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  #171  
Alt 10.03.2015, 15:57
alterego alterego ist offline
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Ohne weitere Worte:


An jenem Tag

An jenem Tag, der einmal kommen muß,
wird selbstverständlich alles weitergeh'n wie bisher,
als wäre nichts Besonderes vorgefallen.
Nur das Theatergebäude,
in welchem ich mich als Komiker verkleidet hatte,
wird einen schwarzen Stoff in den Wind hängen.

An jenem Tag, der einmal kommen muß:
Zeitungen werden mein Bild zeigen
"Wieder einer von der alten Garde",
"Wie werden seiner gedenken!"
Eine Minute im Radio.
Und die werden mir das Geleit geben,
die im Leben so wenig mit mir gegangen sind.

An jenem Tag, der einmal kommen muß -
an den Fingern einer einzigen Hand
wird man sie abzählen können,
die ehrlich um mich trauern,
denen der Verlust wirklich weh tut.
Euch segne ich, sende euch Trost -
bald wird alles vergessen sein.

An jenem Tag -
das Tor zum Licht wird für mich aufgetan sein.
Ich werde alle Bindungen und Verwirrungen lösen können.
Ich werde erkennen die große Wirklichkeit.
Wahrscheinlich - nein, sogar bestimmt -
werde ich unsagbar glücklich und
grenzenlos zufrieden sein.

Denn: An jenem Tag
hinter jenem goldenen Tor
wird ein riesiges Theater sein.
Mit Kollegen, die immer kollegial sind,
mit Kritikern, die immer sachlich sind,
mit Regisseuren, die immer geduldig sind,
die himmlischen Heerscharen mein Publikum.
Und ich werde alle zum Lachen bringen.
Aber plötzlich einmal - ganz unerwartet -
werde ich mittendrin - ganz unerwartet -
etwas ganz Wesentliches sagen dürfen,
etwas, das uns alle betrifft.
Und alle werden mit dem Kopf nicken
an jenem Tag und sagen:
"Das war richtig so!
Das war wichtig so!
Da spürt man doch,
dass er auch ein Mensch war."
Und sie werden
einen himmelblauen Stoff
in den Wind hängen,
einen strahlenden
Rundhorizont
um die ganze
weite Erde,
und ich werde
glücklich sein
und ich werde
sehr zufrieden sein

an jenem Tag,
an jenem Tag,
an jenem Tag.

Max Böhm
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  #172  
Alt 10.03.2015, 17:13
Babel Babel ist offline
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Vor vollen Schüsseln muß ich Hungers sterben,
am heißen Ofen frier ich mich zu Tod,
wohin ich greife, fallen nichts als Scherben,
bis zu den Zähnen geht mir schon der Kot.
Und wenn ich lache, habe ich geweint,
und wenn ich weine, bin ich froh,
daß mir zuweilen auch die Sonne scheint,
als könnte ich im Leben ebenso
zerknirscht wie in der Kirche niederknien ...
ich, überall verehrt und angespien.

Nichts scheint mir sichrer als das nie Gewisse,
nichts sonnenklarer als die schwarze Nacht.
Nur das ist mein, was ich betrübt vermisse,
und was ich liebte, hab ich umgebracht.
Selbst wenn ich denk, daß ich schon gestern war,
bin ich erst heute abend zugereist.
Von meinem Schädel ist das letzte Haar
zu einem blanken Mond vereist.
Ich habe kaum ein Feigenblatt, es anzuziehn ...
ich, überall verehrt und angespien.

Ich habe dennoch soviel Mut zu hoffen,
daß mir sehr bald die ganze Welt gehört,
und stehn mir wirklich alle Türen offen,
schlag ich sie wieder zu, weil es mich stört,
daß ich aus vollen Schüsseln fressen soll.
Die Würmer sind schon toll nach meinem Bauch,
ich bin mit Unglück bis zum Halse voll
und bleibe unter dem Holunderstrauch,
auf den noch nie ein Stern herunterschien,
François Villon, verehrt und angespien.

François Villon (1431 – nach 1463), Nachdichtung von Paul Zech
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  #173  
Alt 10.03.2015, 19:28
Ulrike Berkenhoff Ulrike Berkenhoff ist offline
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Villon - einfach Klasse
von Kinski gesprochen (alte Schallplatte) - schaurig schön - Ulrike
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  #174  
Alt 10.03.2015, 21:22
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Elfie Elfie ist offline
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Zitat:
Zitat von alterego Beitrag anzeigen
Ohne weitere Worte:
Vielen Dank für die Erinnerung an diesen ungewöhnlichen und so sehr verkannten Künstler, der sein Prominentenleben lang nur "Maxi" und Witzepräsident war.
Nun hab ich mir die beiden schmalen Lyrik-Bändchen raus gesucht und da draus wird ein Leseabend .
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  #175  
Alt 03.04.2015, 17:00
alterego alterego ist offline
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Weil ich es gerade auf einer Reinhard Mey - Platte geört habe
und es mich berührt hat.

Bedenkt

Bedenkt, dass jetzt um diese Zeit, der Mond die Stadt erreicht.
Für eine kleine Ewigkeit sein Milchgebiss uns zeigt.

Bedenkt, dass hinter ihm ein Himmel ist,
den man nicht definieren kann.
Vielleicht kommt jetzt um diese Zeit
ein Mensch dort oben an.
Und umgekehrt wird jetzt vielleicht
ein Träumer in die Welt gesetzt.
Und manche Mutter hat erfahren,
dass ihre Kinder nicht die besten waren.

Bedenkt auch, dass ihr Wasser habt und Brot,
dass Unglück auf der Straße droht,
für die, die weder Tisch noch Stühle haben
und mit der Not die Tugend auch begraben.

Bedenkt, dass mancher sich betrinkt,
weil ihm das Leben nicht gelingt,
dass mancher lacht, weil er nicht weinen kann.
Dem einen sieht man's an, dem andern nicht.

Bedenkt, wie schnell man oft ein Urteil spricht.
Und dass gefoltert wird, das sollt ihr auch bedenken.
Gewiss ein heißes Eisen, ich wollte niemand kränken,
doch werden Bajonette jetzt gezählt und wenn eins fehlt,
es könnte einen Menschen retten,
der jetzt um diese Zeit in eurer Mitte sitzt,
von Gleichgesinnten noch geschützt.

Wenn ihr dies alles wollt bedenken,
dann will ich gern den Hut, den ich nicht habe, schwenken.
Die Frage ist, die Frage ist,
sollen wir sie lieben, diese Welt?
Sollen wir sie lieben?
Ich möchte sagen, wir wollen es üben.

Hanns Dieter Hüsch
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  #176  
Alt 03.04.2015, 18:49
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Elfie Elfie ist offline
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Passt auch irgendwie zum heutigen Tag.

Wieder ein guter Tipp für heute Abend .
Diese wunderbare Live-CD wird hoffentlich nicht seine letzte sein.
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  #177  
Alt 24.06.2015, 23:12
Babel Babel ist offline
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Der Schöpfung Meisterstück

Gott schuf die Welt vor alten Zeiten,
Zuletzt vom Mann ein Exemplar,
Und das schien freilich anzudeuten,
daß Gott schon etwas müde war!

Und als er sein Geschöpf beaugte,
Da fehlte dies, da fehlte das,
Und an dem ganzen Manne taugte
Nur eine einzige Rippe was.

Die ward ihm auch noch abgenommen
Und eine Frau daraus gemacht;
So sind wir später zwar gekommen,
Jedoch geschaffen mit Bedacht.

Und zu der Frau'n gerechtem Lobe
Erkennt man auf den ersten Blick:
Der Mann war nur ein Stück zur Probe,
Wir aber sind das Meisterstück!

Aus: Luise Holle (Hrsg.), Im Deutschen Hause. Ein Ratgeber und Helfer für das gesamte häusliche Leben der deutschen Familie, Bd. 2, S. 661, Hanau 1904

Das Gedicht (ohne Verfasserangabe) ist eines unter vielen, die dazu gedacht sind, bei fröhlichen Geselligkeiten deklamiert zu werden. Die Feministinnen des ausgehenden 20. Jahrhunderts haben für geschilderten Vorgang bekanntlich eine kürzere Formulierung gefunden: "Als Gott den Mann erschuf, übte sie (!) nur."
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  #178  
Alt 24.06.2015, 23:17
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Elfie Elfie ist offline
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1904 hat die sich das zu schreiben getraut??
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  #179  
Alt 24.06.2015, 23:25
Babel Babel ist offline
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Zitat:
Zitat von Elfie Beitrag anzeigen
1904 hat die sich das zu schreiben getraut??
Ja, das hat mich auch sehr erstaunt. Es gab eben immer Einzelne, die ihrer Zeit voraus waren!
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  #180  
Alt 31.07.2015, 15:55
Jutta Jutta ist offline
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Zitat:
Zitat von Babel Beitrag anzeigen
Es gab eben immer Einzelne, die ihrer Zeit voraus waren!
Allerdings. Ich möchte deshalb hier auf ein Gedicht von Theodor Fontane hinweisen: "Das Trauerspiel von Afghanistan":

Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt,
Ein Reiter vor Dschellalabad hält,
"Wer da?" - "Ein britischer Reitersmann,
Bringe Botschaft aus Afghanistan."

Afghanistan! Er sprach es so matt,
Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,
Sir Robert Sale, der Kommandant,
Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.

Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn,
Sie setzen ihn nieder an den Kamin,
Wie wärmt ihn das Feuer, wie Iabt ihn das Licht,
Er atmet hoch auf und dankt und spricht:

"Wir waren dreizehntausend Mann,
Von Kabul unser Zug begann,
Soldaten, Führer, Weib und Kind,
Erstarrt, erschlagen, verraten sind.

Zersprengt ist unser ganzes Heer,
Was lebt, irrt draußen in Nacht umher,
Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,
Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt."

Sir Robert stieg auf den Festungswall,
Offiziere, Soldaten folgten ihm all',
Sir Robert sprach: "Der Schnee fällt dicht,
Die uns suchen, sie können uns finden nicht.

Sie irren wie Blinde und sind uns so nah,
So laßt sie's hören, daß wir da,
Stimmt an ein Lied von Heimat und Haus,
Trompeter blast in die Nacht hinaus!"

Da huben sie an und sie wurden's nicht müd',
Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied,
Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang,
Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.

Sie bliesen die Nacht und über den Tag,
Laut, wie nur die Liebe rufen mag,
Sie bliesen - es kam die zweite Nacht,
Umsonst, daß ihr ruft, umsonst, daß ihr wacht.

Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan.

(Der Schriftsteller Theodor Fontane (1819 - 1898) leitete in London als Auslandskorrespondent 1855 - 1859 die im Auftrag des preussischen Ministerpräsidenten Otto Freiherr von Manteufel erscheinende deutsch-englische Korrespondenz. Mit dieser Ballade beschreibt er 1857 den katastrophalen Ausgang des ersten der drei anglo-afghanischen Kriege (1839 - 1842). In diesem Konflikt versuchten Briten und Russen die koloniale Vorherrschaft in Zentralasien zu erringen)
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