne, hörten die Vögel zwitschern, Wanderer gingen an uns vorüber und ich begleitete in Gedanken all die Toten an die Grenze zum Totenreich.
Alle die hier gestorben sind, ermordert und gefoltert wurden und den Weg nicht gefunden haben.
Das war meine gestrige Aufgabe.


Und meine Erfahrung des Tages war: DAS LEBEN GEHT WEITER!
Miniaturansicht angehängter Grafiken
IMG_7441.JPG   IMG_7439.JPG   IMG_7442.JPG   IMG_7447.jpg   IMG_7440.JPG  

IMG_7484.JPG   IMG_7459.JPG   IMG_7426.JPG   IMG_7461.JPG   IMG_7460.JPG  

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  #2  
Alt 19.01.2011, 13:07
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Standard AW: Todesmarsch durch Dipoldsau

Vielen Dank für diesen höchst bemerkenswerten illustrierten Bericht!

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #3  
Alt 19.01.2011, 13:17
Rabenweib Rabenweib ist offline
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Standard AW: Todesmarsch durch Dipoldsau

Bitte, gern geschehn.
Ich war verblüfft, dass ich davon noch nie gehört hatte. So in der Nähe... dabei interessiere ich mich eh seit Jahren für dieses Thema...
Dieses Foto von dem Todesmarsch (das Erste der Bilder) ist übrigens eines von zwei Bildern, die es von diesem Marsch gibt. Das Zweite ist identisch und vom selben Dachfenster aus fotografiert worden.

Es hat mich sehr nachdenklich gemacht.
Da hat jemand wahrscheinlich unter Lebensgefahr fotografiert, von einem Dachfenster aus- und diese zwei Fotos waren die einzigen wirklichen Belege für diesen Todesmarsch!
Wenn die wer weggeschmissen hätte, oder wenn sie nicht jahrelang aufbewahrt worden wären.... wäre das einfach vergessen worden.
Vielleicht hätten die Alten noch eine Weile davon erzählt, dann wären sie gestorben, die Jungen interessiert`s oft nicht...
Da sieht man mal, wie wichtig fotografieren sein kann.

Alles Liebe, Sonja
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  #4  
Alt 19.01.2011, 13:37
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Standard AW: Todesmarsch durch Dipoldsau

Ja ein mutiger Fotograf, der aus der Dachluke ein enorm wichtiges Zeitzeugnis geschaffen hat. Respekt vor jener Leistung!

Ein ähnliches versteckt aufgenommenes Foto gibt es übrigens auch vom Todesmarsch in Tirol.

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #5  
Alt 19.01.2011, 13:42
Rabenweib Rabenweib ist offline
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Standard AW: Todesmarsch durch Dipoldsau

Gibt es dazu wo einen Link? Würd ich auch gerne ansehen!


Hier noch ein Gedicht das mir eben eingefallen ist als ich so über den Fotografen nachdachte. Ihm zum Gedenken:


da steh ich versteckt an der dachbodenluke

da seh ich dinge die ich nicht sehen sollte

da spür ich und wein ich tränen, die ich nie weinen wollte

da hör ich sie rufen und schiessen und ihre hunde bellen,

sie laufen und laufen, so viele menschen, in wellen

ich wollt meine ohren wärn taub,

da sind sie gefoltert, erschossen, zerfallen - zu staub

da hab ich ein foto gemacht, zum beweis

und ich hielt es versteckt

viele von ihnen, elendig an hunger verreckt

ich hielt es verschlossen ich hielt es bei mir,

ich wollt es wär nie geschehn

ich hab sie gehört, ich hab sie gespürt

hab tränen geweint, viel zu viel gesehn

hab sie gehört und gespürt, ich hielt es bei mir,

ich wollt, es wär nie geschehn…



Sonja
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  #6  
Alt 19.01.2011, 13:49
SAGEN.at SAGEN.at ist offline
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Standard AW: Todesmarsch durch Dipoldsau

Zum Todesmarsch in Tirol etwa diese beiden Bilder:
- Mittenwald
- Seefeld

Das gesuchte Bild folgt noch.

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #7  
Alt 19.01.2011, 14:14
Rabenweib Rabenweib ist offline
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Standard AW: Todesmarsch durch Dipoldsau

dankeschön.
wahnsinn, was menschen alles tun und was sie alles mit sich tun lassen.
hab oben noch ein gedicht für den fotografen geschrieben.

alles liebe, sonja
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  #8  
Alt 20.01.2011, 00:53
Benutzerbild von maex
maex maex ist offline
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Standard AW: Todesmarsch durch Dipoldsau

Die Gedenkstätte in der Dipoldsau bei Weyer soll nicht nur an den Todesmarsch der Juden erinnern, vielmehr stand dort in Außenlager des Konzentrationslagers Mauthausen.

Die Weyrer Pfarrchronik berichtet, dass sich 1941 in Küpfern (am linken Ennsufer) und Dipoldsau (rechtsufrig, an der Bundesstraße), Gefangenenlager befanden, deren Insassen (Kriegsgefangene) beim Floßaufzug aus der Enns, beim Bahnhof- und Straßenbau arbeiten mussten.

Ab Juli 1943 bis 29.August waren es rund 130 KZ – Häftlinge, welche beim Kraftwerksbau in Großraming sowie beim Straßenbau (Der Kraftwerksbau erforderte eine Höherlegung der Eisenstraße entlang der Enns) eingesetzt waren.

Vereinzelt sind noch Mauerreste der Baracken der Häftlinge und der SS-Wachmannschaft zu finden.
Am steil abfallenden Ennsufer findet man Fundamentreste, die zu einer Materialseilbahn über den Ennsfluss gehörten. Am anderen Ennsufer befindet sich ein Steinbruch, indem Steine für den Straßen und Kraftwerksbau gebrochen wurde.

Auch rund 4 km vom Lager entfernt, Richtung Großraming, befand sich ein Steinbruch (Klamm-Mauer, Türkenmauer), wo Marmor gebrochen wurde. Dorthin wurden jeden Tag rund 130 Häftlinge zur Arbeit getrieben und natürlich auch wieder, nach getaner Arbeit, zurück.

Der Marmor von diesen Steinbruch wurde vorzüglich zum Brückenbau (Angelsbachbrücke) und für die zahlreichen Stützmauern verwendet.

Im Bereich der Angelsbachbrücke passierte beim Bau einer Stützmauer ein Unfall, wobei laut Aussage des Bauleiters ein Kipper abgestürzt ist, und dieser mehrere Häftlinge erschlug. Die Getöteten wurden einfach einbetoniert. Heute fahren jeden Tag tausende Autos über dieses makabere „Grab“.
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  #9  
Alt 20.01.2011, 01:04
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Standard AW: Todesmarsch durch Dipoldsau

Hallo Maex,

vielen Dank für diese wichtige und profunde Ergänzung!
Exzellente Dokumentation!

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #10  
Alt 20.01.2011, 10:44
Rabenweib Rabenweib ist offline
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Standard AW: Todesmarsch durch Dipoldsau

danke maex.
boah ist das gruslig mit der brücke....
wenn ich von den mauerresten gewusst hätte, hätt ich danach gesucht. (gut dass ich es nicht wusste. *kicher* mein mann war froh, als wir wieder weg fuhren)

alles liebe, sonja
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