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Alt 29.06.2016, 18:53
Babel Babel ist offline
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Standard Kleinstadtbahnhöfe früher und heute. Ein Trauerspiel

In den letzten Monaten mußte ich viel mit den "Bummelzügen" fahren, die an jedem Kleinstadtbahnhof halten – und an jedem blutete mir das Herz.

Früher war der Bahnhof der Stolz jedes Städtchens. Man war kein Dorf, war nicht irgendein Kaff, wenn man eine Bahnstation hatte. Noch als Oberschülerin dachte ich, der Unterschied zwischen einem Dorf und einer Stadt sei der, daß die Stadt einen Bahnhof hat, das Dorf aber nur eine Bushaltestelle.

Noch in den 50er Jahren war der Bahnhof die "Visitenkarte" des Ortes, denn er war das erste, was ein Reisender sah (wer hatte schon ein Auto?). Er war gepflegt, frisch gestrichen und im Sommer voller Blumen: Blumenkästen an allen Fenstern und Blumenampeln, die vom Vordach herabhingen. Noch ein bißchen bunter wurde er durch Blechplakate (Schöller-Wolle, Nomotta, Juno, Provinzial-Feuersozietät). Herrscher über den Bahnhof war der Bahnhofsvorsteher, eine Respektsperson in schicker Uniform mit Mütze, der mit Trillerpfeife und erhobener Kelle dem Zugführer die Abfahrt frei gab.

Viele dieser kleinen Bahnstationen wurden im Zuge von Streckenstilllegungen funktionslos. Mancherorts wurden auch Bahnhöfe verlegt. Alte Kleinstadtbahnhöfe, die noch angefahren werden, bestehen heute meist nur noch aus einem übel vernachlässigten Gebäude, entweder verrammelt oder gerade noch als überdachter Durchgang und Warteraum (für Winter- und Schlechtwettertage) offen gehalten. Den Bahnhofsvorsteher, der früher im Obergeschoß wohnte, gibt es nicht mehr; seine Funktionen haben das zentral gesteuerte elektronische Stellwerk und der Fahrkartenautomat übernommen.

Die "Infrastruktur" der heutigen Bahnstation besteht aus einer elektronischen "Fahrgastinformation", einem Aushangkasten mit dem Fahrplan und den "Beförderungsbedingungen" der Bahn, einer unbequemen Bank aus Metallgeflecht, auf der man einen karierten Hintern bekommt , einem Abfallkorb, einem Zigarettenautomaten und einem dieser genormten Glaskästen auf dem Bahnsteig, der dem Bahnhofsgebäude gegenüberliegt. Und natürlich etlichen Verbotsschildern.

Nebengebäude wie die Lagerhäuser der landwirtschaftlichen Genossenschaften mit ihren Laderampen sind, soweit noch vorhanden, völlig verrottet. Geschotterte Flächen dienen als Parkplätze, daneben entwickelt sich meist eine Art wilder Mülldeponie, oder irgendeine Baufirma lagert ab, was ihr anderswo im Weg ist.

Eigentümer der Bahnhöfe ist die Deutsche Bahn AG, und die läßt sie verrotten. Stillgelegte Bahnhöfe verkauft sie; die Gemeinden haben ein Vorkaufsrecht. Aber die Restaurierung eines längst leerstehenden, über Jahrzehnte verkommenen Gebäudes ist teuer – meist zu teuer für eine kleine Gemeinde. Dazu kommt, daß der Bahnhof an der Peripherie des Ortes liegt und mit der Stilllegung auch der Weg zum Ortskern bedeutungslos und oft nicht mehr unterhalten wurde. Trotzdem hat manches Städtchen eine Nutzungsmöglichkeit gefunden und seinen Bahnhof gekauft, meist mit Unterstützung durch Sponsoren und/oder Vereine. Sie haben wieder eine Funktion und sind wieder schön, auch wenn die Blumenkästen fehlen. Zwei Beispiele aus meiner Region sind Gerstetten, heute Riff- und Eisenbahn-Museum, und Westerstetten, heute Modellbahn-Museum.
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