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  #1  
Alt 28.06.2008, 22:42
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Standard Der Thaurerkrieg in Hall - und ähnliche Beinahe-Katastrophen

Beim Bearbeiten eines älteren Textes zur Naturkunde im Tiroler Inntal bin ich auf ein nettes Detail gestossen:

Der Thaurerkrieg in Hall in Tirol im Jahr 1519

Am 24. August 1519 glaubte man in Hall in Tirol an einen feindlichen Angriff durch das Nachbardorf Thaur!
Die Haller hatten fliegende Leuchtkäferchen für angreifende feindliche Thaurer mit brennenden Lunten gehalten, was ihnen Spott einbrachte.

Wer kennt zum "Thaurerkrieg" weitere Details, oder ähnliche Fälle, wo derartige Verwechslungen passiert sind?

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #2  
Alt 30.06.2008, 19:02
D.F. D.F. ist offline
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Standard AW: Der Thaurerkrieg in Hall - und ähnliche Beinahe-Katastrophen

Viel kann ich zum Thaurerkrieg nicht bieten, weil ich ihn auch nur aus der gleichen Quelle kenne.
Das Thaurer Dorfbuch liefert nicht viel mehr, nur daß es zwischen Thaur und Hall Streit um Weiderechte gegeben habe und die Haller deswegen einen Angriff befürchtet haben könnten.

Was mich aber erstaunt: In den letzten zwei Wochen habe ich - wie alle Jahre - an schönen Abenden in meinem Garten, der ja nur ein paar Kilometer vom Ort des erschröcklichen "Krieges" entfernt ist, jede Menge Leuchtkäfer gesehen.
Ende August aber ist mir noch nie einer untergekommen!!!

Entomologisch staunend
mit freundlichen Grüßen
D.F.
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  #3  
Alt 30.06.2008, 22:03
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Standard AW: Der Thaurerkrieg in Hall - und ähnliche Beinahe-Katastrophen

Hallo D.F.,

hier wäre das Wissen eines Meteorologen gefragt, aber spricht man über das Wetter im 16. Jahrhundert nicht auch von einer "kleinen Eiszeit"?

In den Alpen soll es extrem lange und kalte Winter gegeben haben, das könnte die Verschiebung der Leuchtphase der Glühwürmchen in den späten August (meine Erstsichtung heuer: Mitte Juni 2008 im Vinschgau) doch erklären?
In der Kunstgeschichte zeigen doch auch die Bilder des 16. Jahrhunderts diese extremen Winter und durch Vulkanasche verdunkelten Himmel.

Übrigens: vielleicht schafft auch jemand ein Foto von einem Glühwürmchen (Leuchtkäfer)?

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #4  
Alt 30.06.2008, 22:56
D.F. D.F. ist offline
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Standard AW: Der Thaurerkrieg in Hall - und ähnliche Beinahe-Katastrophen

Lieber Wolfgang,

man könnte sich ja auch etwas Standardliteratur zu Gemüte führen, z.B. Fliris Naturchronik, um zu sehen, daß es so katastrophal nicht war: um 1520 etwas viel Regen, aber sonst??? Sehr kalt war es jedenfalls nicht.

Und was die Bilder betrifft: Da bin ich doch sehr geneigt, in fröhliches Gelächter auszubrechen!
Denn:
1. Wer je selbst ein Bild gemalt hat, weiß, daß man Farben verstärkt oder abschwächt, je nachdem, wie es wirken soll. - Aber das wäre nicht so schlimm. Viel schlimmer sind die Tatsachen, daß:
2. die lieben Naturforscher Bilder in ihrem Istzustand genommen haben, ohne Nachdunkelung usw. zu berücksichtigen (d.h.: nach einer Reinigung der Sixtina schaut das Klima bei der Erschaffung des Adam ganz anders aus...) und vor allem, daß sie
3. häufig genug gar keinen Zugang zum Original hatten, sondern nach möglicherweise farbstichigen Photos gearbeitet haben (da hat ja schon der von Dir zitierte heise.de-Artikel seine zart geäußerten, aber sehr gerechtfertigten Zweifel).

Die Aufforderung, der Schuster möge bei seinem Leisten bleiben, hat auch für Naturwissenschaftler manchmal etwas für sich, denn die Ergebnisse sind ja manchmal nur noch peinlich: Wenn z. B. Munchs Schrei (bei ganz gut bekannter Künstlerbiographie und Werkchronologie) um 10 (!) Jahre umdatiert werden muß, um den feurigen Himmel auf Krakatau hinzubiegen, fragt man sich doch, wo der Fehler liegt.

Daher beharre ich darauf: In der zweiten Augusthälfte gibt es in Hall keine Leuchtkäfer!

Freundlich grüßend

D.F.
(vielleicht gar in der Hoffnung, das so ruhige Forum in entomologische Erregung zu versetzen )

Geändert von D.F. (01.07.2008 um 04:45 Uhr)
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  #5  
Alt 30.06.2008, 23:03
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Standard AW: Der Thaurerkrieg in Hall - und ähnliche Beinahe-Katastrophen

Hallo D.F.,

Zitat:
Daher beharre ich darauf: In der zweiten Augusthälfte gibt es in Hall keine Leuchtkäfer!
ich frage einen Freund und Experten der Naturgeschichte im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum!
Warten wir auf seine Auskunft...

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #6  
Alt 01.07.2008, 09:40
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Standard AW: Der Thaurerkrieg in Hall - und ähnliche Beinahe-Katastrophen

... und die Antwort lautet:
"normalerweise gibt es Ende August keine Glühwürmchen mehr, sollte 1519 aber ein kaltes Jahr gewesen sein dann ist das prinzipiell möglich."

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #7  
Alt 01.07.2008, 15:13
D.F. D.F. ist offline
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Standard AW: Der Thaurerkrieg in Hall - und ähnliche Beinahe-Katastrophen

Sollte - könnte - prinzipiell
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  #8  
Alt 02.07.2008, 11:32
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Frage AW: Der Thaurerkrieg in Hall - und ähnliche Beinahe-Katastrophen

Hallo und so ...

Da es bei uns verschiedene Leuchtkäferarten gibt, der "kleine" eben etwa ab Johanni am Abend fliegt, der "große" eher später und eher auch noch nächtens, dieser daher unauffälliger ist - und Mütterchen Natur immer so einige Überraschungen bereit hält, halte ich es nicht für ausgeschlossen, dass auch Ende August mal solche Tierchen unterwegs sein können wenn alle Voraussetzungen passen ...

Allerdings will mir nicht in den Kopf, dass Menschen in diesem Zeitalter, die noch sehr viel näher an und in der Natur mit ihren jahreszeitlichen Erscheinungen lebten, Leuchtkäfer mit Fackeln verwechseln sollten. Die Flugbewegungen sind doch derart, dass sie - auf Entfernung besehen - keinesfalls durch Personen oder Menschengruppen mit Fackeln in der notwendigen Geschwindigkeit erfolgen könnten.

Weiters der Aspekt, dass diese Glühwürmchen außerhalb der normalen Flugzeit (Juni/Juli) unterwegs gewesen sein sollten und eigentlich nicht damit gerechnet werden konnte: Man muß in diesem Zusammenhang bedenken, dass auch alle anderen wichtigen Aspekte der natürlichen Abläufe, die damals eine wesentlich größere Wichtigkeit hatten als heute, z.B. der Vegetation und somit der Blüh- und Fruchtzeiten (Beeren), der Brutzeiten von Vögeln (schmackhafte Nestlinge), die Flugzeiten von Schmetterlingen und anderen Insekten (Bienen=>Honig) etc. sich verschoben haben müssen und diese Information über zeitliche Verschiebungen den Beobachtern sicher präsent gewesen wäre!

Daher tendiere ich eher zu der Auffassung, dass es sich um eine gezielte Schmähung der Haller durch die Thaurer handelte, wobei mit leicht durchschaubaren Vergleichen auf eine vorhandene oder zugesprochene Einfalt hingewiesen werden sollte ...

Schwitzende Grpße aus dem Steyrtal
Norbert
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  #9  
Alt 02.07.2008, 17:05
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Standard AW: Der Thaurerkrieg in Hall - und ähnliche Beinahe-Katastrophen

Grüß euch!

In einigen unserer Pinzgauer Sagen gibt es "Pucheln" (= Fackeln) und "Åchnliachtl" (Ache...) deren ungewöhnliches Erscheinen ihre Erklärung als "Moorliachtl" - Irrlichter finden.
Im früher versumpften Talboden könnt schon hie und da ein entzündes Gas aufgeflackert sein - wie war denn um die Zeit der Boden zwischen Hall und Thaur? Wurde dieses Phänomen nicht auch bei modernden Baumstümpfen beobachtet?
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Servus und a guate Zeit! Leni
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  #10  
Alt 03.07.2008, 08:18
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Daumen hoch AW: Der Thaurerkrieg in Hall - und ähnliche Beinahe-Katastrophen

Zitat:
Zitat von baru Beitrag anzeigen
... Wurde dieses Phänomen nicht auch bei modernden Baumstümpfen beobachtet?
Hallo baru,

Baumstümpfe beginnen dann oft zu leuchten, wenn sie an feuchten Standorten stehen, somit gut "durchfeuchtet" sind. Diese Feuchtigkeit wieder regt Pilze an, unter der Rinde dieser Stümpfe das Myzelium, das ist das Pilzgeflecht (der eigentliche Pilz!) auszubilden, das als dichtes Netzwerk den Raum zwischen Rinde und Holz ausfüllt. Fällt nun die Rinde letztendlich ab, liegt das Myzelium frei - und diese Pilzfäden beginnen bei manchen Pilzarten dann zu phosphoreszieren. Je nach Gestalt des Stumpfes oder auch abgebrochenen Baumes, je nach Struktur der abgeblätterten Rinde ergeben sich dann im Mondlicht zusätzlich weithin leuchtende "Monster" .... ich hatte mal einen auf vier Aststümpfen liegenden Fichten-Methusalem, der auf hunderte Meter am Gegenhang im lichten Wald absolut wie ein Saurier wirkte !! Und ich gebe gern zu, dass heftiges Herzklopfen trotz aller (digitaler) Aufgeklärtheit inkludiert war!!

Ich kann nur sagen, dass solche Umstände, die auch von der Witterung und der elektrischen Ladung der Luft abhängen, eine Biwaknacht im Wald spirituell äußerst bereichern! - und einem hierdurch auch die alten Glaubensvorstellungen ein gutes Stück näher bringen! Nicht zu Vergessen die Nutzung dieser Erscheinungen durch mit ihnen vertraute und den geisterhaften Eindruck vielleicht auch noch künstlich verstärkenden "Priester", "Schamanen", "Druiden" oder wie immer man sie nennen möchte.

Leider ist is mir bisher nie gelungen, das auch entsprechend auf Bild zu bannen - das Mondlicht überstrahlt bei langer Belichtungszeit zu sehr den Phosphorschein ...

Soviel meinerseits meine Erfahrungen aus "meinem" Nationalpark Kalkalpen zu leuchtenden Bäumen ...

Euer manchmal gänsehäutiger
Norbert
__________________
unterwegs mit allen Sinnen ...
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