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  #1  
Alt 06.07.2010, 18:59
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Hornarum48 Hornarum48 ist offline
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Standard Christophorus

In der Barockzeit und sicher auch noch danach hat man meist an äußeren Kirchenwänden gerne Christophorusdarstellungen in Freskomalerei angebracht. Ein sehr schönes Beispiel dafür zeigt die St. Stephanskirche in Horn, Niederösterreich, knapp unterhalb der Dachtraufe. Von dieser Darstellung geht im Volke die Meinung, jedenfalls kenne ich diese seit meiner Jugendzeit, dass derjenige, der andächtig zum Christophorus aufblickt, an diesem Tage nicht sterbe.
Ist dieser Aberglaube auch sonst verbreitet und wo?
Der Heilige ist Patron der Pilger und Reisenden und heute auch Patron der Kraftfahrer. Es gibt zahlreiche Wallfahrtsorte, wo auch regelmäßig Autoweihen stattfinden. Ein bedeutender diesbezüglicher Ort ist St. Christophen im Wienerwald seit dem Jahre 1928. Es gibt von diesen Wallfahrtsorten auch Wallfahrtsbilder und Medaillen, beispielsweise von St. Christophen und Sigmundsherberg, Niederösterreich. Belege in der Sammlung Prof. Hermann Maurer, Horn.
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  #2  
Alt 06.07.2010, 20:53
harry harry ist offline
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Standard AW: Christophorus

Ich kenne das auch von meiner Mutter (Kärnten nahe Spittal an der Drau).

Eine bemerkenswerten Christophorus-Darstellung ist an der nördlichen Innenwand der (ebenso bemerkenswerten) Kirche von Schöngrabern bei Hollabrunn zu sehen.
Seit ich diese Malerei gesehen habe, rätsle ich, wieso er in der Gestalt des Hl. Leopold III. (?) dargestellt ist.
Miniaturansicht angehängter Grafiken
SchGr_Christophorus_LeopoldIII.JPG  
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Harry
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  #3  
Alt 06.07.2010, 21:36
Benutzerbild von Elfie
Elfie Elfie ist offline
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Standard AW: Christophorus

Vielleicht hat das mit dem Landespatronat zu tun. Am Karner von St. Michael sind kaum sichtbare Reste von Wandmalerei, die der Dehio als Christophorus mit Herzoghut beschreibt.
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  #4  
Alt 06.07.2010, 21:57
Ulrike Berkenhoff Ulrike Berkenhoff ist offline
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Standard AW: Christophorus

Auch in unserer örtlichen Viktorkirche (Sankt Viktor, nach dem Heiligen aus Xanten) befand sich ein großes Christopheruswandgemälde, nur noch Reste
vorhanden. Mir wurde es so erklärt: der Haupteingang (Westen) wurde nicht
immer geöffnet, der Nordausgang war für Beerdigungen (Weg zum Kirchhof),
im Osten steht im Chor der große Antwerpener Altar, das Christopherusbild
sah man beim Hinausgehen neben dem Südportal, er segnet die Reisenden.
(Schwerte/Westfalen) -
Viele Bekannte haben eine Christopherus"plakette" im Auto, er soll sie
beschützen. Mir ist es fremd, da ich evangelisch bin, kannte ich dergleichen
früher gar nicht.
Viele Grüße von Ulrike
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  #5  
Alt 06.07.2010, 22:36
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Standard AW: Christophorus

Zitat:
dass derjenige, der andächtig zum Christophorus aufblickt, an diesem Tage nicht sterbe.
Das "Vollständige Heiligenlexikon", Hg. von J. E. Stadler, F. J. Heim und J. N. Ginal, Augsburg 1858 bis 1882, Band 1, S. 612 schreibt dazu:
"Die Gläubigen erkannten diese schöne Bedeutung, und es bildete sich nach dieser frommen Auffassung der Vers: Christophore sancte. virtutes sunt tibi tantæ, Qui te mane videt, nocturno tempore ridet; denn glücklich ist Jeder am Abend, wenn er mit Christo am frühen Morgen begonnen und sein Joch den Tag über redlich getragen. Später aber bildete sich ein anderer Vers, als Zeuge der veränderten Gesinnung, nämlich: Christophori sancti speciem quicumque tuetur, Ista nempe die non morte mala morietur, und es ist wohl möglich, daß mit solchen Bildern des hl. Christophorus, welche vor einem "bösen Tode" schützen sollten, mancher Mißbrauch getrieben wurde."
Ich glaube von dieser Vorstellung des Anblickens des Christophorus im Zusammenhang mit einer riesenhaften Darstellung an der Außenfassade einer Kirche auch im Vinschgau, Südtirol gehört zu haben.

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #6  
Alt 06.07.2010, 22:50
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Standard AW: Christophorus

Auch Wrede schreibt dazu im HDA, 1932:
"Am meisten wurde Christophorus als Patron gegen bösen, d.i. plötzlichen, unversehenen Tod verehrt. Nach der Legende erbat Christophorus vor seinem Tode von Gott für seine Verehrer sichere Hilfe gegen Todesgefahr. Weit und breit glaubte man daher früher, daß derjenige, der das Bild des Heiligen morgens andächtig betrachtet hätte, tagsüber vor dem Tode sicher sei. Veranlaßt durch diesen Volksglauben entstanden allenthalben an der Außenseite oder im Innern von Kirchen, an Burgen, Häusern, Brücken, Stadttoren und -mauern vielfach riesengroße Abbildungen oder Standbilder des Heiligen. Zahlreiche Verse und Aussprüche, deutsche und lateinische, am geläufigsten die oft angeführte Paraphrase:

Christophori faciem die quacumque tueris,
Illa nempe die morte mala non morieris

(Buxheimer Christoph von 1423, Holzschnitt) geben weiterhin laute Kunde von diesem tiefwurzelnden Volksglauben. Auch im Volkslied wurde der todbannenden Wirkung einer frommen Betrachtung seines Bildes gedacht. Den Aberglauben, den man mit den Christophorusbildern trieb, hat als einer der ersten Erasmus von Rotterdam in seinem Enchiridion militis christiani (can. IV) scharf gegeißelt. Dem, der den Christophorusbildern Tag um Tag seine Verehrung bezeigte, um vor einem vorzeitigen Tode bewahrt zu bleiben, wirft er vor, er bete, daß der Tod ihn nicht jählings treffe anstatt zu bitten, daß Gott ihm bessere Gesinnung verleihe usw. In dem 1508 erschienenen Lob der Narrheit (Encomium Moriae) rückte er der meist äußerlichen und abergläubischen Christophorus Verehrung weiter zu Leibe. Dort spricht er von drolligen Käuzen, die einem zwar törichten, aber beseligenden Aberglauben anhingen. Trotz solcher Angriffe und trotz der Reformation stieß die Beseitigung der Bilder noch später manchmal auf Schwierigkeiten, so 1750 in der lutherischen Kirche zu Breckerfeld."
Wolfgang (SAGEN.at)
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  #7  
Alt 06.07.2010, 23:43
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baru baru ist offline
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Standard AW: Christophorus

Zitat:
Wolfgang:Ich glaube von dieser Vorstellung des Anblickens des Christophorus im Zusammenhang mit einer riesenhaften Darstellung an der Außenfassade einer Kirche auch im Vinschgau, Südtirol gehört zu haben.
In den Judikarien (Rendenatal, Bleggio-Lomaso) im Trentino sind an den Außenfassaden der Kirchen, die von den Mitgliedern der Malerfamilie Baschenis (sie stammen aus einem Bergamasker Gebirgsdorf) mit Fresken versehen wurden, neben den Totentänzen auch überdimensionale Darstellungen des Hl. Christophorus zu sehen, bzw. noch zu erkennen:

Kirchlein S.Antonio Abate, Pelugo
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S.Stefano, Carisolo (ein besseres Foto war bei den Lichtverhältnissen leider nicht möglich)
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Name:	christo -s.stefano, carisolo.jpg
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S.Vigilio, Pinzolo
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Aber auch außerhalb der oben genannten Gegenden und nicht von den Baschenis sind sie zu sehen, wie hier am Kirchlein S. Tomaso in der Nähe von Andalo:
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Servus und a guate Zeit! Leni
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  #8  
Alt 07.07.2010, 00:08
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@ Baru:
- super Fotos aus einer wenig bekannten Gegend!

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #9  
Alt 08.07.2010, 13:16
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Hornarum48 Hornarum48 ist offline
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Standard AW: Christophorus

Ergänzend sei für die Christophoruswallfahrt von Sigmundsherberg noch angeführt, dass hier die ersten Autoweihen im Jahre 1937 stattfanden.
Nach dem im Jahre 1946 von F. Pitza geschaffenen Hochaltarbild wurden in der Folge (unbezeichnete) Ansichtskarten - als moderner Ersatz für Wallfahrtsbildchen? - mit der Darstellung des Hl. Christophorus ausgegeben.
Beleg dafür in der Sammlung Prof. Hermann Maurer, Horn. Siehe die Abbildung!
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Scannen0027.jpg  
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  #10  
Alt 25.07.2010, 15:11
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Hornarum48 Hornarum48 ist offline
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Standard AW: Christophorus

Ergänzend sei zu dem oben angeführten Wallfahrtsort St. Christophen im Wienerwald, der seit dem Jahr 1928 eine Wallfahrt der Kraftfahrer ist, ein Gebetszettel abgebildet. Dieser kann auch als spezieller Schutzbrief verstanden werden, ist doch darauf ein Platz für die Kennzeichennummer und den Namen des Autobesitzers ausgespart.
Beleg in Sammlung Prof. Hermann Maurer, Horn.

Zu dieser Wallfahrt der Autofahrer vergleiche auch Bildgalerie vom 24. Juli 2010.
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barock, kirche, tod, volksglaube

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